Seit Beginn der Invasion kann die Ukraine in besetzte, zurückeroberte, Kriegsfront- und hintere Gebiete unterteilt werden. Die Aktivitäten der Milchviehbetriebe sind sehr unterschiedlich und sie sind abhängig vom Gebiet, in dem sich ein Betrieb befindet.
Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Die Menschen, egal, wo der Krieg sie erwischt hat, haben sich freiwillig entschieden, ihren Hof nicht zu verlassen. Der Kampf um den Betrieb geht bis zum Schluss und er endet erst, wenn ein Hof völlig zerstört ist.
Höfe sofort wieder aufbauen
Bauernhöfe, die durch russische Angriffe, oft auch durch gezielte Teppichbombenangriffe, beschädigt wurden, werden mit eigenen Kräften und mit Mitteln, die von internationalen und nationalen Organisationen bereitgestellt wurden, sofort wieder aufgebaut.
Diese Arbeiten werden von der Vereinigung der Milchproduzenten koordiniert, die seit den ersten Kriegstagen die Milchbauern unterstützt, sich täglich um ihre unmittelbaren Bedürfnisse kümmert und in der Ukraine sowie im Ausland um weitere Hilfe ersucht.
Betriebe liefern Notwendiges
Seit dem ersten Tag der Invasion sind ausnahmslos alle Milchviehbetriebe zu strategisch wichtigen Punkten ernannt geworden. Sie erhalten die Produktion aufrecht und – was noch wichtiger ist – erfüllen eine soziale Funktion: Sie versorgen die Einwohner und Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Wohnungen und Arbeitsplätzen. Und sie stellen den ukrainischen Streitkräften alles zur Verfügung, was sie brauchen, von Spezialkleidung und Ausrüstung bis hin zu Fahrzeugen oder Medikamenten.

Oft liefern die Milchbauern persönlich freiwillige Hilfsgüter an die Streitkräfte an der Front und riskieren dabei ihr eigenes Leben. Diese Menschen sind zum Rückgrat der Streitkräfte der Ukraine geworden. In Anerkennung dessen bedankte sich der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Valerii Zaluzhnyi anlässlich eines Treffens im Mai 2023 bei den Landwirten und äusserte die Hoffnung, dass ihr unschätzbarer Beitrag zum Sieg der Ukraine fortgesetzt werde.
Das Schicksal von drei ukrainischen Milchproduzenten kann indes stellvertretend für die Tausenden von Betrieben in den verschiedenen Risikogebieten in der Ukraine stehen.
Die Arbeit muss weitergehen
«Vom ersten Tag des Krieges an beschlossen wir, die Arbeit auf dem Hof nicht einzustellen, da die Kühe täglich gemolken werden müssen», erinnert sich Andrii Pastushenko. Der Direktor von LLC Dnipro leitet in der Nähe der Stadt Cherson einen Milchwirtschaftsbetrieb.

Pastushenko hätte am 24. Februar 2022 die Möglichkeit gehabt, zu fliehen. «Ich entschied mich jedoch, zu bleiben, und machte mich an die Gerstenaussaat. Auch die Mitarbeiter des Hofes blieben und bestätigten mich in meiner Überzeugung, dass dies die Menschen sind, mit denen ich arbeiten möchte», so der Ukrainer. Er sei seinen Mitarbeitenden sehr dankbar dafür, betont er.
Fütterung angepasst und Leistung reduziert
Aufgrund der Zerstörungen durch feindlichen Beschuss in den ersten Tagen des russischen Einfalls stellte die Molkerei Lactalis-Mykolayiv, mit der Andrii Pastushenko vor dem Krieg zusammengearbeitet hatte, ihren Betrieb ein. Die russische Besatzung schnitt nämlich auch alle logistischen Wege ab. Es wurde jedoch klar, dass die zehn Tonnen Milch, die täglich auf dem Hof produziert wurden, an jemanden verkauft werden mussten.
«Wir beschlossen, die Milchleistung zu reduzieren, indem wir die Fütterung der Kühe an das verfügbare Futter anpassten – wir stellten die Kühe auf Silagefütterung um und fügten Heu, gehäckselte Gerste und Mais hinzu. Innerhalb weniger Tage sank unsere tägliche Milchleistung von 10 Tonnen auf 3,5 Tonnen, aber wir mussten etwas mit dieser Milchmenge anfangen», erinnert sich der Ukrainer.

