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«Der Betrieb platzt aus allen Nähten», sagt Christian Näf vom Geissenparadies

Christian Näf lancierte 2016 das bisher erfolgreichste landwirtschaftliche Crowdfunding-Projekt. Zehn Jahre später will er wieder investieren, um der nächsten Generation einen nachhaltigen Bergbetrieb zu hinterlassen.

Heute sind Crowdfunding-Projekte gang und gäbe, doch als Christian Näf Geld für sein Geissenparadies suchte, gehörte er zu den Ersten. 2016 war er auf der Suche nach 60 000 Franken, um den Bergbetrieb auf der Göscheneralp UR zu kaufen. Sein Projekt traf den Zeitgeist wie ein Blitz. Die Werbung verselbstständigte sich, und Christian Näf nahm am Schluss über 140 000 Franken ein. Bis heute ist es das erfolgreichste landwirtschaftliche Crowdfunding-Projekt in der Schweiz.

Christian Näf stapft den Hang hoch. «Links», ruft er seinem Hund Gin zu. Die Hündin treibt die Geissen unter dem Weidezaun durch. «Der Zaun ist für die Kühe da unten. Meine Geissen brauchen im Spätherbst meist keinen Zaun.» Mit seinen Geissen bewirtschaftet er das ganze Tal. In der Senke gibt es noch zwei andere Betriebe. Einen davon übernimmt er auf das Jahr 2027, weil der Besitzer keine Nachfolge fand. «Drei Kinder, und niemand will übernehmen.»

111 Geissen hat die Familie Näf momentan. Im Sommer haben sie insgesamt 300 Sömmerungsgeissen. (Bild: Geraldine Wälchli)

Ihn zog es in die Berge

So war es auch bei seinem Betrieb: Christian Näf half schon als kleiner Junge und als Jugendlicher in den Schulferien auf dem Betrieb in der Göscheneralp. Als es um die Nachfolge ging, lehnten die Kinder des Besitzers ab. «Das hier war schon immer mein Zuhause», sagt der 39-jährige Toggenburger. Mit 21 pachtete er den Betrieb, und 2016 eröffnete sich die Möglichkeit, den Betrieb in der Bergzone IV zu kaufen.

Näf wollte zuschlagen, doch als Familienfremder einen Betrieb zu übernehmen, kommt teuer. Deshalb lancierte er sein Crowdfunding-Projekt. «Es verselbstständigte sich, und ich bekam eine Medienanfrage nach der anderen. Und das noch, bevor Social Media gross war.»

Mit ihm leben seine Frau Lydia und die drei Kinder Nora, Nils und Nina auf dem Betrieb. Lydia Näf stiess vor rund zehn Jahren als Betriebshelferin dazu. Die studierte Agronomin sagt: «Eigentlich machte ich nur den Alpsommer. Doch am Ende des zweiten Sommers funkte es.»

Im Winter drei Monate keine Sonne

Ihre Kinder gehen in Göschenen zur Schule. «Im Winter haben wir hier drei Monate lang keine Sonne», erzählt Christian Näf. Das heisst: Der Schnee bleibt liegen. Im Winter bleiben die Autos dort parkiert, wo es noch Winterdienst gibt. Am Morgen geht es den halben Weg mit dem Schneetöff oder dem Pistenfahrzeug in die Schule.

Lydia Näf kam vor zehn Jahren auf den Betrieb. Eigentlich nur als Aushilfe. (Bild: Geraldine Wälchli)

«Hier zu wirtschaften ist schwer. Doch für die Alp ist es unverzichtbar», sagt Christian Näf. Heute hat er 111 eigene Geissen. Im Sommer kommen fast 200 Sömmerungsgeissen dazu. «Wir sind ein Teilstufenbetrieb», sagt er. Der Winterstall und ein Käsekeller und eine Produktionsstätte liegen gleich neben dem Wohnhaus, der Sommerstall in der Nähe des Staudammes in einer Waldlichtung.

Von dort marschieren die Geissen jeden Tag auf die Sömmerungsweide. Vor dem Winter muss alles abgebaut werden, was keine meterhohe Schneedecke erträgt. «Den Sömmerungsstall müssen wir praktisch komplett abbauen», sagt die 40-jährige Lydia Näf.

Breit aufgestellt

Die Geissen sind aber nur einer der vielen Betriebszweige des Geissenparadieses. Im Hofladen verkaufen Näfs ihren eigenen Geisskäse. Pro Jahr produzieren sie drei bis dreieinhalb Tonnen Käse. «Unsere Kundinnen und Kunden fahren manchmal extra von Göschenen hoch für unseren Käse.»

