Deutliche Kritik am Bundesprojekt «Verkehr 45» prägte die Fachtagung der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), die Ende August in Scuol GR stattfand. Zwar verspreche der Titel, dass Bahn und Strasse in der Verkehrspolitik endlich zusammengedacht würden – tatsächlich beschränke sich der gemeinsame Nenner aber auf die Finanzierungsfrage, kritisierte Carmelia Maissen, Regierungsrätin des Kantons Graubünden und Vorsteherin des Departements für Infrastruktur, Energie und Mobilität.
Für eine wirklich abgestimmte Planung bietet das Paket keinen Mehrwert. «Verkehr 45 ist eine verpasste Chance, die Mobilität in der Schweiz mit einem systemischen Ansatz anzugehen», brachte sie ihre Kritik auf den Punkt.
Die Realitäten der Berggebiete würden im aktuellen Entwurf zu wenig berücksichtigt, so Maissen weiter. Graubünden etwa habe eine geringe ständige Bevölkerung, müsse aber als Transitkanton ein Verkehrssystem für weit mehr Menschen bewältigen, als die Einwohnerzahl vermuten liesse – mit ausgeprägten Spitzentagen, die in klassischen Bewertungskriterien wie Bevölkerungsdichte oder durchschnittlichem Verkehrsaufkommen kaum abgebildet würden.
Mehr Redundanz auf alpinen Achsen
Besonders eindringlich war der Hinweis von Carmelia Maissen auf die Bedeutung von Redundanz im Verkehrsnetz: Der Wert einer Verbindung zeige sich oft erst, wenn eine Strecke wegen eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe gesperrt sei.
Während im Mittelland in solchen Fällen meist Alternativrouten zur Verfügung stünden, komme in einem Bergtal der Rettungsdienst schlicht nicht mehr durch, wenn die einzige Strasse blockiert sei. Angesichts des Klimawandels brauche es deshalb mehr statt weniger Redundanz auf den alpinen Achsen – und eine stärkere Priorisierung dieser Netze im Gesamtsystem.
Ihr Fazit: Es brauche eine Rückbesinnung auf bewährte Planungsprozesse und fundierte Bedarfsanalysen.

Was ist «Verkehr 45»?
Mit «Verkehr 45» will der Bundesrat erstmals den Ausbau von Strasse und Schiene in einem gemeinsamen Paket planen – als Reaktion auf das Nein zum Autobahnausbau von 2024 und die gestiegenen Kosten im Bahnausbau. Bis 2045 sollen rund 10,8 Milliarden Franken in die Nationalstrassen und 24 Milliarden in die Schiene fliessen, unter anderem für einen Viertelstundentakt zwischen Bern und Zürich ab 2035.
Für die Finanzierung des Bahninfrastrukturfonds soll das bisher befristete Mehrwertsteuer-Promille dauerhaft gesichert werden – dafür braucht es eine Verfassungsänderung und damit eine Volksabstimmung. Verkehrsminister Albert Rösti hat die Vernehmlassung eröffnet; sie läuft bis Oktober 2026.
Widerspruch kam von Ueli Seewer, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Raumentwicklung ARE. Die grossen Verkehrsströme lägen nun einmal im Mittelland, und ein Vergleich der regionalen Investitionen sei ohnehin schwierig – etwa im Fall Uri, wo Autobahninvestitionen nicht auf das Konto des Kantons gingen.
«Man darf nicht sagen, der Bund lasse die Berggebiete allein», hielt er fest. Urbane Projekte wie der Ausbau des Bahnhofs Luzern kämen letztlich der ganzen Innerschweiz zugute, zudem gebe es auch innerhalb der Berggebiete eigene Agglomerationsprogramme.
Engadin profitiert vom Vereina-Tunnel
Wie konkret sich gute Erschliessung auswirken kann, zeigten Beispiele aus der Praxis: Im Unterengadin habe der Vereina-Tunnel das Gefühl der geografischen Isolation deutlich reduziert, berichtete Aita Zanetti, Gemeindepräsidentin von Scuol – von der Anbindung profitierten heute Tourismus, Dienstleistungsbetriebe und Digitalunternehmen.
Im Oberwallis habe der Lötschberg-Basistunnel gemäss Thomas Egger, Nationalrat (VS) und Direktor der SAB, einen regelrechten Boom ausgelöst, mit umgekehrten Pendlerströmen von rund 800 Personen täglich.
Im Tessin falle die Bilanz zum Gotthard-Basistunnel differenzierter aus: Zwar habe Bellinzona vom Tagestourismus profitiert, doch die Nordtäler litten laut Marco Costi, Vizepräsident der Ente Regionale per lo Sviluppo Bellinzonese e Valli, weiterhin unter negativer Bevölkerungsentwicklung.
Jugendliche entscheiden mit
Übersehen wird dabei oft eine zentrale Zielgruppe: Céline Pralong, Präsidentin des Jugendforums der SAB, verwies darauf, dass Jugendliche ohne eigenes Auto in Bergdörfern ohne funktionierenden öffentlichen Verkehr faktisch isoliert seien. Das habe direkte Auswirkungen darauf, ob Familien überhaupt in ein Bergdorf ziehen oder dort bleiben wollten – eine Frage, die letztlich über die demografische Zukunft ganzer Täler mitentscheide.
Die SAB selbst zieht aus der Tagung ein klares Fazit: «Verkehr 45» berücksichtige die Anliegen der Berggebiete und ländlichen Räume in der aktuellen Fassung zu wenig. Wichtige Engpassprojekte wie der Isla-Bella-Tunnel auf der A13 oder die Sanierung der Magadino-Ebene würden teils auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Organisation kündigte an, ihre Stellungnahme zu «Verkehr 45» in den nächsten Wochen zu finalisieren und zu publizieren.