So begannen er und sein Team, die Milch kostenlos an Anwohner, Dorfbewohner, Krankenhäuser, Pflegeheime, Waisenhäuser und humanitäre Organisationen zu verteilen. Pro Person gab es einen Liter Milch. Die Landarbeiter erhielten hingegen 20 Liter. «Zehn Tage später begannen wir mit der Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse», erzählt Pastushenko.
«Die Befreiung unseres Dorfes war der emotionalste Moment meines Lebens.»
Andrii Pastushenko, Direktor von LLC Dnipro im Gebiet Cherson.
Den Menschen mit dem Nötigsten helfen
Später habe man Weizen, Mais und Gerste gemahlen und das Mehl an Bedürftige verteilt. «Darunter Landbesitzer, ältere Menschen und alle, die uns um Hilfe baten», so Andrii Pastushenko. Nach einiger Zeit seien Gäste aus der Stadt Cherson gekommen, um Milch zu kaufen. Sie hätten gar Bierfässer mitgebracht, die sich hervorragend für den Transport und die Lagerung von Milch eigneten. Die frische Milch wurde dann in «Bierbars» in Cherson verkauft. «Später nahmen wir die Zusammenarbeit mit einer Chersoner Butterfabrik auf, die einige Wochen nach Kriegsbeginn ihren Betrieb wieder aufnehmen konnte», berichtet Direktor Pastushenko.
Alle Nachbarbetriebe von Pastushenko, die keine Kühe hatten, stellten ihre Arbeit ein. «Die Kühe haben uns ermutigt, weiterzuarbeiten. Wir waren in der Lage, Cherson unter der Besatzung zu ernähren», berichtet der Ukrainer.

Es herrscht Mangel in Feld und Stall
Im April 2022 war es Zeit für die Aussaat, aber die Felder mussten auf nicht explodierte Sprengkörper untersucht werden. Die Landarbeiter bewegten sich in menschlichen Reihen im Abstand von fünf Metern. «Nach der Inspektion säten wir Mais und Sonnenblumen aus. Seit letztem Herbst haben wir Luzerne und Roggen gesät – und wir haben es geschafft, sie zu ernten», freut sich Andrii Pastushenko.
Aufgrund des Mangels an Düngemitteln und Herbiziden sei der Ertrag jedoch gering ausgefallen, so etwa beim Mais, wo gerade einmal fünf Tonnen pro Hektare gewonnen werden konnten. Probleme machten dem Betrieb zunehmend die Maschinen: Aufgrund des Mangels an Ersatzteilen sei es unmöglich gewesen, routinemässige Wartungsarbeiten, geschweige denn komplexe Reparaturen durchzuführen. Auch Tierarzneimittel fehlten zunehmend: Aufgrund des Mangels hätten einige der Kühe geschlachtet werden müssen, so Pastushenko.

