Zwei Luzerner Betriebe präsentierten am Milchviehforum vom BBZN Hohenrain, welches online stattfand, ihre professionelle Aufzuchtstrategie.
Dank dem Einsatz von gesextem Sperma kann die Familie Lisebach aus Beromünster aus ihren 65 Kühen jährlich rund 35 Kuhkälber selektionieren. Die Aufzucht ihres Jungviehs ist fast schon stabsmässig durchorganisiert.
Früh integrieren
«Der erste Lebenstag des Kalbes ist entscheidend, Fehler innerhalb dieser Zeitspanne wirken sich stark auf die darauffolgenden 720 Aufzuchttage aus», betonte Betriebsleiter Hansjörg Lisebach und präzisierte sogleich: «Der erste Tag des Kalbes beginnt für uns mit der frühzeitigen Integration des Muttertieres in die Milchviehherde.» Das geschieht nach rund achteinhalb Monaten Trächtigkeitsdauer. In dieser Zeit wird den hochträchtigen Tieren ein Selenbolus verabreicht, was sich positiv auf das Saugverhalten und Vitalität der Kälber auswirke. Mit der frühen Integration wird auch verhindert, dass die Muttertiere bereits vor der Abkalbung in ein Energiedefizit kommen, gleichzeitig gewöhnen sie sich an den Melkroboter.
Nach einer möglichst stressfreien Geburt steht die zeitige, mehrmalige und ausreichende Versorgung mit genügend Kolostralmilch im Fokus. «Das Drenchen des Kalbes oder Verabreichen von gleich vier Litern aufs Mal ist unnatürlich und widerspricht meinen Überzeugungen», so Lisebach. Während der kälteren Monate wird das neugeborene Kalb zudem mit einer Kälberdecke vor zu grossem Energieverlust geschützt.
Die Aufzucht der Familie Lisebach ist intensiv und professionell, der Mineral- und Wirkstoffversorgung wird grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Die Tränkemilch wird in den ersten 35 Lebenstagen mit rund 250 Gramm Milchpulver ergänzt. Mit rund drei Monaten wird die Milch abgesetzt. Wasser, Heu, Luzerne und zwei Kilogramm Aufzuchtfutter stehen während der Absetzphase auf den Fütterungsplan, bevor langsam auf die Mischration der Kühe umgestellt wird. Hansjörg Lisebach wies darauf hin, dass genügend Struktur nicht nur bei den Milchkühen wichtig ist, auch beim Jungvieh könne es zu einer Pansenübersäuerung kommen.
Bis zum ersten Lebensjahr bleiben die Jungtiere im Stall, auf einen Weidegang wird verzichtet. Auch später holen sich die Tiere ihre Ration grösstenteils im Stall. «Unser Jungvieh ist nie ausschliesslich auf der Weide. Bilder von hustendem Jungvieh, welches wochenlang unter Obstbäumen steht, sind mir ein Graus», so der Betriebsleiter.
«Drenchen finde ich unnatürlich.»
Landwirt Hansjörg Lisebach verzichtet darauf.
Bei gesundheitlichen Problemen wird sofort eingegriffen. Unterschätzt würden vielfach Verluste durch Klauenprobleme. «Vor einigen Jahren schleppten wir über einen Aufzuchtbetrieb Mortellaro ein, was zu viel Mehrarbeit führte.» Diese Erfahrung und andere Enttäuschungen mit den Aufzuchttieren waren der Grund, dass sich die Familie Lisebach im Jahr 2014 entschied, die Aufzucht nicht mehr wie bisher extern auszulagern, sondern wieder in die eigenen Hände zu nehmen.
Kein billiger Weg
«Auf Aufzuchtbetrieben kommen Tiere aus verschiedenen Höfen zusammen, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann», so Hansjörg Lisebach. Er betont, dass sein Weg nicht günstig sei, pro Tier und Tag rechnet er mit über vier Franken. 90 Franken pro Monat würden nicht für die Aufzucht von Tieren mit einem Abkalbealter von 24 Monate ausreichen. Die professionelle Aufzucht ohne Tierverkehr führe zu umgänglichen, gesunden und wirtschaftlichen Milchkühen mit wenigen Verlusten. Dank dieser positiven Entwicklung wurde mittlerweile auch der Nutztierverkauf ein wichtiger Betriebszweig auf dem Beromünster Zuchtbetrieb.
