Ausgebrannt auf dem Hof: Anlaufstelle «Offni Tür» St. Gallen hört zu

Seline Heim von der St. Galler «Offni Tür» erklärt, wie eine Beratung abläuft und wann ein Betriebshelfer, ein runder Tisch oder Bäuerinnenferien helfen können.

Gehör verschaffen und Ratschläge geben, wenn Bäuerinnen und Bauern private oder betriebliche Sorgen haben: Dieser Aufgabe widmet sich die Anlaufstelle «Offni Tür» im Kanton St. Gallen. Im Gespräch mit der BauernZeitung berichtet die Ansprechperson Seline Heim, was häufige Gründe für Anfragen sind und wie eine Beratung ablaufen kann.

Die Anlaufstelle «Die ‹Offni Tür St. Gallen› gibt es seit rund 20 Jahren. Hat die Anzahl Ratsuchender im Verlauf der Zeit zugenommen?

Seline Heim: Es kommen nicht mehr Anfragen, aber die Anliegen sind komplexer geworden. Die Ratsuchenden bringen nicht selten mehr Vorwissen mit und haben klarere Vorstellungen darüber. Man sieht das beispielsweise bei Bäuerinnen, die sich in einer Trennung bzw. Scheidung befinden.

Es handelt sich um eine andere Generation als noch vor 10 oder 15 Jahren. Diese Frauen haben häufig einen Erstberuf, sind selbstbewusst und handeln selbstständig. Daran ist auch zu sehen, wie sich die Gesellschaft verändert hat.

Um welche Probleme handelt es sich bei den Anfragen?

Nebst dem bereits genannten Thema Trennung/Scheidung stehen auch häufig finanzielle Schwierigkeiten im Zentrum. Zudem melden sich immer öfter Personen, die in eine Burnout-Situation geraten sind. Nicht unbedingt, weil es mehr Fälle gibt, sondern weil die Sensibilisierung für das Thema in den letzten Jahren zugenommen hat.

Betroffene schämen sich heute weniger, darüber zu reden. Bei uns sind auch Generationenkonflikte ein Thema, interessanterweise jedoch etwas seltener als früher. Es scheint so, dass man darüber heute weniger redet als über Paarkonflikte.

Seline Heim ist Ansprechsperson für das Projekt. (Bild: Privat)

Zur Person

Seline Heim ist beim Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen (LZSG) als Leiterin Bildung Bäuerin sowie als Ansprechperson für die «Offni Tüür» tätig.

Sind es eher Frauen, die sich bei Ihnen melden?

Es kommen tatsächlich mehr Frauen in die Beratung. Bei ihnen ist häufig eine Trennung der Anlass zur Hilfesuche. Männer dagegen melden sich öfter aufgrund eines Burnouts.

Gibt es Zeiten, in denen Sie mehr Anfragen erhalten?

Es scheint, dass Probleme im Winter, wenn es draussen länger dunkel ist, deutlicher zum Vorschein kommen. Im Sommer dagegen, wenn auf den Betrieben viel Arbeit ansteht, das Heuen zum Beispiel, läuft bei der Beratungsstelle weniger. 

Wie läuft eine Beratung ab?

In erster Linie finden die Beratungen telefonisch statt. Zunächst geht es darum, den Ratsuchenden zuzuhören. Dann frage ich nach und mache Vorschläge. Manchmal sind konkrete Massnahmen einzuleiten: So kann ich etwa einen Betriebsberater kontaktieren, der die Buchhaltung anschaut.

Bei einem Burnout ist es zudem wichtig, dass die betroffene Person sofort zum Hausarzt geht. Auch eine temporäre Entlastung bei der Arbeit ist denkbar. So ist es manchmal sinnvoll, via Bauernverband einen Betriebshelfer zu vermitteln. Bei überlasteten Frauen können auch Bäuerinnenferien eine Unterstützung sein. Zudem kann ich ein Coaching vermitteln, das die betroffene Person eine Zeitlang begleitet. So gesehen ist das Triagieren ein wichtiger Teil meiner Aufgabe. 

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn mehrere Personen involviert sind?

Bei Konflikten ist auch ein runder Tisch möglich. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die beteiligten Parteien dazu bereit sind. 

Wie können Sie sich persönlich abgrenzen, wenn Sie als Beraterin nahe an schwierigen Lebenssituationen sind?

Das ist nicht immer einfach. Mir hilft es, dass mein Arbeitsweg eine gewisse Distanz zur Arbeit gibt.

«Offni Tür» St. Gallen

Die Beratungsstelle «Offni Tür» ist eine telefonische Anlaufstelle für Bauernfamilien im Kanton St. Gallen. Sie bietet unter anderem Hilfe bei Belastungssituationen, finanziellen Problemen, Generationenkonflikten sowie weiteren familiären Fragestellungen.

Das Angebot wird gemeinsam vom Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen (LZSG) sowie vom St. Galler Bauernverband und vom kantonalen Bäuerinnenverband getragen. Die Erstberatung ist kostenlos.

Öffnungszeiten: Mo. 16.00 und 18.00 Uhr, Do. 10 bis 12 Uhr. Tel. 058 228 24 07.

Weiterlesen