Die Tatsache, dass der Bauernhof überlebte und seine Arbeit unter solch schwierigen und lebensbedrohlichen Bedingungen fortsetzen konnte, sei ein Tribut an alle Menschen, die in den besetzten Gebieten geblieben seien und ihre Arbeit auch dann verrichtet hätten, wenn es in der Nähe Feindseligkeiten gegeben habe.
Der Krieg trifft den Betrieb
«Die Befreiung unseres Dorfes durch ukrainische Truppen war das emotionalste Ereignis in meinem Leben», erinnert sich Andrii Pastushenko. «Leider endete der Krieg nicht mit der Räumung der besetzten Gebiete, wir waren plötzlich nicht mehr nur besetzes Gebiet, sondern Frontzone.»
Nach der Evakuierung hatten die Region über einen Monat lang keinen Strom, kein Gas und keine Mobilfunkverbindung. Die Russen beschossen das Gebiet ständig vom besetzten linken Ufer des Flusses Dnepr aus.« Vor allem die Butterfabrik in Cherson geriet unter Beschuss, wo sie keine Milch mehr annahmen, aber die Strasse nach Mykolajiw war offen», schildert der Ukrainer.
«Wir waren plötzlich nicht mehr nur besetztes Gebiet, sondern Frontzone.»
Irgendwann ist auch der Betrieb von Andrii Pastushenkos Betrieb vom Krieg erfasst worden.
Schliesslich schlugen russische Raketen auch auf dem Betrieb ein. «Im Januar 2023 verloren wir innerhalb von zehn Minuten 28 Färsen, weil wir von zwei Raketen getroffen wurden. Die Russen beschossen die umliegenden Dörfer, Felder und Bauernhöfe. Bis heute konnten wir nur einen Teil unserer Ernte einbringen, mehr als 100 Hektaren Getreide sind verbrannt», so Pastushenko im Spätsommer 2023. Von 15 Feldern seien lediglich zwei oder drei nicht von Bränden und Raketenbeschuss betroffen gewesen. «Leider gab es auch menschliche Opfer: Eine Milchmagd wurde bei dem Beschuss getötet, eine weitere Milchmagd und ein Traktorfahrer liegen im Krankenhaus.»

Das bange Hoffen auf den Sieg
«Nachdem die russischen Besatzer das Kraftwerk Kachowskaja in die Luft gesprengt hatten, wurde die Pumpstation am Ufer des Flusses Dnepr überflutet», berichtet Andrii Pastushenko. «Deshalb können wir in diesem Jahr unsere 500 Hektaren, auf denen wir Raufutter für unser Vieh anbauen, nicht bewässern. Infolgedessen können wir nicht genügend Futter gewinnen und müssen den Viehbestand schrittweise reduzieren», sagt er mit Bedauern. «Jetzt besteht unsere Hauptaufgabe darin, zu überleben. Trotz aller Herausforderungen kämpfen wir weiter, leben und hoffen auf den Sieg der Ukraine.»

Man werde nun Mittel spenden, um die Streitkräfte und die Verteidigungskräfte der Ukraine mit hochmobilen Geräten und weiterer notwendiger Ausrüstung auszustatten, die man auf der ganzen Welt suche und kaufe. Doch die Befreiung der ukrainischen Gebiete bedeute nicht, dass die Gebiete sicher seien: «Diese Gebiete sind erneut durch feindlichen Beschuss bedroht. Darüber hinaus gibt es ein grosses Problem mit den verminten Feldern, deren Gesamtfläche sich derzeit in der Ukraine auf mehr als fünf Millionen Hektaren beläuft», so Pastushenko. Die Entminung erfordert demnach 1,5 Milliarden US-Dollar und wird 30 bis 70 Jahre in Anspruch nehmen.
Betriebsspiegel
Name: Andrii Pastushenko Ort: Region Cherson, Ukraine Mitarbeitende: 70 Angestellte Nutzfläche: 1500 ha Viehbestand: 300 Kühe Produkte: Milch und Rindfleisch, Getreide, Ölsaaten, Gemüse Sonstiges: Der Betrieb wurde acht Monate lang von den Russen besetzt.
Ein Bauernhof an der Kriegsfront
«Gott und den ukrainischen Streitkräften sei Dank blieb unser Hof vor Beschuss verschont», sagt Volodymyr Valenko, Direktor des Betriebs «Mazharka». Zu Beginn der Invasion hätten zehn Menschen das Dorf verlassen, aber die Mehrheit der Dorfbewohner, einschliesslich Valenkos Familie, habe sich entschieden, zu bleiben. «Es gab keine überwältigende Angst, ganz im Gegenteil, es herrschte ein starkes Gefühl der Einheit und ein gemeinsamer Glaube an den Sieg», so Valenko. Der erste Monat des Krieges habe alle auf unglaubliche Weise zusammengebracht.

