BauernZeitung: In ein paar Tagen startet die 77. Olma. Worauf freuen Sie sich besonders?
Nicolo Paganini: Auf die Schweizer Volkskultur als Ehrengast. Das sind über 20 Verbände von Jodlern und Alphornbläsern über Schwinger, Blasmusikformationen, Trachtenleben bis zu Scherenschnitt-Künstlerinnen. Der Umzug und die Sonderschau unter dem Motto "Dresscode" werden sicher besonders prachtvoll sein. Es wird gezeigt, was Handwerk zur Schweizer Volkskultur beitragen kann, die Besucher werden interaktiv miteinbezogen. Ich freue mich auf die vielen Bekanntschaften und die guten Gespräche.

Traditionelle Publikumsmessen haben heute einen schweren Stand. Die Züspa und die Muba finden nicht mehr statt. Warum gibt es die Olma immer noch?
Ich glaube, dafür gibt es verschiedene Gründe. Wir sind in einem weniger urbanen Umfeld als Zürich oder Basel. Wir haben weniger Konkurrenz im Sinne eines Sechseläuten oder einer sehr traditionellen Fasnacht. Die Olma ist gesellschaftlich verankert, das waren die Züspa und die Muba am Schluss nicht mehr. An der Olma will respektive muss man dabei gewesen sein!
Ein weiterer Punkt ist, dass wir nie angefangen haben, am "Erlebnis" zu sparen. In der Arena wird jeden Tag ein Rahmenprogramm von 9 bis 16 Uhr geboten, wo die Leute unterhalten werden. Bei uns läuft jeden Tag für alle sehr viel.
Ihr Erfolgsrezept ist also, dass die Olma immer noch eine Erlebnismesse ist?
Unsere Erfolgsfaktoren sind, dass die Olma gesellschaftlich relevant ist und dass sie viel Erlebnis bietet. Landwirtschaft und Ernährung ist etwas Zeitloses, das spricht die Leute immer an.
Aber mit der Tradition der Gastkantone mussten Sie in den letzten Jahren brechen. Ist dies eine Reaktion auf die sinkenden Besucherzahlen?
Nein. Die letzten zwei Jahre haben wir unter dem guten Wetter gelitten. Viele gingen in die Berge statt an die Olma. Dieses Jahr hatten alle Kantone einen Auftritt an der Fête des Vignerons zu stemmen. Wir haben relativ früh gemerkt, dass es unter diesen Umständen schwierig werden würde, für dieses Jahr einen Gastkanton zu finden.
Nächstes Jahr ist Schaffhausen unser Olma-Gastkanton. Für 2021 haben wir bereits eine Zusage und für 2022 und 2023 laufen vielversprechende Vorgespräche. Es ist nicht so, dass der Auftritt der Gastkantone abbricht. Aber wenn ein Kanton gerade ein Sparpaket im Parlament berät, dann ist es schwierig, gegen eine Million Franken für einen Auftritt an der Olma aufzubringen. Dafür habe ich Verständnis. Im Gegenzug kann sich ein Kanton an der Olma elf Tage lang präsentieren. Ich höre nach der Olma immer wieder, wie sehr diese Interaktionen mit den Besuchern geschätzt werden und wie der Auftritt auch innerhalb des Gastkantons zusammenschweisst.
Ehrengast Schweizer Volkskultur
Ehrengast der Olma 2019 ist die Schweizer Volkskultur. Im Zentrum steht Brauchtum in seiner ganzen Vielfalt: Trachten, Jodeln, Blasmusik, Volkstanz, Fahnenschwingen, Alphörner, Hackbrettmusik, Volkskunst und vieles mehr. Dass die Olma echte Schweizer Tradition nicht nur zeigt, sondern auch lebt, werden unter anderem auch der farbenfrohe Umzug durch die St. Galler Innenstadt und der anschliessende Festakt am ersten Olma-Samstag zur Schau tragen. Eine grosse Sonderschau mit Präsentation wunderbarer Schweizer Trachten und natürlich ein buntes, täglich wechselndes Programm lässt das Messepublikum in die reichhaltige Welt der Schweizer Volkskultur eintauchen. Hier gehts zum Programm.
Dies ist Ihre neunte Olma als Direktor. Wie haben sich die Olma Messen St. Gallen unter Ihnen verändert?
Ich trage nicht in erster Linie die Verantwortung für die Messe Olma im Herbst, sondern die Verantwortung für das Gesamtunternehmen Olma Messen. Da gibt es zum Beispiel bei der Infrastruktur schon Weiterentwicklungen. Wir haben das ganze Gelände aufgewertet und neu gestaltet. In der Halle 9 wurden Workshop-Räume gebaut für die grossen Kongresse. Aktuell wird an der neuen Halle 1 gebaut, die auf eine Überdeckung der Stadtautobahn A1 kommen soll.
