Frau Stamm, «Erdbeeren im Heu» erzählt die Geschichte Ihrer eigenen Familie – die vor ein paar Jahren bereits als Artikelserie in der BauernZeitung erschienen ist. Warum haben Sie beschlossen, nun ein Buch daraus zu machen?
Adrian Krebs, der frühere Chefredaktor der BauernZeitung, fragte mich vor einigen Jahren, wann ich ein Buch über meine Auswanderungen nach Kanada schreiben würde. Ich antwortete: «Ich schreibe kein Buch mehr!» Es war mir einfach zu viel Aufwand. Er schlug vor, monatlich eine Geschichte für die BauernZeitung zu schreiben, was ich über 21 Monate lang tat. Als die Rückmeldungen so positiv ausfielen, entschied ich mich doch für ein Buchprojekt. Durch die erweiterten Geschichten werden die Leser meiner BauernZeitung-Geschichten in meinem Buch «Erdbeeren im Heu» trotzdem viel Neues erfahren.
Ihre Eltern wagten mit ihrer Familie einen radikalen Neuanfang in Kanada. Was bedeutete es damals ganz konkret, sich in einer fremden Umgebung eine landwirtschaftliche Existenz aufzubauen?
Es brauchte enorm viel Ausdauer und Willenskraft. Beides besass mein Vater. Alles war neu. Unsere Farm bestand am Anfang mehrheitlich aus Wald, den wir nach und nach für Ackerbau und Weiden für die Milchkühe rodeten. Karg war das Leben, und doch auch schön. Der Winter war lang und hart. Von Oktober bis Mitte Mai gab es keine frische Nahrung für Tier oder Mensch. Ein grosser Garten und das Einmachen der Ernte waren überlebenswichtig. Damals hatte niemand in Cecil Lake Geld, nur Land und diese Vision von einer Farm. Dazu kam für uns die sprachliche Barriere. Unsere kanadischen Nachbarn waren äusserst hilfreich, der nächste Nachbar konnte sogar ein wenig Deutsch. Ohne deren Hilfe hätten wir es nicht geschafft. Aber das galt für alle, die damals in dieser Gemeinschaft lebten.
Sie kennen das bäuerliche Leben sowohl in der Schweiz als auch in Kanada aus eigener Erfahrung. Welche Unterschiede – aber auch welche Gemeinsamkeiten – haben Sie besonders geprägt?
Zuerst zu den Gemeinsamkeiten: Der Schweizer Bauer sowie der kanadische Farmer arbeiten mit der Natur und ihrem Lauf. Die hiesigen Bauern wie die Farmer in Kanada sind darauf angewiesen, dass es zur rechten Zeit regnet oder die Sonne scheint. Die Ernte dessen, was man angebaut hat, ist immer ein Highlight. Der Boden und der gute Umgang damit sind unsere Lebensgrundlage, egal, wo wir sind.
Nun zu den Unterschieden: Das harte Klima und die kurze Wachstumsperiode in Kanada prägen einen sicher. Die Hilfsbereitschaft unserer Nachbarn war enorm wichtig. Alle waren füreinander da. Wenn einer auf die Farm fuhr, wurde er zum Kaffee eingeladen. Zeit hatte eine andere Dimension. Die Felder waren grösser, es kam nicht auf diese eine halbe Stunde an. In der Schweiz ist das anders, man ist weniger unkompliziert. Obwohl die Betriebe viel kleiner sind, nimmt man sich weniger Zeit füreinander. Oder das ist zumindest meine Erfahrung.
In Kanada werden die landwirtschaftlichen Produkte an der Börse gehandelt, die Preise schwanken dementsprechend. Man ist den Preisschwankungen stärker ausgeliefert als in der Schweiz, Direktzahlungen vom Bund gibt es keine. Dafür ist man unabhängiger.

Heimat ist ein wichtiges Thema Ihres Buches. Sie selbst sind zweimal von der Schweiz nach Kanada ausgewandert und später wieder zurückgekehrt: Wo ist für Sie heute Heimat?
Ich sage oft: «Da, wo ich bin, da bin ich zuhause.» Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes Doppelbürgerin. Ich habe immer zwei Länder in meinem Herzen. Bin ich in Kanada, vermisse ich Verschiedenes aus der Schweiz. Bin ich hier in der Schweiz, habe ich manchmal Sehnsucht nach Kanada. Geografisch gesehen bleibt Kanada meine Heimat mit den ausladenden Weiten und dem grossen, breiten Himmel. Diese Wildnis, dieser Raum.
Der Titel «Erdbeeren im Heu» macht neugierig: Welche Geschichte steckt hinter dem Titel?
Das kann man in der gleichnamigen Geschichte in meinem Buch lesen. Das verrate ich hier nicht!
Sie haben das Buch im Selbstverlag herausgebracht. Wie war das, welche Herausforderungen begegneten Ihnen und was hat Ihnen am Prozess am meisten Spass gemacht?
Da ich schon zwei Bücher verlegt hatte, wusste ich, was auf mich zukommt. Jeder Schritt hatte seine Herausforderungen. Den Titel zu bestimmen, ist immer eine grössere Sache für mich. Diesmal wurde er mir beim Eindämmern vor dem Schlaf «gegeben». Ich weiss nicht mehr, warum, aber er passt. Mein Grafiker-Neffe gestaltete mir den Umschlag. Eine Journalistin empfahl mir ihre Lektorin. Das Buch musste für den Druck formatiert werden. Am Schluss blieb noch die Wahl des Druckanbieters. All das kostet. Ich bin glücklich, dass am Ende alles geklappt hat. Am meisten Spass macht mir jetzt das fertige Buch – und wenn mir die Leser ganz begeistert Rückmeldungen geben, wie sehr das Buch sie berührt hat. Zum Beispiel: Als eine Frau las, wie es für uns Kinder war, in der Schule immer anders zu sein, kamen ihr die Tränen. Genauso hatte sie es auch in den ersten Jahren in der Schweiz empfunden. Dazu kommen die Telefonate mit Menschen, die mir ihre Geschichten erzählen. Sie erzählen von ihren Erlebnissen mit Kanada, davon, dass sie sogar mit unseren Nachbarn in Cecil Lake verwandt sind! All diese Begegnungen sind für mich ein Reichtum.
Wo kann man das Buch bestellen?
Am besten bei der Autorin selbst, mit E-Mail an marerobster@gmail.com oder Anruf/SMS an 076 546 50 72.