Vor Absetzen in Aufzucht
Dass die Aufzucht nicht nur auf dem Geburtsbetrieb, sondern auch extern sehr professionell sein kann, zeigte Guido Häfliger aus Willisau. Seine Jungtiere kommen in einem Alter von einem bis vier Monaten auf seinen Betrieb. Dank eines Tränke-Kraftfutterautomaten kann er das Absetzen von der Milch einfach gestalten: «Am liebsten habe ich es, wenn die Kälber kurz vor dem Absetzen zu uns kommen. Dann ist es mir möglich, ihnen noch etwas Pulvermilch zu geben, was in dieser intensiven Zeit viele Probleme entschärft», so Guido Häfliger. Seit 2005 ist die Kälberaufzucht auf seinem vielseitigen Hof Ober-Hofstetten ein wichtiger Betriebszweig. Er ist laufend bestrebt, die Haltungsbedingungen zu optimieren.
Eine grosse Verbesserung brachte bei der Gruppe der jüngsten Tiere die Umstellung von einer Tiefstrohbucht zu einem Hochstrohbett. Da die Kälber so einen halben Meter über dem tiefsten Punkt des Stallbodens liegen, sind die Ammoniakbelastung und somit auch die Probleme mit der Kälbergrippe stark zurückgegangen. Auch die Thematik der Flechten konnte er mit dem Einsatz von UV-Lichtlampen stark vermindern. Die Futterration ist ähnlich wie beim Betrieb Lisebach, intensiv und strukturreich.
«Mit dem Band messen ist ungenau.»
Betriebsleiter Guido Häfliger bevorzugt die Waage.
Viermal jährlich wiegen
«Sind die Tiere erfolgreich belegt, kommen sie in die Rekrutenschule», umschreibt Guido Häfliger die Haltung der älteren Tiere im Aussenklimastall bildlich. Im Winter erhalten diese Heu und Silo plus Mineralstoffe, im Sommer Ökoheu, zudem werden sie halbtags geweidet. Der Weidebeginn ist möglichst zeitig, die Tiere waren auch schon bereits im Februar erstmals auf den vier Grosskoppeln am Überweiden. Wird das Graswachstum stärker, werden die Mähweiden weiter unterteilt.
Viermal jährlich überprüft Häfliger die Tageszunahmen, indem er alle Tiere wiegt. «Die Unterschiede zwischen den mit dem Band gemessenen und den effektiven gewogenen Werten sind teils frappant und betragen bis 100 Kilogramm.» Dank seinen exakten Messwerten hat Guido Häfliger eine zuverlässige Erfolgskontrollen für seine Kunden und sich selber. Zudem kann er so die Tiere nach Gewicht und nicht nach Alter in die sechs Tiergruppen einteilen.
Nie unträchtig nach Hause
Mit rund 400 kg werden die Rinder künstlich besamt. «Bei entsprechender Entwicklung haben wir schon Tiere mit 13 Monaten gedeckt.» Auf eine Trächtigkeitskontrolle verzichtet Guido Häfliger, dennoch ging seit 2005 noch nie ein unträchtiges Rind auf den Geburtsbetrieb zurück
Schutz vor tiefen Temperaturen
Spannende Fakten präsentierten Astrid Lussi vom BBZN und Corinne Bähler vom Kälbergesundheitsdienst am Milchviehforum. Das Rind und somit auch das neugeborene Kalb seien ursprünglich Beutetiere gewesen. Somit seien diese bei der Geburt sehr stressanfällig und ein ruhiger Geburtsablauf zwingend. In der Natur würde es im Winter infolge der Kälte nie Abkalbungen geben. Entsprechend wichtig sei es, das Neugeborenen vor tiefen Temperaturen mittels Föhnboxen, Decken und passenden Stallsystemen zu schützen. Durch die dicke Gebärmutterwand der Kuh könnten kaum Antikörper über Gebärmutterschleimhaut von der Kuh zum Kalb übergehen, wodurch die frühzeitige und ausreichende Kolostralmilch Gabe entsprechend bedeutend sei.

