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Melken ja, Traktorfahren nein: Karin Häni setzt klare Grenzen

Auf dem Betrieb sorgt die Bäuerin aus Seewil BE für das leibliche Wohl. Ausserdem packt sie im Stall an und managt zwei Buchhaltungen.

«Ich melke gerne. Dabei kann ich meinen Gedanken nachhängen.» Bäuerin Karin Häni aus dem bernischen Seewil steht täglich morgens und abends im Melkstand. Sie schätzt diese Zeit aber auch noch aus einem anderen Grund. Sie verrichtet die Melkarbeit meist zusammen mit ihrem Mann Tinu: «Dabei können wir auch Dinge besprechen, die nicht für andere Ohren bestimmt sind.»

Denn bei Hänis sitzen oft auch familienfremde Personen mit am Tisch. Und so kocht die Bäuerin täglich für vier bis zehn Personen. Zur Familie gehören die Söhne Adrian (21), Michael (19) und Lars (17) sowie Schwiegermutter Elisabeth Häni. Diese ist trotz ihrer 87 Jahre noch sehr selbstständig. Zum Abendessen sitzen mehrheitlich auch die beiden Söhne am Tisch, die auswärts arbeiten. Die gemeinsamen Mahlzeiten und dass nicht jeder einfach selbst etwas aus dem Kühlschrank nimmt, sind Karin Häni wichtig.

Zwei getrennte Buchhaltungen

Die Familie betreibt einen Landwirtschaftsbetrieb mit Milchproduktion, Acker- und Futterbau sowie seit 2001 zusätzlich einen Lohnbetrieb. Diesen hat die Familie von Karin Hänis Vater Hans Roder übernommen. Angeboten werden Dienstleistungen für die Landwirtschaft, aber auch Arbeiten im Kommunalbereich wie Winterdienst für Gemeinden.

Für beide Betriebe ist die Hausherrin für die Buchhaltung zuständig. Sie besorgt den Haushalt und ist bereit, bei Bedarf Ersatzteile aufs Feld zu bringen oder sonst einen Botengang zu erledigen. «Ich bin einfach da. Was ich jedoch nicht mache, ist Traktorfahren», meint die Bäuerin bestimmt.

Täglich steht die Bäuerin im Melkstand. Sie nutzt diese Zeit auch für Gespräche mit ihrem Mann. (Bild: Familie Häni privat)

Zudem pflegt sie einen Gemüsegarten. Der sei aber nicht wirklich vorzeigbar. «Darin versuche ich mich einfach. Entweder es kommt gut oder eben nicht.» Denn sie habe keine Bäuerinnenausbildung, meint sie fast entschuldigend. Wichtig im Alltag ist ihr, dass alle Familienmitglieder die Arbeit mit den Tieren und als Dienstleister bestmöglich verrichten, damit es den Tieren gut geht und die Kundschaft zufrieden ist.

Das ärgert die Bäuerin

Ärger empfindet die 52‑Jährige hingegen über die Bürokratie – und über Menschen, die in Büros sitzen und den Akteuren der Landwirtschaft, die tagtäglich im Stall und auf den Feldern arbeiten, vorschreiben wollen, was sie zu tun hätten. Auch Neid, dem ihre Familie schon ausgesetzt war, nervt sie. «Jeder soll vor seiner Türe kehren und die anderen leben lassen, wie sie wollen», betont sie und lässt den Blick zum Fenster hinaus schweifen.

Aufgewachsen ist Karin Häni im Bauerndorf Wengi bei Büren BE. Sie habe eine schöne Kindheit erlebt. Doch ein Erlebnis als 12-Jährige hat sie nachhaltig geprägt. 1986 verstarb ihr Bruder nach einem Unfall. Das sei schwierig gewesen. Denn psychologische Unterstützung, wie man sie heute kennt, war damals noch ein Fremdwort.

Auch der ebenfalls gänzlich unerwartete Tod ihrer Mutter vor elf Jahren hat Spuren hinterlassen. So ist es noch heute so, dass Karin Häni nicht gerne weit im Voraus etwas plant. «Ich nehme die Dinge lieber vorneweg», meint die Bäuerin. Denn es könne immer anders kommen als geplant.

«Die Trockenheit und der damit verbundene Futtermangel bringen auch meine Gefühlswelt durcheinander.»

Karin Häni denkt meistens positiv, doch heuer fällt das manchmal schwer.

Eine Nacht darüber schlafen hilft

Ihren Mann Tinu lernte die gelernte Dentalassistentin kennen, als dieser bei ihrem Vater im Lohnunternehmen angestellt war. Nun sind sie seit über 30 Jahren ein Paar, davon seit 21 Jahren verheiratet. «In dieser Zeit haben wir schon so manchen Sturm zusammen erlebt und durchgestanden», erzählt sie und nimmt einen Schluck Kaffee.

