Es war im Jahre 2005, als Werner und Jolanda Gschwind einen Systemwechsel einschlugen. «Vorher hatten wir unseren Hof mitten im Nachbardorf Hofstetten. Wir waren damals auf Schweinehaltung spezialisiert, weil wir keine arrondierte Weidefläche hatten», erinnert sich Werner Gschwind.
Dass eines Tages Geruchsemissionen des Schweinestalls mitten im Dorf problematisch sein würden, damit hatte er gerechnet. Hofstetten befindet sich in der Agglomeration Basel. Hier einen Aussiedelungsstandort zu finden, auf dem Schweinehaltung im grösseren Stil betrieben werden kann, ist laut Gschwind praktisch unmöglich. So kam es, dass sie sich für Mutterkühe entschieden und in Ettingen einen neuen Betrieb aufbauten, den Chirsgartehof.
Aber weshalb genau Mutterkühe? «Ich hatte kein Milchkontingent mehr, das hatte ich bereits einige Jahre zuvor verkauft», so Gschwind. Ein viehloser Betrieb kam für die Familie nicht infrage, auch weil viele ihrer Flächen nicht zum Pflügen geeignet seien, wie sie sagen.
Frühe Fettabdeckung angestrebt
Die abgesetzten Kälber mästet Werner Gschwind selbst aus. Das Ziel ist, ohne Kraftfutter Tiere mit einem Schlachtgewicht von 300 kg und einer C3-Klassierung zu produzieren. Um das zu erreichen, setzt er auf frühreife Limousin-Linien. Wichtig ist, dass die Tiere bereits vor Erreichung der 300 kg SG mit der Fettabdeckung beginnen. Bei spätreifen Limousin-Linien sei dies nicht der Fall.
Für Limousin spricht, dass die Tiere sehr handlich, zahm und ruhig sind. Sie eignen sich sehr gut zum Weiden. Angus würden zwar laut Gschwind die Fettabdeckung früher machen, erreichen aber oftmals nicht die gleiche Fleischigkeit wie Limousin. Zudem seien Angus eher wilder als andere Rassen.
Die schlachtreifen Tiere gehen mit 300 kg SG in den ÖLN-Weide-Beef-Kanal. Es gibt nur noch wenige, die das vermarkten – eine davon ist ASF AG Sursee. «Dieser Kanal ist meistens voll, deshalb muss ich auch ausweichen können», erklärt der Landwirt. Dann gehen die Tiere mit 320 kg SG in den IP-Suisse-Kanal. Dieser eignet sich insbesondere für Tiere, die mit 300 kg SG noch nicht die optimale Fettabdeckung erreicht haben. Diese können dann in der zusätzlichen Zeit noch etwas Fett zulegen.
Die Tierhaltung ist zeitintensiv
Das Herden- und Weidemanagement, die Beobachtung und der Umgang mit den Tieren nehmen viel Zeit in Anspruch. Zeit, die Familie Gschwind jedoch gerne in die Tierhaltung investiert, da die Mutterkühe klar den grössten Teil des Betriebs ausmachen und – wie Gschwind betont – weil «wir einfach gerne bei den Tieren sind».
Der Chirsgartehof wird nach einer Betriebsphilosophie bewirtschaftet, bei der besonders auf eine naturnahe Produktion und geschlossene Kreisläufe Wert gelegt wird. Da passt auch der Ansatz einer Ausmast ohne Kraftfutter dazu. Gschwind ist überzeugt, dass Rindvieh mit Raufutter ausgemästet werden kann: «Ein Rindvieh sollte das genetisch fertigbringen. Flächen mit Getreide sollten für die menschliche Ernährung verwendet werden.»

Verschiedene Preisklassen
Dass sich die Landwirtschaft stetig wandelt und weiterentwickelt, ist für die Familie Gschwind selbstverständlich. Mit ihrer Art der Mutterkuhhaltung betreibt sie auch Imagepflege – «was die Leute sehen wollen, sind Tiere auf der Weide, Kälber bei den Müttern». Trotzdem wollen sie kein beschönigtes Bild der Landwirtschaft nach aussen tragen. Das Glück sei, dass ihre Philosophie auch mit dem übereinstimme, was die Bevölkerung sehen wolle.
Aber Betriebe, die ihre Tiere aufgrund von Platz- oder Futterverhältnissen zum Beispiel nicht auf die Weide lassen können, hätten ebenso ihre Berechtigung. Dazu komme, dass man allen Personen die Möglichkeiten geben muss, ein Stück Fleisch zu kaufen. «Da braucht es auch ein Plätzli oder Hackfleisch im QM-Preissegment», betont Werner Gschwind.
Die aktuelle Agrarpolitik empfindet er als schwierig. Er ist der Meinung, jeder Bauer sollte am Markt so viel verlangen dürfen, wie er für sein Produkt braucht. Er findet es in Ordnung, wenn ökologische Leistungen bezahlt werden, aber das Credo «Wer Geld gibt, befiehlt» empfindet er als störend. So werde der freie Unternehmergeist der Landwirtschaft komplett verdrängt, so Gschwind.
Langsam übergeben
Wie sehen die Zukunftspläne von Werner und Jolanda Gschwind aus? Die beiden Töchter Karin und Iris haben landwirtschaftliche Ausbildungen absolviert. Sohn Jan hat gerade kürzlich die Lehre zum Landmaschinenmechaniker abgeschlossen und fasst eine Zweitausbildung als Landwirt EFZ ins Auge. Ob er den elterlichen Betrieb übernehmen möchte, ist noch nicht ganz klar, die Tendenz geht aber in diese Richtung.
Sollte es nicht so kommen, wäre eine Übernahme durch eine Tochter oder die familienexterne Weiterführung denkbar. Sicher ist aber, dass Werner und Jolanda Gschwind die jüngere Generation schrittweise in den Betrieb involvieren möchten. «Wir möchten die Ideen der Jungen aufnehmen und durchdenken. Sie können ohne Druck in den Betrieb reinwachsen und wir werden langsam zurücktreten.»
Betriebsspiegel Chirsgartehof
Name: Jolanda und Werner Gschwind
Ort: Ettingen (Baselland)
Fläche: 45 ha, davon rund die Hälfte Fruchtfolgefläche
Tiere: 40 Mutterkühe, 50 Mastschweine, 600 Legehennen
Produktionsart: ÖLN
Ackerbau: Silomais, Winterweizen, Wintergerste, Kartoffeln
Betriebszweige: Direktvermarktung, Obst, Reben
Arbeitskräfte: Betriebsleiterehepaar, 1 Lernender, Tochter zu 50 % angestellt
In Zahlen
5955 Mitglieder hatte Mutterkuh Schweiz per 31.12.2020,
66 mehr als im Vorjahr.
5771 Betriebe hielten im Schnitt 18 Kühe.
17,1 % der Mitglieder sind Herdebuchbetriebe.
4379 Angus-Tiere waren im Herdebuch – die häufigste Rasse.
4332 Limousin im Herdebuch – Platz 2.