Und der wohl wichtigste Betriebszweig entwickelte sich in den letzten Jahren: der Agrotourismus. «Wir bieten Geissentrekkings und Betriebsführungen an, bei denen Vereine, Schulklassen oder Firmen selbst Käse machen können», sagt Näf. Sie arbeiten eng mit dem Gasthaus Göscheneralp zusammen. «Wir spielen einander in die Hände. Unsere Gäste, sind oft auch jene des Gasthauses.»

Weniger im Stall, als ihm lieb ist

Seine Frau Lydia sieht Christian eindringlich an und sagt: «Manchmal ist es etwas viel. Es wird immer mehr.» Das bezieht sie auch auf Näfs Nebenjobs: Im Winter macht er den Winterdienst und arbeitet als Taxichauffeur. Vor bald 20 Jahren fragten ihn die umliegenden SAC-Hütten zwischendurch an, Skitouren-Gäste herumzufahren. «Mittlerweile habe ich die Taxi-Lizenz und mache auch das Schul-Taxi.»

Die Betriebsführungen, Geissentrekkings und die Taxifahrten verlangen von den beiden viel Flexibilität. Im Sommer haben sie mehrere Angestellte: Ein Hirte begleitet die Geissen auf die Weide, und eine Melkerin melkt sie zweimal täglich. Auch ein Käser und ein Allrounder unterstützen das Geissenparadies.

Die beiden Hunde kennen ihre Aufgabe: Skye und Gin treiben die Geissen. (Bild: Geraldine Wälchli)

«Gitzelii», jodelt er den Berg hinunter. Die gemsfarbenen Geissen zockeln den Hang hoch. «Auch wenn ich weniger im Stall bin, hören sie noch immer», sagt Näf grinsend. Mit seinen agrotouristischen Angeboten falle eine Menge Papierkram an. «Ich bin oft weniger im Stall, als ich es eigentlich gerne wäre.»

Alles unter einem Dach

«Wir platzen aus allen Nähten», sagt Christian Näf und zeigt auf den Sömmerungsstall. Genau diesen möchte er mit seinem neuen Projekt nicht mehr bewirtschaften müssen. Denn zehn Jahre nach dem Kauf will Näf nochmals investieren. «Wir wollen ein Ökonomiegebäude bauen. Darin sind Stall, Käseproduktion, Käsekeller, ein Schulungsraum für Betriebsführungen und ein Massenlager für Gäste untergebracht.»

Für dieses Projekt ist der Landwirt wieder auf der Suche nach Geldgebern. «Da wir schon mal Geld auf einer Crowdfunding-Plattform suchten, machen wir es dieses Mal privat.» Das heisst: Christian Näf klopft an die Türen und Mail-Postfächer von Stiftungen, Privaten und Unternehmen und reicht beim Bund und Kanton Gesuche ein. «Das Ganze ist unglaublich aufwendig, aber die Finanzierung ist fast geklärt.»

Kein einfacher Bau

Der Bau des geplanten Ökonomiegebäudes sei nicht ohne. «Wir haben hier nur den Sommer Zeit», sagt Lydia Näf. Ihre Bedenken sind gross, dass sich der Bau plötzlich verzögert. «Der Winter verzeiht hier nichts», fügt Christian an. Der Bau muss also schnee- und lawinensicher sein. «Das macht alles aufwendiger», sagt der Landwirt. Deshalb wird sich das Projekt auch auf rund drei Millionen Franken belaufen.

Links im Bild sieht man den Aufstieg zur Sömmerungsweide: die grüne Wiese entlang und dann links den steilen Hang hoch. (Bild: Geraldine Wälchli)

Doch weshalb dieser Aufwand? «Mit dem neuen Gebäude sparen wir, grob überschlagen, fast einen Monat Arbeit», erklärt er. Die ganzen Massnahmen für das Einwintern fielen weg, und auch beide Käsekeller seien endlich am Ort der Produktion. «Ich will der nächsten Generation einen Betrieb übergeben, den auch sie nachhaltig bewirtschaften können.» Zudem gehören sie zu den letzten Bauern der Göscheneralp. Näf ist so zäh wie seine Geissen. Auch am felsigen Hang, findet er etwas Grün.

Steckbrief Geissenparadies ab 2027

Betriebsleitung: Christian Näf mit Lydia Näf
Fläche: 45 ha
Tiere: 50 Hühner, 6 Schweine, 120 Geissen, im Sommer rund 300 Geissen
Betriebszweige: Käseproduktion, Direktvermarktung von Fleisch und Käse, Geissentrekking und Betriebsführungen, Taxidienst, Winterdienst
Mitarbeitende: Hirte, Melkerin, Allrounder und Käserin im Sommer



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