Schon am Morgen lag eine erwartungsvolle Stimmung über Guntmadingen SH. Besucher drängten sich zwischen den Bauernhäusern, Kinder standen an den Strassenrändern und Kenner diskutierten vor geöffneten Motorhauben über Baujahre, Motoren und Restaurierungen. Immer wieder wurde irgendwo ein Motor angeworfen. Dann drehten sich Köpfe, Handys wurden gezückt und eine Menschentraube bildete sich.

Genau diese Atmosphäre macht das Traktorenfest im 250-Seelen-Dorf aus. Die Maschinen stehen nicht feinsäuberlich auf einem Ausstellungsgelände, sondern mitten im Dorf, zwischen Höfen, Scheunen und Festbeizli. OK-Präsidentin Deborah Isliker bringt es auf den Punkt: «Es ist eben etwas anderes, wenn die Traktoren und Landmaschinen im Dorf verteilt sind und nicht reihenweise auf einem Stoppelfeld stehen.»
Die Begeisterung der zahlreichen Helferinnen und Helfer übertrug sich auf die Besucher. Selbst die Hitze hielt viele nicht davon ab, stundenlang durch das Dorf zu ziehen und auf die nächsten Vorführungen zu warten.
Glühkopfmotoren sorgen für die Hintergrundmusik
Besonders dicht standen die Zuschauer dort, wo die Lanz Bulldogs zum Leben erweckt wurden. Ihr dumpfer, langsamer Einzylinderschlag war im ganzen Dorf zu hören.

Peter Bachmann aus Kirchleerau AG gehört zu jenen Männern, bei denen alte Traktoren längst mehr als ein Hobby sind. Er besitzt gut 150 Oldtimertraktoren und ein eigenes Landtechnikmuseum. Einer seiner Stars in Guntmadingen war ein Lanz HP von 1923. Der Einzylinder fährt höchstens sieben Kilometer pro Stunde und ist beim Treibstoff nicht wählerisch. Altöl, Diesel und sogar Speiseöl kommen infrage. «1,5 Liter Treibstoff frisst er pro Stunde», sagt Bachmann. Nur 723 Stück dieses Typs wurden gebaut.
Dass ein solcher Bulldog überhaupt anspringt, ist bereits eine kleine Vorstellung. Der Glühkopf muss zunächst auf etwa 350 Grad erhitzt werden. Dann wird das Lenkrad abgenommen und zum Anwerfen des Motors benutzt. Kraftstoff einspritzen, Schwung geben – und hoffen, dass der Einzylinder in der richtigen Richtung loslegt.
Die Zuschauer verfolgten jeden Handgriff. Als der mächtige 10,5-Liter-Einzylinder schliesslich mit seinen schweren Schwungrädern gleichmässig vor sich hin schlug, gab es spontanen Applaus.
Feuerverbot erforderte einen Kompromiss
Beinahe wäre auch daraus nichts geworden. Wegen der Trockenheit gilt ein allgemeines Feuerverbot. Die traditionelle Lötlampe zum Vorglühen durfte deshalb nicht verwendet werden. Eine Sonderbewilligung ermöglichte schliesslich das Vorwärmen mit einer Gasflamme. Ohne diesen Kompromiss wären auch die Glühkopftraktoren stumm geblieben.
Noch härter traf das Verbot die Freunde der Dampftechnik. Zwei Dampfpflugmaschinen hätten eine besondere Attraktion werden sollen. Eine Rheinmetall-Maschine war mit grossem Aufwand wieder betriebsbereit gemacht worden; sie stand letztmals 1969 unter Dampf. Wegen des Feuerverbots konnten die Maschinen jedoch nicht eingesetzt werden und wurden gar nicht erst nach Guntmadingen gebracht.

