Ohne Streichhölzer Feuer machen, Spuren lesen und auf dem offenen Feuer kochen – Leben wie einst die Naturvölker ist für die gelernte Biolandwirtin und Lehrerin Anna Moor schon fast zur Passion geworden. Ihr Herz gehört der Natur und Wildnis und so lädt die 47-Jährige beim Besuch der BauernZeitung Anfang Februar auch auf eine kleine Wanderung ein, anstatt in der warmen Stube von ihrer aussergewöhnlichen Leidenschaft und ihrem Leben zu erzählen. Ganz nach dem Motto: Das Abenteuer vor der eigenen Haustür entdecken.
Neuanfang als Landwirtin
Die Abenteuerlust scheint die Stadtbernerin schon ihr Leben lang zu begleiten. Nachdem sie ihren Job als Haushaltslehrerin an den Nagel gehängt hatte, arbeitete sie als Ski- und Snowboard-Lehrerin, reiste durch Südamerika und entdeckte ihre Liebe zur Landwirtschaft. «Wenn ich Stallluft rieche, Tiere um mich herum habe und draussen arbeite, geht mir das Herz auf.» Deshalb entschied sie sich, noch einmal ganz neu anzufangen und die Ausbildung zur Biolandwirtin auf einem Demeterhof in der Nähe von Bern zu machen. Stationen auf weiteren Biohöfen folgten. Vor drei Jahren erfuhr sie während eines Permakultur-Workshops dann zufällig von der Wildnispädagogik, die sofort ihr Interesse und ihre Neugierde weckte.
Zurück zu den Wurzeln
Beim Spaziergang durch den nahe gelegenen Wald erzählt Anna Moor von ihrer zweijährigen Weiterbildung zur Wildnispädagogin bei der Naturschule Woniya in Masein GR. Dort erlangte sie die verschiedensten Fertigkeiten des urtümlichen Lebens in und mit der Natur. Die zwölf mehrtägigen Seminare drehten sich dabei um Naturwahrnehmung, Heilpflanzen, essbare Wildkräuter, aber auch Orientierung und Erste Hilfe im Wald. Dabei lernte Moor auch, wie man Fährten liest und Gebinde aus Naturmaterialien herstellt. Die Zeit dafür hatte sie, weil sie inzwischen wieder als Lehrerin arbeitet.
Wildnispädagogik
Die Wildnispädagogik vermittelt Fertigkeiten zum Leben in und mit der Natur. Orientiert wird sich dabei an den Techniken von früheren und noch heute existierenden Naturvölkern. Neben Feuer machen gehört auch Naturhandwerk wie Leder gerben, Körbe flechten und Gefässe bauen dazu. Das Besondere, es wird der Ansatz des Coyote-Teachings verfolgt. Anders als in der Schule geht es weniger um die Vermittlung von Fakten und eher darum, durch eigene Erfahrungen zu lernen. Was zählt, ist eigenes Ausprobieren, Scheitern und es wieder zu versuchen. Der Lehrer oder die Lehrerin stehen dabei nur unterstützend zur Seite. [IMG 2]
Zeit zum Entspannen
Doch warum reist Anna Moor so gerne in eine Zeit, die alle modernen Annehmlichkeiten entbehrt und lebt wie die Jäger und Sammler? «Durch die Wildnispädagogik habe ich einen neuen Zugang zur Natur gefunden. Sie mit allen Sinnen zu erfahren, lehrt mich, ihre Kreisläufe und Zusammenhänge noch besser kennenzulernen.» Das könne sie zwar auch während der Arbeit auf einem Hof, aber dort herrsche nicht so eine Ruhe wie während der Wildnislager in der Naturschule. «Die Zeit draussen in der Natur schenkt mir Entspannung, in der Landwirtschaft gibt es hingegen immer etwas zu tun, da bleibtweniger Zeit, bewusst zu beobachten oder wahrzunehmen.» Ihre Wahrnehmung wirkt sehr geschult, immer wieder stoppt sie während des Spaziergangs kurz und macht auf den vorbeifliegenden Eichelhäher oder ein besonders schön gefärbtes Schneckenhaus auf dem Boden aufmerksam.

Komfortzone verlassen
Weiter erzählt sie, dass die Wildnispädagogik sie in ihrer bisherigen Lebenseinstellung bestärkt habe: «Zum Glücklichsein braucht es nicht viel – es geht nur darum, die kleinen Dinge wertzuschätzen und sich im Leben auf das Wesentliche zu konzentrieren.» Die Weiterbildung brachte sie von Zeit zu Zeit aber auch an ihre Grenzen, erinnert sie sich. «Es gehörte zum Beispiel zu unseren Aufgaben, ganz allein irgendwo im Wald zu übernachten, dazu musste ich mich erst mal überwinden.» Aber auch der Spass sei nicht zu kurz gekommen. «Ich habe dort einen Raum, in dem ich ganz ich selbst und auch mal wieder Kind sein kann, gemeinsam spielen, sich tarnen, singen», solche Möglichkeiten seien in ihrem normalen Alltag selten.
Wissen teilen
Die Freude, aber auch ihr Wissen und die Wertschätzung für die Natur möchte Anna Moor gerne weitergeben. «Es wäre schön, wenn die Leute wüssten, wie das Rüebli wächst, warum eine Distel heilen kann und wie man aus Brennnesseln eine Schnur herstellt.» Aus diesem Grund leitet sie zum einen während der Sommerferien in der Naturschule einwöchige Lager für Kinder, in denen sie Feuer machen, Bogen schiessen und Wildkräuter kennenlernen. Zum anderen engagiert sie sich ehrenamtlich im Ernährungsforum Bern. Ihre Rolle sieht sie darin, Brücken zu bauen zwischen Stadt und Land sowie drinnen und draussen.
Für die Zukunft ist Anna Moor auf der Suche nach einer Hofgemeinschaft im Kanton Bern, in der sie ihre vielfältigen Interessen einbringen und miteinander verbinden kann. «Von Schule auf dem Bauernhof bis Wildnislager kann ich mir alles vorstellen.» Erst einmal freut sie sich aber über die Feder, die sie gerade auf dem Weg vor sich entdeckt hat und geniesst damit ganz den Moment.