«Mein Sohn und ich beschlossen sofort, uns freiwillig zu melden und boten lebenswichtige Dinge wie Nägel, Schaufeln, Lebensmittel, Netze und Draht an, um unsere lokale Verteidigung zu unterstützen», erinnert sich der Ukrainer an die Zeit unmittelbar nach Kriegsausbruch. «Von Anfang an bis heute haben wir die Streitkräfte der Ukraine unterstützt», bekräftigt er. Sein Sohn sei als Freiwilliger an die Front gegangen. «Ich bin stolz und bete für ihn», sagt Volodymyr Valenko.
Nicht Flugzeuge, sondern Raketen
«Der Krieg hat uns auf der Strasse erwischt. Am Morgen des 24. Februar 2022 waren wir auf dem Heimweg von der Stadt Dnipro», erinnert sich Volodymyr Valenko. «Über unseren Köpfen flogen Raketen, die wir zunächst gar nicht als solche erkannten. Wir hielten sie für Flugzeuge. Aber bald merkten wir, dass es keine waren.» Als er und seine Begleiter das Dorf erreicht hätten, seien die Leute auf ihn zugekommen und hätten gefragt, was sie jetzt tun sollten. «Ich versicherte ihnen, dass der Feind uns nicht erreichen würde. Eine andere Antwort konnte es nicht geben», bringt es Valenko auf den Punkt.

Während des Krieges wurden viele Bewohner aus Charkiw nach Mazharka umgesiedelt, und heute sind einige von ihnen zurückgekehrt. Aber auch mit den Umsiedlern bleibt die Personalsituation auf dem Hof angespannt. Es fehlt an «Milchmädchen», an Maschinisten –und an Fahrern, da viele Angestellte an der Front ihren Dienst tun. «Die Produktionskosten sind stark gestiegen und der Preis für Lebendvieh ist infolgedessen gesunken. Deshalb ist die Viehhaltung für uns unrentabel geworden», konstatiert Volodymyr Valenko.
Aufgeben ist keine Option
Vor dem Hintergrund der russischen Blockade der Getreideexporte über das Schwarze Meer und der Beschiessung der ukrainischen Hafeninfrastruktur an der Donau bleibt die Milchproduktion jedoch eine Lebensader. Durch den Verkauf von Milch gelingt es den Bauern, ein gewisses Betriebskapital zu erhalten. Weitere Herausforderungen sind das Ungleichgewicht bei Strom, landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Betriebskosten.
«Unser Betrieb ist seit 22 Jahren in der Viehzucht tätig und wir haben nicht vor, diese aufzugeben. Unser vorrangiges Ziel ist es derzeit, zu überleben und den Hof zu erhalten», so Volodymyr Valenko. Schliesslich sei «Mazharka» nicht nur ein Bauernhof, sondern ein integraler Bestandteil der Gemeinschaft. «Wir haben gar kein Recht, aufzugeben», bekräftigt Valenko.

Valenkos Sohn kämpft an der Front
Volodymyr Valenkos Sohn ist seine rechte Hand in der Firma. Seit Beginn des Krieges unterstützen die beiden gemeinsam die Streitkräfte der Ukraine, besuchen die Soldaten und versorgen sie mit Fahrzeugen. «Wir haben die guten Taten unserer Soldaten miterlebt», sagt Valenko. Als sich sein Sohn im Dezember 2022 freiwillig an die Front meldete, sei er sich sicher gewesen, dass er «einen wahren Patrioten und einen verantwortungsbewussten Menschen» grossgezogen habe, so der Vater. Sein Sohn habe 118 Tage an der Front verbracht, sei jetzt auf Urlaub und werde später zum Dienst zurückkehren. «Ich bin unheimlich stolz auf ihn, aber als Vater mache ich mir auch grosse Sorgen», räumt Valenko ein.
«Ich möchte dem Verband der Milcherzeuger der Ukraine für seine ständige Unterstützung danken. Ohne sie wären wir völlig entmutigt und enttäuscht gewesen. Wir glauben an den Sieg der Ukraine und an die Streitkräfte der Ukraine» schliesst Volodymyr Valenko.
Betriebsspiegel:
Name: Volodymyr Valenko Ort: Region Charkiv, Ukraine Mitarbeitende: 90 Angestellte Nutzfläche: 2000 ha Viehbestand: 300 Kühe Produkte: Milch und Rindfleisch, Getreide, Ölsaaten Sonstiges: Der Betrieb befindet sich seit den ersten Kriegstagen an der Frontlinie
Ein Bauer aus dem Hinterland unterstützt die Front
«Dank der ukrainischen Streitkräfte konnten die russischen Besatzer unser Gebiet nicht erreichen», sagt Oleksii Vasylchenko, der die «Mayak Agrofirm» leitet. «Doch der Krieg hat auch uns getroffen: Über uns fliegen Raketen, es gibt ständig Luftangriffe, die Menschen werden mobilisiert und es gibt Dorfbewohner, die im Krieg gefallen sind», berichtet Vasylchenko.

