Über dem schaffhausischen Hallau ziehen sich Weinberge in die Höhe. Kleine Wege und Pfade führen hindurch, da und dort steht ein typisches Rebhäuschen oder eine Sitzbank. Der Blick schweift über das Klettgau und weiter in die Ferne, in der das nördlichen Nachbarland liegt. Hier fand Ende Juni 2022 eine Exkursion statt, organisiert unter anderem von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL), vom IG Lebensraum Klettgau und dem Regionalen Naturpark Schaffhausen.
Hier kommt man zur Ruhe
Dabei präsentierte SL-Geschäftsführer Raimund Rodewald eine Fallstudie zu Ruhegebieten im Klettgau, basierend auf der «Tranquility Map des Mittellandes» (siehe Kasten). Laut dieser ist der Hallauerbärg eines von drei Gebieten im Kanton Schaffhausen, die über eine besonders hohe Ruhe- und Klangqualität verfügen. Das Gebiet erstreckt sich auf rund 7 km2 über dem Dorf Hallau und umfasst Rebland, strukturreiches Agrarland sowie einen Waldanteil.
«Ein solches Ruhegebiet muss nicht möglichst still sein», sagte Rodewald. «Es geht vielmehr um den Effekt, dass man darin zur Ruhe kommen kann.» Jeder Ort werde durch typische Geräusche charakterisiert. So ist bei einem Halt am Rebberg das Plätschern von Wasser aus einem nahen Bach zu hören. Vom lokalen Schwimmbad weiter unten sind ausgelassene Stimmen auszumachen, und irgendwo zwitschert ein Vogel.
Was ist nun das Besondere am Hallauerbärg? «Wir befinden uns hier in einer Art Amphitheater. Die Expositionslage erlaubt es, auch Geräusche von weit her wahrzunehmen», so Rodewald. Dabei sei es nicht immer klar, in welcher Distanz die Geräuschquelle liege.
Es gelten auch visuelle Aspekte
Speziell ist laut dem bekannten Schweizer Landschaftsschützer auch, dass aus Hallau und anderen Dörfern im Klettgau kaum permanenter Zivilisationslärm herrscht, abgesehen vom regelmässigen Flugverkehr. Als ein Gegenstück dazu könnte man das Zürcher Limmattal nennen, in dem ständig ein Rauschen, unter anderem verursacht durch den Verkehr, zu hören ist. Ein Ruhegebiet wird zudem nicht nur durch Geräusche und Klänge geprägt, sondern auch durch die visuelle Ruhe. So wird eine Landschaft beispielsweise als ruhiger empfunden, wenn sie nicht von Strassen durch schnitten ist. «Das Ziel der Studie ist es, die Leute für solche Ruheräume zu sensibilisieren», so Raimund Rodewald. «Dabei geht es auch um Wertschätzung und um das Bewusstsein, welche Qualitäten an einem Ort vorliegen.»
Die Bevölkerung wird miteinbezogen
Einen weiteren Schritt macht Natalie Smith mit ihrer Bachelorarbeit an der ZHAW: Sie ist daran, eine Nutzungsanalyse für den Südranden zu erstellen, ein weiterer Ruheflecken auf der «Tranquility Map». Dazu befragt Smith derzeit Einheimische zu ihrer Wahrnehmung des Gebiets. Dabei will sie auch ermitteln, ob das Bedürfnis besteht, die Qualität als Ruhegebiet touristisch zu vermarkten. «Es ist wichtig, in dieser Frage die Bevölkerung miteinzubeziehen», so Smith.
Tranquility Map
Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) erarbeitete 2020 zusammen mit der ETH eine «Tranquility Map des Mittellandes». Diese verzeichnet basierend auf englischen Umfragekriterien 53 Gebiete mit einer Grösse von mindestens 5 km2, die über eine hohe Ruhe- und Klangqualität verfügen. Dies, weil sie etwa wenig zerschnitten und verbaut sind. Als positiv bewertet werden beispielsweise Vogelgezwitscher, negativ etwa konstanter Strassenlärm und Menschenansammlungen. Der Kanton Schaffhausen weist drei solcher Gebiete aus, der Hallauerbärg, der Südranden sowie ein Gebiet bei Hemishofen. Die «Tranquility Map» soll aufzeigen, wo im Mittelland in der Nähe der grossen Siedlungen grössere, naturnahe, abgeschiedene ruhige Orte, die sich zur Erholung eignen, bestehen. Weitere Informationen: Tranquility Map.

