Urs Albrecht*, 56, ist ein «vorbildlicher» Landwirt. Er führt seinen Hof sehr erfolgreich, die Zahlen stimmen. Das Landwirtschaftsamt hat Freude an den überdurchschnittlichen und umfangreichen ökologischen Leistungen, die er erbringt. Und auch Spaziergänger, die am Hof vorbeikommen, mögen den gepflegten Hof mit den vielen Tieren, die im Freien weiden. Leider trügt die Idylle.
Ein Blick hinter die Fassade
Eigentlich wäre die Beziehung zwischen Urs Albrecht seiner Frau Eva* gut – wenn nicht das eine, leidige Thema wäre. Es vergeht seit vielen Jahren kein Tag, ohne dass seine Frau sich anhören muss, dass sie die Schuld trägt, dass Urs keinen eigenen Sohn hat.
Nach drei gesunden, fröhlichen Mädchen sagte Partnerin Eva, dass sie kein Kind mehr möchte. Für sie sei die Familie komplett. «Schon damals hatten wir beinahe täglich Krieg. Er wollte so lange Kinder zeugen, bis endlich ein Sohn kommt. Mich stiess das ab! Unsere Mädchen waren echte Sonnenscheine. Heute sind sie tolle junge Frauen, die gute Lebenswege eingeschlagen haben. Aber Urs genügten die Mädchen damals und heute nicht.»
Von einer fixen Idee vom eigenen Sohn besessen
Albrechts kauften den Hof nach zehn Ehejahren zum Verkehrswert. Sie taten alles, um dies möglich zu machen. Eva berichtet, dass Urs nach dem Kauf noch viel mehr darauf pochte, endlich seinen Sohn zu bekommen. Er sei von der fixen Idee besessen gewesen, dass er – weil Eva keine weiteren Kinder mehr wollte – um seinen Sohn betrogen worden sei. «Das war für mich eine sehr schwierige Zeit. Ich war froh, dass meine biologische Uhr tickte und Urs irgendwann einsehen musste, dass ‹der Zug abgefahren war› und ich nicht mehr schwanger werden konnte.»
Eva hoffte, dass sich die fixe Idee endlich legen würde. Aber falsch gedacht! Irgendwann wollte Urs mit einer anderen Frau ein Kind zeugen. Er erklärte Eva, dass auf dem hart erarbeiteten Hof einfach ein Albrecht weitermachen müsse. Alles andere sei für ihn nicht denkbar. «Zum Glück fand sich keine Frau, die diesen Irrsinn mitmachte», erzählt Eva.
Grosse Belastung für die Beziehung
Noch heute spricht Urs Albrecht vom Betrug an seiner Seele und an seiner Persönlichkeit. Er sagt, dass er auch acht oder mehr Kinder gezeugt hätte, um einen Sohn zu bekommen. Schliesslich hätte der Hof auch eine grosse Kinderschar ernährt. Er ist der Meinung, dass ihn seine Frau um sein Lebensziel betrogen hat. Eva belastet diese Situation. Sie findet klare Worte, dass das ihr und den Töchtern gegenüber nicht fair sei. Schon zigmal hat sie Urs erklärt, dass auch ein Sohn keine Garantie für die Hofnachfolge ist. Sie ist der Meinung, dass Kinder den Beruf ergreifen dürfen, den sie möchten und dass es nicht sicher gewesen wäre, dass ein Sohn Landwirt geworden wäre.
Auch Frauen können es
2019 wurden 6,2 Prozent der Schweizer Bauernhöfe von Frauen geführt. Im Jahr 2000 waren es nicht einmal halb so viele.
Zwischen 2000 und 2018 betrug die Zunahme an landwirtschaftlichen Betriebsleiterinnen jährlich 1,7 Prozent.
Es gibt viele Beispiele dafür, dass Frauen einen Hof sehr erfolgreich führen können. Fachleute sind sich längst einig, dass das Geschlecht nicht über den Erfolg entscheidet.
Eva erzählt, dass die mittlere Tochter Interesse an der Landwirtschaft gehabt hätte. Das sei Urs aber zu wenig gewesen. Er habe ihr und Marlies* erklärt, dass der Betrieb unter dem Namen Albrecht geführt werden müsse – alles andere befriedige ihn nicht. «Marlies begrub dann ihren Berufswunsch, sie spürte, dass sie ihrem Vater als Landwirtin nicht genügt hätte. Das hat mich unendlich getroffen.» Eva und ihre Tochter erklärten Urs, dass Marlies bei einer allfälligen Heirat ihren Namen behalten hätte. Aber auch das war ihm zu wenig. Es hätte ein Bub sein sollen, ein aus seiner Sicht «richtiger» Nachfolger. «Das war und ist schwierig für unsere Beziehung und unsere Familie.»
Söhne sind keine Nachfolge-Garantie
Eva hat eine Freundin, die Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter ist, drei tolle und starke Persönlichkeiten. Weder für die Söhne noch für die Tochter sei die Landwirtschaft eine berufliche Option gewesen. Sie wollten nicht bauern – Punkt. Evas Freundin und auch deren Mann hatten keine Probleme mit der Situation. Für sie zählte, dass ihre Kinder einen Beruf ergreifen konnten, der ihnen Freude bereitet. Eva hat Urs dieses und weitere ähnliche Beispiele erzählt. «Davon will er aber nichts hören. Er sagt dann jedes Mal, dass sein Sohn die Nachfolge garantiert angetreten hätte. Er hätte ihm schon beigebracht, wie alles laufe.»
«Urs hat auch seine Stärken»
Eva ist traurig. Sie sagt, dass dieses Problem ihre Beziehung zu Urs nun schon viele Jahre vergifte. «Mir tun auch unsere Töchter leid. Sie stellen ihre Frau und sind glücklich in ihren Berufen. Leider kann der Vater das nicht würdigen. Glücklicherweise kommen die jungen Frauen recht gut zurecht mit der Situation, sie können ihren Vater mit dem ‹grossen Spleen› wie sie das nennen, trotzdem akzeptieren. Ich hoffe, dass das nicht nur gegen aussen so ist, sondern dass sie wirklich nicht allzu stark leiden.» Es gab eine Zeit, in der Eva dachte, Urs verlassen zu müssen. «Ich habe mich dann aber anders entschieden und mit der schwierigen Situation arrangiert – denn Urs hat auch seine Stärken.»
*Namen geändert