Aber es gehe immer wieder einmal aufwärts. Und sie weiss aus Erfahrung: «Es geht immer eine Türe auf.» Manchmal lohne es sich, einfach die Dinge etwas ruhen zu lassen und eine Nacht darüber zu schlafen. Einiges sehe danach schon einfacher aus als zuvor.

Karin Häni ist ein positiv denkender Mensch und sagt: «Es gibt immer einen Weg. Manchmal muss man ihn einfach etwas suchen.» Mit dieser Einstellung versucht die Bäuerin, auch der momentan schwierigen und unsicheren Situation nach dem Hitzesommer entgegenzublicken.

Dakota ist die Lieblingskuh der Bäuerin. Der Futtermangel für ihre Tiere bereitet auch Karin Häni Sorgen. (Bild: Familie Häni privat)

Doch so einfach ist das nicht. Sie sagt: «Die Trockenheit und der damit verbundene Futtermangel bringen auch meine Gefühlswelt durcheinander.» Die Bäuerin macht sich viele Gedanken und Sorgen.

Wintervorräte mussten bereits angezapft werden

Hänis produzieren Milch für die Käserei Jegenstorf BE, in der Emmentaler hergestellt wird. Wie andere Viehhalter auch müssen sie schon jetzt auf Wintervorräte zurückgreifen. Zudem wird Mais verfüttert, der normalerweise verkauft wird. Dieses Futter wird den langjährigen Kunden fehlen – und Hänis das Geld aus dem Verkauf. Auch wegen des Lohnunternehmens sorgt sie sich. Die Getreideernten seien so früh wie noch nie abgeschlossen worden. Durch die aussergewöhnliche Situation mit dem Wetter, werde es für die produzierende Landwirtschaft herausfordernd, die finanziellen Einbussen zu kompensieren, befürchtet sie.

In der Familie wird viel über die Situation gesprochen, auch mit den Söhnen. Das baue etwas vom Druck ab, weiss Karin Häni. Sie hat für alle Familienmitglieder jederzeit ein offenes Ohr und versucht, zu unterstützen, wo es geht.

Persönlich zieht sie viel Kraft aus einer Wanderung oder einem Spaziergang mit ihrem Mann. «Die Sorgen und Ängste zeitweilig vergessen und hinter sich lassen, ist wichtig», betont die Bernerin.

Auszeiten ohne schlechtes Gewissen: Karin Häni gesteht sich diese regelmässig zu, sei es als Kaffeepause oder auch bei Ausflügen und Reisen mit Freundinnen oder den Landfrauen. (Bild: Andrea Wyss)

Skiferien und Vereine geben Kraft

Auszeiten vom vollgepackten Alltag benötigt Karin Häni regelmässig. Und diese gesteht sie sich ohne schlechtes Gewissen zu. Jedes Jahr verbringt sie Skiferien mit ihrem Mann und geht mit ihm wandern. «Das benötige ich zum Durchschnaufen.» Zudem ist sie aktives Mitglied im Dorfverein und im Landfrauenverein ihres Heimatdorfes. Sie nimmt sich Zeit für die Anlässe mit den Landfrauen. «Das ist mir wichtig und tut der Seele gut», erzählt sie.

Notwendig für ihr Wohlbefinden sind auch die regelmässigen Treffen, Reisen und Ausflüge mit drei ehemaligen Schulfreundinnen. «Die Frauen geben mir sehr viel!», macht sie deutlich.

Nicht immer sind Ausflüge möglich, besonders nicht während der Haupterntezeit. Dann reicht es Häni auch, sonntags morgens nach der Stallarbeit mit einem Kaffee auf der Terrasse zu sitzen, dem Vogelgezwitscher zuzuhören und ansonsten die Stille zu geniessen.

5 Fragen an Karin Häni

Was beschäftigt Sie momentan am meisten?

Ganz klar die Wettersituation dieses Sommers und seine Folgen. Das macht mir Angst und belastet mich.

Welches Alltagsritual gehört für Sie dazu?

Vormittags mit meinem Mann Kaffee zu trinken. Das muss sein.

Was ist Ihr Lieblingslied und warum?

«Heaven» von Gotthard und «Einmal seh’n wir uns wieder» von Andreas Gabalier. Beide Lieder erinnern mich an Menschen, die nicht mehr da sind und mir fehlen.

Wie belohnen Sie sich selbst?

Mit Schoggi. Aber weiss muss sie sein.

Welche Arbeit liegt Ihnen so gar nicht?

Jäten (seufzt). Das mag ich gar nicht. Wenn auch nichts mehr wächst: Unkraut ist immer da.

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