Zum Betrieb «Mayak Agrofirm» gehören ein Milchviehbetrieb, eine Schweinezucht und ein Getreidesilo mit einer Kapazität von 50.000 Tonnen. Der Betrieb sei daher ständig gefährdet, weil die russischen Besatzer nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Einrichtungen angreifen würden, welche die Ernährungssicherheit des Landes gewährleisten, so Vasylchenko.
Sofort nach Hause zurückgekehrt
«Am 24. Februar 2022 war ich mit meiner Familie im Urlaub in Mexiko und sobald ich vom Ausbruch des Krieges hörte, fuhr ich sofort zurück in die Ukraine, zu meinen Leuten, auf den Hof» erinnert sich Oleksi Vasylchenko. «Wenn die Arbeiter sehen, dass der Direktor da ist, verstehen sie, dass alles in Ordnung sein wird», ist er sich sicher.
«Das Erste, was ich nach meiner Rückkehr tat, war, die Landbesitzer für ein Jahr im Voraus zu bezahlen. Ich habe verstanden, dass das Bankensystem jederzeit zusammenbrechen kann», schildert Vasylchenko. Ein «Chaos» im Hinterland zu verursachen, bedeute, dem Feind zu helfen.
«Ich kümmerte mich nicht um den Milchpreis, solange sie die Milch abnahmen.»
Oleksii Vasylchenkos Milchverarbeiter musste den Betrieb einstellen.
Schliesslich seien Flüchtlinge aus den Frontregionen in das Dorf gekommen. Die Dorfbewohner hätten ihnen daraufhin ihnen kostenlose Unterkunft im Farmhotel geboten, und viele der Vertriebenen hätten Arbeit bekommen oder Hilfe bei der Gründung eines eigenen Unternehmens, sagt der Direktor.
Leistung zeitweilig reduziert
Der Krieg erforderte zahlreiche Anpassungen in der Geschäftstätigkeit von «Mayak Agrofirm». Der Verarbeiter, an den der Betrieb Milch lieferte, stellte aufgrund der Zerstörung durch den Beschuss seinen Betrieb ein. Also musste man sich nach einem neuen Markt umsehen und der Betrieb begann, eine andere Fabrik zu beliefern.

«Einen Monat lang kümmerte ich mich nicht um den Milchpreis, solange sie die Milch abnahmen», blickt Oleksii Vasylchenko zurück. Der Betrieb beschloss dann, die Milchleistung der Kühe durch Änderung der Rationen zu verringern. Mit der Zeit habe sich die Situation beim Milchverkauf verbessert und der Betrieb erreichte wieder die alte Milchleistung.
Das Getreide selber exportiert
«Wir mussten unsere Fruchtfolge ändern: Wir reduzierten die Maisanbaufläche und säten Buchweizen, Sonnenblumen, Soja und Gerste», sagt Oleksii Vasylchenko über den Ackerbau des Betriebs. Man habe sich auf Produkte konzentriert, die man auf dem Hof verbrauchen konnte.
Die Ernte 2022 sei schwierig gewesen, so der Direktor. Die Kraftstoffpreise seien stark angestiegen und es habe Probleme mit Ersatzteilen gegeben. Die Hauptfrage aber war, was mit dem geernteten Getreide geschehen sollte. «Ich musste eine aussergewöhnliche und riskante Entscheidung treffen und selbst mit dem Export von Getreide beginnen», erzählt Vasylchenko. «Alles war neu für mich – der Vertrag, die Logistik, neue Partner. Ich verschiffte das 6000 Tonnen Getreide und wartete ab, wobei ich die Bewegungen der Schiffe mit GPS-Sensoren verfolgte.»