Im Dorf standen dafür zwei Dampftraktoren. Doch auch sie mussten kalt bleiben. Besonders schade war dies bei einem der beiden: Seine Restaurierung hatte während Corona Fahrt aufgenommen und war erst zwei Wochen vor dem Fest abgeschlossen worden. «Der ist extra für dieses Wochenende fertig geworden», erzählt einer der Dampffreunde.
Ebenfalls ausgestellt war eine 13,5 Tonnen schwere Dampfstrassenwalze aus dem Jahr 1930; diese erreicht eine Geschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde. Im Verkehr führe das bisweilen zu Behinderungen. «Weil die Maschine so ungewöhnlich ist, stösst man aber bei den meisten auf viel Verständnis.»
Schweizer Traktoren in beeindruckender Zahl

Wer Schweizer Traktorengeschichte suchte, brauchte in Guntmadingen nur durch die Gassen zu gehen. Viele verschiedene Hürlimann-Modelle waren zu sehen – vom kleinen 18-PS-Mähtraktor, über den Holzvergaser aus den Kriegsjahren, bis zu den grossen Allradmaschinen.

Auch die Marke Bührer war mit unzähligen Maschinen vertreten. Frühe Mähtraktoren mit Seitenmähbalken und Modelle in unterschiedlichen Farben und Grössen.

Mit Köpfli, Meili, Vevey, SLM und vielen verschiedenen Auto-Traktoren wurden weitere Zeugen des schweizerischen Traktorenbaus gezeigt. Daneben die Modelle von ausländischen, heute weitgehend verschwundenen Marken wie Eicher, Güldner, MAN, Fahr, Allgaier, usw.
Dazwischen fanden sich auch Raritäten. Reimund Auer war beispielsweise mit einem DDR-Traktor der Marke Fortschritt ZT 300 angereist. Und fast daneben standen zwei bärenstarke Schlüter.
Wenn der Drescher zu arbeiten beginnt
Besonders lebendig wurde das Fest bei den Arbeitsvorführungen. Auf dem Weizenfeld lagen die Garben sauber in Reihen, zuvor von einem McCormick-Bindemäher abgelegt. Als die Standdreschmaschine anlief, rückten die Zuschauer näher zusammen.

Ein Traktor übertrug seine Kraft über einen langen Flachriemen auf die Maschine. Helfer reichten die Garben zu, andere kümmerten sich um Korn und Stroh. Auch die Strohpressen arbeiteten – und machten deutlich, wie viele Hände früher nötig waren, um eine Ernte einzubringen.
Aber auch der mobile Steinbrecher, die Brennholzfräse oder eine Spaltmaschine wurden über Riemen von Traktoren aus angetrieben.

Immer wieder blieb das Publikum stehen, schaute, fragte und wartete auf den nächsten Start. Das Traktorenfest lebt gerade davon, dass historische Landtechnik nicht nur hinter Absperrbändern betrachtet wird. Wo es die Sicherheitsvorschriften erlaubten, bewegte sie sich, arbeitete und machte Lärm.

«Ich finde es immer wieder cool, mit wie viel Freude die Traktörler an ihren Fahrzeugen herumschräubeln», sagt Deborah Isliker. Dabei habe sie selbst weder zur Landwirtschaft noch zur Technik einen direkten Bezug. Entscheidend sei für sie auch, wie das Dorf hinter dem Anlass stehe: «Wenn ich dann noch sehe, mit welchem Engagement die Leute in dem kleinen Bauerndorf für ein so grosses Fest zusammenstehen, dann gebe ich auch gerne meine Zeit dafür her.»

Und genau diese Freude war in Guntmadingen an diesem Wochenende nicht nur bei den Traktörlern zu spüren. Sie zeigte sich auch in den Gesichtern der Zuschauer – spätestens dann, wenn nach minutenlangem Vorwärmen, Kurbeln und Warten ein hundertjähriger Einzylinder endlich zündete und mit seinem tiefen «Tick – Tock – Tock – Tock» die nächste Vorstellung eröffnete.


