In Rebecca Müllers Familie wusste niemand so richtig, was es heisst, Landwirt zu sein. Ihr war es auch nicht bewusst, dass dies ein Beruf mit einer richtigen Ausbildung ist. Bauer wurde man doch durch das Erben eines Hofs. Heute ist sie Chef-Stellvertreterin für den Versuchs- und Ausbildungsbetrieb Strickhof in Lindau ZH.
Keine Freude am Haushalt
"Ich war der Bub in der Familie", erzählt Rebecca Müller. Ihr siebenmonatiger Sohn Corsin sitzt im roten Triptrap, schlägt freudig mit einer Kinderhaarbürste auf den Holztisch. Seine Mutter reicht ihm einen Greifring, was ihn nicht so begeistert. "Als Kind war ich am liebsten draussen, im Wald", fährt Müller, eine Frau mit kecken kurzen Haaren, weiter. Der Haushalt konnte sie nicht begeistern. In den jährlichen Familienferien auf einem freiburgischen Bauernhof lernte sie dann die Landwirtschaft kennen. "Ich war den ganzen Tag beim Bauern. Ich durfte mithelfen beim Kühe Anrüsten und zur Käserei mitfahren."
«Ich war der Bub in der Familie.»
"Meine erste Berufswahl wäre Matrosin gewesen, aber da war es als Frau noch schwieriger als in der Landwirtschaft." Als Schreinerin wäre sie zu wenig genau. Da blieb der Beruf als Landwirtin. Als ihre Eltern merkten, dass dies ein sehr vielfältiger Beruf mit guten Zukunftschancen ist, willigten sie ein. Heute ist die 33-Jährige gelernte Agrartechnikerin und unter anderem verantwortlich für die Ausbildung der fünf Lernenden am Strickhof.
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Wenn man etwas will
Rebecca Müllers Partner Röbi Sonderegger, landwirtschaftlicher Betriebsleiter am Strickhof, hat Ferien. Er schaut zum gemeinsamen Sohn, damit Müller frei ist für eine Führung durch den Betrieb. Im neuen luftigen Kuhstall bekommt eine Gruppe Lernende praktischen Unterricht. Drei junge Frauen üben auf dem Hofplatz das Fahren mit einem John-Deere-Traktor. «Immer mehr Frauen machen die Ausbildung zur Landwirtin», sagt die Ausbildnerin. Je nach Betriebsbranche können Frauen bis zu 50 Prozent ausmachen.
Müller hält an und tätschelt eine Kuh, die ihr über die Schulter schlabbert. Als Frau im Berufsleben erlebe sie wenig Probleme, meint sie. "Im zweiten Lehrjahr war es ein Thema. Die Frau des Lehrmeisters war eifersüchtig auf die Zeit die ich mit ihrem Mann verbrachte." Heute versteht sie diese Frau besser.
"Ich hatte drei Schwestern, meine Mutter deren sechs. Die meisten Frauen, die ich kannte, waren hauptsächlich Hausfrauen und Mütter." Eine Sekundarlehrerin erweckte in ihr das Bewusstsein für die berufstätige Frau. "Sie machte uns klar, dass es egal ist, ob Mann oder Frau: Wenn wir etwas wollen und bereit sind, hart zu arbeiten, haben wir gute Chancen, es zu erreichen." Es ist diese Einstellung, die Rebecca Müller ihren weiblichen Lernenden weitergeben möchte. Aber auch die jungen Männer sollen mitbekommen, dass das Geschlecht nicht ausschlaggebend ist für Erfolg. Entscheidend ist der Wille, mit etwas Kreativität – und Leidenschaft, wie sie Müller ausstrahlt.
Familiäre Atmosphäre
Am Ende des neuen Veterinärgebäudes betritt Rebecca Müller das helle Büro des Versuchs- und Ausbildungsbetriebs. Hier arbeitet sie zweieinhalb Tage die Woche. Nebst der Lehrlingsbetreuung ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Sie organisiert Führungen, die sie oft selbst übernimmt. Ist ihr Chef, Hanspeter Renfer, abwesend, trägt Müller die ganze Verantwortung für den Betrieb. Manches Wochenende ist sie als Aushilfe im Kuhstall oder auf dem Traktor anzutreffen. "Ich brauche die Praxis. Darum gefällt es mir hier so gut – meine Arbeit ist so vielfältig."
«Ich brauche die Praxis, darum gefällt es mir.»
Die Wohnung der Familie Müller-Sonderegger befindet sich direkt neben der Strickhof-Kita. "Ich muss Corsin nicht mal eine Jacke anziehen!" Kinder tummeln sich auf dem Spielplatz gegenüber. "Für viele Mitarbeiter ist der Strickhof eine Familie", sagt Rebecca Müller. Wer will, findet zusammen beim Znüni oder Feierabendbier. Die familiäre Atmosphäre wird möglichst mit den Lernenden geteilt. Diese wohnen im Mitarbeiterhaus ohne Familienanschluss und sind selbst verantwortlich für ihren Haushalt. Das kann die noch jungen Menschen bisweilen überfordern. "Wenn jemand nicht stark ist, fällt er oder sie schnell zwischen Stuhl und Bank", gibt Rebecca Müller zu bedenken. "Wir laden die Lehrlinge manchmal zu uns zum Nachtessen ein."
Auf der Herdplatte liegt ein dickes Buch. "Ich lese gerne Krimis", gibt die Landwirtin zu. Während der Schwangerschaft entdeckte sie das Nähen. Sie kreiert Decken oder
kleine Kleidchen für den Verein Sternenkinder. Die Organisation steht Eltern mit praktischer Hilfe bei, deren Kinder vor, während oder gleich nach der Geburt starben. "Während der Schwangerschaft habe ich mich sehr mit diesem Thema beschäftigt."