Und wie haben sich die Messen verändert?
An den Messen selber liegt der Akzent auf dem Messe-Erlebnis. Bereits in den Konzepten wird herausgeschält, welches die Erlebnisfaktoren sind. Wo erlebt der Gast etwas, das über das Alltägliche hinausgeht? Jede unserer Messen ist auch ein bisschen anders. Bei der "Tier&Technik" sind es vor allem die Aussteller, die das Erlebnis bieten. Bei einer Olma tragen wir selber – zusammen mit unseren Partnern – sehr viel zu diesem Erlebnis bei und gestalten das Arena-Programm oder organisieren Tierausstellungen, Alpkäseprämierung, Foren und und und.
Worauf sind Sie als Olma-Direktor besonders stolz?
Dass es dem Unternehmen wirtschaftlich gut geht. Wir haben keine Schulden mehr, konnten sogar etwas Reserven bilden. Unsere grossen Ertragstreiber "Olma", "Offa", "Tier&Technik" sowie "Congress Events" erwirtschaften über die Jahre stabile Cash-Flows.
Zur Person
Nicolo Paganini (53) ist verheiratet und hat drei Kinder. Der studierte Ökonom und Jurist mit Anwaltspatent ist seit 2011 Direktor der Genossenschaft Olma Messen St. Gallen. Von 2002 bis 2007 war er Leiter des Amts für Wirtschaft des Kantons St. Gallen, anschliessend bis 2011 Abteilungsleiter für die St. Galler Kantonalbank.Von 1992 bis 2002 politisierte Paganini für die CVP im Grossen Rat des Kantons Thurgau. Mit der Wahl zum Leiter des Amtes für Wirtschaft des Kantons St.Gallen beendete er seine aktive politische Arbeit als Mandatsträger zwischenzeitlich. Bei den Nationalratswahlen 2015 stieg Paganini für die CVP St. Gallen ins Rennen und erreichte den ersten Ersatzplatz. Nach dem Rücktritt von Jakob Büchler wurde Nicolo Paganini im März 2018 als Nationalrat vereidigt.
Die Olma ist auch eine Landwirtschaftsmesse. Was schätzen Sie besonders an der Schweizer Landwirtschaft?
Ganz viel! Ich habe gerne Landwirtschaftsprodukte aus der Schweiz, vor allem ein schönes Stück Fleisch. Bei der ganzen Diskussion um Ökologie und Klimaschutz finde ich es sinnvoll, dass wir in der Schweiz produzierte Lebensmittel konsumieren. Bei uns kann man auch mal in einen Stall reinschauen, schauen unter welchen Bedingungen produziert wird.
Bauern arbeiten viel, haben enorm lange Arbeitstage, wirtschaftlich ist es manchmal – wie aktuell für die Milchproduzenten – schwierig. Und trotzdem lieben sie ihren Beruf und organisieren am Samstag auch noch Viehschauen. Mich fasziniert auch die ganze Alpwirtschaft. Das ist ein grosser Aufwand, auch wenn es dafür gewisse Abgeltungen gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie unsere Alpen aussehen würden, wenn es unsere Bauern nicht gäbe.
Welche persönliche Verbindung haben Sie zur Landwirtschaft?
Einer meiner besten Freunde ist Braunviehzüchter im Kanton Thurgau. Von Amtes wegen ist der Olma-Direktor auch Vizepräsident der Tierausstellungskommission. Da kommt man in Kontakt mit den Bauern. Ich habe 2017 an der Olma-Braunviehauktion mit einer jungen Frau, deren Vater einen Hof hat, ziemlich spontan ein Rind ersteigert. Dieses hat seither schon zweimal gekalbt.
Als Olma-Direktor hat man viele Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Wenn ich keine Freude an der Landwirtschaft hätte und es mich nicht interessieren würde, hätte ich den falschen Job.
Die jüngst veröffentlichten Studien rücken die Landwirtschaft in ein schlechtes Licht. Was geben Sie als Nationalrat den Bauern für die politischen Debatten mit auf den Weg?
Die Situation ist schwierig: Viele Konsumenten erwarten gleichzeitig Lebensmittel, die günstig, qualitativ und optisch perfekt und erst noch ohne gewisse Hilfsmittel produziert sind. Es stellt sich die Frage, wie man den Erwartungen der Gesellschaft gerecht werden und gleichzeitig nachhaltig und wirtschaftlich einen Hof bewirtschaften kann.
Wichtig erscheint mir, dass die Bauern die Themen selber proaktiv angehen und das Heft in der eigenen Hand halten. Bauernverbandspräsident Markus Ritter zeigt, dass auch etwas von Seite der Bauern selber kommen muss. Problematisch wäre, wenn man immer erst auf Kritik und Druck reagieren würde. Beim Pflanzenschutz scheint mir das nicht der Fall zu sein. Allen wird man es ohnehin nie recht machen können.

