Acht Reihen Silomais frisst der Claas Jaguar 890 auf einmal und häckselt mit der Kraft von 500 PS aus seinem Mercedes-V8-Motor Stengel, Blätter und Maiskolben klein. Über den Auswurfkamin spuckt die zehn Tonnen schwere Maschine einen ununterbrochenen Strom aus Häcksel in den nebenher fahrenden Silierwagen. Gezogen wird dieser von einem 270 PS starken New-Holland-Traktor. Am Steuer sitzt Roger Angst, einer der beiden Eigentümer des Häckselteam Roger Angst und Rinaldo Jappert.
Grosse Schlagkraft
Mit gefülltem Wagen fährt Roger Angst zum nahen Hof «Halt» im aargauischen Surbtal, den er 2020 von seinen Eltern gekauft hat. Vor dem 21 Meter hohen blauen Stahlsilo brummt ein von einem riesigen Dieselmotor angetriebenes Gebläse. Es bläst den Maishäcksel, welcher aus einem Silierwagen mittels Förderband in den Einlauftrichter fliesst, ins Silo hoch. Nach wenigen Minuten ist der 30 Kubikmeter grosse Wagen bereits leer und der Fahrer fährt zurück aufs Feld zum Häcksler. Roger Angst fährt nun sein Gespann zum Gebläse, lässt den Wageninhalt hochpusten ins Silo. Wagen um Wagen wird an diesem sonnigen Septembertag ins Silo geblasen. Das Tagesziel von Roger Angst lautet: Bis zum Abend soll das 860 Kubikmeter fassende Silo gefüllt sein.
Lange Geschichte
«Jetzt in der Maisernte ist jeden Tag Ausnahmezustand für das Häckselteam», erklärt Roger Angst in einer kurzen Arbeitspause. Es gelte die schönen Herbsttage zu nutzen.
Rogers Eltern ernteten ab dem Jahr 1982 Mais im Lohn. Daraus entstand ab dem Jahr 2000 das Häckselteam Richard und Doris Angst-Suter als Kollektivgesellschaft. 2017 übernahmen dann Junior Roger Angst und Rinaldo Jappert das Geschäft, tauften es in Häckselteam Roger Angst und Rinaldo Jappert um und bildeten eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Sie silieren für rund hundert Kunden im Sommer Gras und im Herbst Mais ein, säen im Frühjahr alle gängigen Ackerkulturen, streuen Mist und Dünger, pressen Gras und Stroh zu Rundballen und handeln daneben mit Silomais- und Grassilage-Rundballen.
Roger ist der ruhende Pol
Das Häckselteam hat ausserdem eine zweite Silierkette mit einem stärkeren, 580 PS starken Claas-Jaguar-950-Häcksler, insgesamt sechs Silierwagen, zwei Gebläse um Silo einzufüllen und total fünf New-Holland-Traktoren von 90 bis 270 PS. Den Wert all dieser Technik gibt Roger Angst mit ungefähr einer Million Franken an: «Unsere Technik muss zweckmässig und zuverlässig sein», stellt er fest. Das Häckselteam arbeite mit Maschinen, die zwar schlagkräftig seien, aber auch nicht zu gross und zu schwer für die ein bis fünf Hektaren grossen Felder ihrer Kundschaft. Pausenlos fahren mit Mais gefüllte Wagen vor das blaue, hoch in den Himmel ragende Silo. In einer Maschinenhalle gibt es Grillfleisch, Brot und Getränke für die sich ablösenden Traktorfahrer. Roger Angst löst zwischendurch Traktorfahrer ab. Daneben koordiniere er die Einsätze der zwei Silierketten des Häckselteams und sei für Notfälle bereit, erzählt er beim Essen einer Wurst. So ein Notfall ereignet sich jetzt. Von einem Fahrer, der die 21 Meter hinauf zum Silo geklettert ist, erhält er den Anruf, dass der elektrische Siloverteiler stillstehe. «Schon wieder», entfährt es Roger Angst. Er telefoniert seinem Elektrotechniker und berichtet ihm, dass wiederholt die Sicherung des Verteilers den Strom unterbreche. Der Techniker verspricht, innert Kürze auf den Hof zu kommen.
Maisernte ist Familiensache
«Meistens läuft es rund», betont der Lohnunternehmer. Kleinere Defekte behebe man selber, aber in Notfällen müsse ein Mechaniker oder Techniker gerufen werden. Rund 300 Hektaren Mais erntet das Häckselteam jeden Herbst nach seinem Motto «Landwirtschaft us Liedeschaft!». Jetzt in der Hochsaison lösen sich junge Männer mit Traktorfahren ab, die beiden grossen Häcksler jedoch fahren Roger Angst, sein Partner Rinaldo Jappert und Michael Kaufmann. Letzterer fährt eigentlich beruflich grosse Baumaschinen bei einem Kieswerk: «Aber jeden Herbst nehme ich Ferien, um für das Häckselteam einen der beiden Jaguar-Häcksler zu fahren», erklärt er bei einer kurzen Zigarettenpause. Das Häckselteam funktioniert auch dank der Hintergrundarbeit von Rebekka, Rogers Frau. Sie erledigt die Büroarbeiten und verpflegt das ganze Team. Rogers Schwager steht am Grill und die Kinder seiner Schwester Jasmin und ihrer Freundin spielen mit dem Hofhund Ronja oder warten darauf, mit dem Grossvater Richard Angst eine Runde mit dem Traktor mitfahren zu dürfen.
Der Betrieb Halt
Roger Angst erzählt, dass er bisher nur Kunden verloren habe, wenn wieder ein Hof aufgegeben wurde. Er kenne nur zufriedene Kunden, weil das Häckselteam pünktlich auf den Wunschtermin arbeite und gute Arbeit abliefere. Im Winter unterziehen sie alle Maschinen einer gründlichen Revision, damit das Geschäft wieder von Frühling bis Herbst ohne Störung läuft. Die Silage, die das Häckselteam jetzt einfüllt, ist für die 250 Mastmuni auf dem Betrieb Halt bestimmt. Auf seinem 32-Hektaren-Ackerbaubetrieb werden Kunstwiese, Weizen, Mais, Zuckerrüben, Spinat, Erbsen und Bohnen zum selber pflücken angebaut. Dazwischen vermietet Roger Angst Flächen an Gemüsebauern für einen Aufwuchs von Salaten. Zwar freut er sich am schönen Wetter und es gefällt ihm, wie das Geschäft und alle Maschinen brummen. Aber wenn es nach dieser Ausnahmezeit wieder ruhiger wird auf dem Hof, geniesst er es umso mehr, sich mit seiner Frau Rebekka und seinem im letzten Januar geborenen Sohn Nico zu erholen. Aber heute lief das Geschäft und am Abend war der Silo gefüllt.
Weitere Informationen: www.haeckselteam.ch