Es sei ein grosses Risiko gewesen, aber sei es eingegangen. Zu sich selbst habe er gesagt: «Wenn es hier oder dort verloren geht, was macht das schon für einen Unterschied?» Am Ende funktionierte Vasylchenkos Plan. «Jede Tonne landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die von unseren ausländischen Partnern gekauft wird, ist nicht nur eine Lösung für das globale Nahrungsmittelproblem, sondern auch eine grosse Hilfe für die Menschen, die Kriegsfront und die ukrainische Wirtschaft», ist er überzeugt.
Regelmässige Hilfe für die Truppen
Schon in den ersten Tagen des Krieges beschloss das Team von «Mayak Agrofirm», freiwillige Hilfe an die Front zu bringen. Keine einmalige, periodische, sondern eine regelmässige Hilfe, die bis zum Ende des Krieges andauern soll. «Jede Woche liefern wir Lebensmittel an die Frontlinie, die sowohl auf dem Bauernhof produziert als auch von Gemeindemitgliedern gespendet werden», erklärt Oleksii Vasylchenko.

Normalerweise fahre er allein, weil er mit den Soldaten sprechen und herausfinden wolle, was sie brauchten, fährt er fort. Über Freunde und andere Freiwillige haben er und seine Leute kugelsichere Westen, Stiefel, Ausrüstung für Soldaten, Medikamente, Entfernungsmesser, Nachtsichtgeräte und andere Dinge von Notwendigkeit gekauft. «Da wir wissen, dass das Militär Transportmittel braucht, kaufen mein Vater und ich seit Beginn des Krieges im Ausland Geländewagen für die Front», so der Direktor.

Das funktioniert in einer Kette von Zuständigkeiten: «Zu uns gesellten sich Leute, die sich freiwillig meldeten, um dabei zu helfen. Jemand sucht im Ausland nach Fahrzeugen, jemand bringt sie zurück, jemand führt technische Überprüfungen durch, lackiert sie und so weiter», erklärt Vasylchenko. Er koordiniere diese Arbeit und sei für die finanzielle Seite zuständig. «Bis heute haben wir 70 Autos verschickt», sagt er und streicht hervor, dass alle Fahrzeuge auf persönliche Kosten seiner Familie gekauft worden seien.
Frontsoldaten freuen sich über Kinderzeichnungen
«Unser Militär weiss unsere Hilfe zu schätzen, aber vor allem freuen sich die Soldaten über die Zeichnungen, die ihnen die Kinder aus der Gemeinde schicken. Ich glaube an den Sieg der Ukraine und werde nicht aufhören, alles zu tun, um ihn näher zu bringen», sagt Vasylchenko entschlossen.
«Der Mut, die Stärke und die Widerstandsfähigkeit, die die Milchbauern von den ersten Kriegstagen an bewiesen haben, dauern bis heute an und werden bis zum Tag des Sieges der Ukraine nicht erschöpft sein», zeigt sich Direktor Vasylchenko kämpferisch.
Betriebsspiegel
Name: Oleksii Vasylchenko Ort: Region Tscherkassy, Ukraine Mitarbeitende: 265 Angestellte Nutzfläche: 8400 ha Viehbestand: 1000 Kühe, Schweine, Hühner, Bienen Produkte: Milch und Rindfleisch, Schweinefleisch, Geflügelprodukte, Getreide, Ölsaaten, Gemüse, Honig Sonstiges: Der Betrieb befindet sich im Hinterland.

