Sabrina Brüllhardt ist sich sicher: «Das Erlebte hat mich weitergebracht»

Trotz einer Lernschwäche hat die 24-Jährige Sabrina Brüllhardt schon viel erreicht. Demnächst will sie die Bäuerinnenschule in Angriff nehmen.

Auf dem Hofplatz auf dem Reutehof endet die Zufahrtsstrasse. Der 15 Hektaren grosse Betrieb liegt idyllisch. Hinter dem Wohnhaus werden die Hochstämmer geschnitten, der Garten vor dem Haus wartet auf die ersten Handgriffe. Sabrina Brüllhardt werkelt im Stall, während der Bläss mit wilden Sprüngen auf sich aufmerksam macht.

Hier wuchs Sabrina zusammen mit ihrer Schwester auf, hier ist sie zu Hause und hier will sie in ein paar Jahren den elterlichen Hof übernehmen. Dass es mal so weit kommt, war nicht von langer Hand geplant. Zumindest ihre Eltern fanden, sie solle zuerst eine andere Ausbildung machen, bevor sie sich auf die Landwirtschaft konzentriere. Sabrina wusste aber schon immer, dass sie eines Tages den Hof übernehmen würde.

Langsam, aber wissbegierig

Sabrina wurde als Kind nach Abklärungen in der Sozialpädagogischen Schule Frauenfeld eingeschult. Es gefiel ihr dort, auf ihr verlangsamtes Denk- und Lernvermögen wurde Rücksicht genommen. Es gab Lehrpersonen, die ihre Freude an Themen wecken konnten und förderten. «Wenn mich ein Fach begeisterte und ich den Sinn der Materie verstand, wollte ich mehr wissen, als man mir zu bieten hatte», erzählt sie.

Doch die Balance war nicht einfach: Auf der einen Seite war sie dem Leistungsdruck nicht gewachsen. Auf der anderen Seite fühlte sie sich oft unterfordert und wünschte sich, dass ihre Neugier und Wissbegierde mehr beachtet worden wären. Heute schaut sie mit Distanz auf die Schulzeit zurück. Sie ist froh, dass es ihren Eltern wichtig war, dass sie gefördert wurde und ihre Mutter damals alles tat, um ihren Wissensdurst mit externen Kursen und Möglichkeiten zu stillen. So besuchte sie Computer- und Malkurse und lernte Akkordeonspielen.

Auch wenn sie sich als scheu bezeichnet, war sie nach der Schule bereit, eine IV-unterstützte Ausbildung im Service zu beginnen. Diese absolvierte sie im Schloss Arbon und später im Greuterhof in Islikon und schloss sie auch erfolgreich ab.

Lehrmeister war Nationalrat

Nach kurzer Arbeitslosigkeit arbeitete sie in der Hauswirtschaft und Restauration eines Pflegeheims in Weinfelden. Es gefiel ihr, doch der Wunsch, Landwirtin zu werden, war nun gereift und so suchte und fand sie zwei Ausbildungsplätze mit Milchwirtschaft.

Als Sabrina von ihren Lehrbetrieben erzählt, leuchten ihre Augen. Und dass sie ihr erstes Ausbildungsjahr auf dem Hof von Markus Hausamman, ehemaliger Nationalrat und Verbandspräsident der Thurgauer Landwirtschaft, absolvieren durfte, macht sie heute noch sichtlich stolz. «Er war ein absolut toller Lehrmeister», sagt sie und ergänzt, dass sie ihm sehr vieles verdanke. «Ich spürte Wertschätzung, Anerkennung und habe viel von ihm gelernt.» Nach einem weiteren, guten Jahr auf einem Betrieb in Tägerschen machte sie erfolgreich das Eidgenössische Berufsattest als Agrarpraktikerin.

Ziel: den Hof übernehmen

Anschliessend lief wieder einmal nicht alles so, wie sie es sich wünschte. In der Landwirtschaft fand sie keine Anstellung. Daher arbeitete sie in einer Verpackerei und landete schliesslich bei einer Liegenschaftsbetreuung. «Hier wurde meine verzögerte Auffassungsgabe stärker gewichtet als meine Arbeitseinstellung, mein Wille und meine praktische Arbeit.»

Als die Pandemie begann, verlor Sabrina Brüllhart ihre Stelle und auch ihr sonniges Gemüt. Sie fiel in eine Depression. «Das Glas war nicht mehr halb voll, sondern ziemlich leer ...» Doch mit der Unterstützung einer Psychologin fand sie wieder zum Leben zurück.

Sie fand schliesslich eine Teilzeitanstellung in der Hauswartung der Kartause Ittingen. Sabrina ist vollends zufrieden. «Meine Vielseitigkeit wird geschätzt, ich kann mich gut ins Team integrieren, bin hilfsbereit und kann anpacken», erzählt sie.

Zudem arbeite sie die Hälfte der Woche zu Hause bei ihren Eltern und übernehme immer mehr Verantwortung. Ihr Vater sei Rentner und auch ihre Mutter werde in vier Jahren pensioniert. Daher sei es gut, dass sie langsam in ihre spätere Aufgabe als Betriebsleiterin des elterlichen Betriebes hineinwachsen dürfe.

Ohne Tiere geht es nicht

Auch wenn Sabrina Brüllhardt den Moment geniesst, so hat sie wieder neue Pläne im Kopf: Sie beginnt im kommenden Jahr die Bäuerinnenschule am Arenenberg. «Ich will auch im Haus, in der Küche, in der Buchhaltung und in ökologischen und politischen Fragen richtig ausgebildet sein.»

Eine Bäuerin müsse heute mehr können als Kochen und Haushalten, ist sie überzeugt. Zudem beschäftigt sie sich auch mit der zukünftigen Ausrichtung des Betriebes. Ihr schwebt vor, den Hof auf IP-Suisse und später auf Bio umzustellen. Auch gebe es noch anderes, das sie früher oder später anpassen möchte. Hingegen möchte sie auf keinen Fall die Milchwirtschaft aufgeben, viel zu sehr hängt sie an den 17 Milchkühen und den Kälblein im Stall. «Ohne Tiere möchte ich den Betrieb nicht führen.»

Ob ihre junge Liebe bei ihren Plänen mit dabei ist, weiss die 24-Jährige nicht. Zu frisch ist diese zarte Beziehung noch, um konkret zu werden. Im Moment konzentriert sie sich auf ihre Entwicklung, will als nächstes die Ausbildung zur Imkerin in Angriff nehmen und sagt zuversichtlich: „»Ich habe trotz meiner Lernschwäche schon einiges erreicht und wenn ich gesund bleibe, kann noch mehr dazukommen.»