Da in unserer Familie seit jeher politisiert wird, sind die Diskussionen am Familientisch sehr interessant. Unsere Tochter studiert Umweltingenieurin und unser Sohn ist Landwirt EFZ. Da gibt es genug Gesprächsstoff. Seit den letzten Umweltabstimmungen wurde immer wieder gesagt, der Landwirt sei das Opfer der Umweltverbände. So einfach ist das wohl nicht, schaut man die Statistiken an. Wir sind nach dem Verkehr (31 %), den Gebäuden (26 %) und der Industrie (24 %) mit 20 % der viertgrösste Produzent der Treibhausgasemissionen.
Viel wichtiger, als Opfer oder Täter zu suchen, wäre die Zusammenarbeit für die besten Lösungen. Kein anderer Wirtschaftsfaktor bekommt die Klimakrise derart zu spüren wie die Landwirtschaft. So wie die Krankheit «Citrus Greening» auf Millionen von Hektaren die Zitrusfrüchteproduktion zerstört und in Italien durch das Unwetter die Pflanzen ersticken, werden wir nicht einfach verschont bleiben. Der letzte, zu warme Winter und der jetzige nasse Frühling zeigten, dass die Nahrungsproduktion gefährdet ist und die Klimakrise nicht an der Schweizer Grenze haltmachen wird.
Insektensterben ist ein wichtiges Thema
Für unsere Tochter sind Biodiversitätsverlust und Insektensterben wichtige Themen. Innerhalb der letzten 30 Jahre hat der Mensch die Insektenpopulation um bis zu 75 % dezimiert. Die intensive Landwirtschaft, die hohe Belastung durch Pflanzenschutzmittel und die Zerstörung der Lebensräume sind der Hauptgrund.
Im Vergleich zu vielen Ländern in Europa erkennt man auf Luftbildern, dass auf den Schweizer Landwirtschaftsflächen auffallend wenig Landschaftsstrukturen vorhanden sind und alles künstlich aussieht. In Frankreich und Deutschland, die vom Klima her vergleichbar sind, sind die Produktionsflächen durch Hecken, Baumreihen und natürliche Übergänge viel natürlicher angelegt als in der Schweiz. Es wäre nötig, die Ausgleichsflächen zu integrieren und nicht zu separieren. So würde die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren erhalten bleiben und der Boden naturnah genutzt.
Bemühungen um Lösungen zu Klimaschutzfragen
Zum Glück gibt es aber auch in der Schweiz viele Landwirte, die die Notwendigkeit, der Umwelt Sorge zu tragen, erkannt haben. So haben im Kanton Graubünden verschiedene Akteure mit dem Kanton zusammen ein breit angelegtes Projekt initiiert, welches praxistaugliche Lösungen auf die wichtigsten Fragen in Bezug auf den Klimaschutz erarbeiten werden. Sie arbeiten eng mit Klimagruppen, Agroscope, FiBL, dem Bündner Bauernverband und vielen mehr zusammen. Ihr Ziel ist es, den Konsumenten beim Kauf von Bündner Lebensmitteln die Gewissheit geben zu können, dass die Produkte klimaneutral produziert wurden.
Dank den Umweltingenieuren und den Umweltverbänden ist sehr viel passiert. Auf alle Fälle haben wir vor zehn Jahren noch keine Kohle verfüttert, welche die Gesundheit der Tiere fördert und gleichzeitig den Boden düngt.
Seit neun Jahren produzieren wir Solarstrom auf dem Stalldach, auch dies eine Errungenschaft, die man schon seit 1839 kennt. Ohne Druck der Umweltspezialisten hätte wohl die Entwicklung der Sonnenenergie nicht stattgefunden. So gibt es sehr viele Beispiele, welche aufzeigen, dass das Wissen und Umsetzen für die Natur ohne Umweltschützer wohl nie ins Rollen gekommen wäre. Anstatt die Opferrolle einzunehmen, sollten wir einen Teil der Lösung sein.
Dass der Schweizer Bauernverband Ja sagt zum Klimagesetz, mag nach den Medienmitteilungen über die Umweltabstimmungen und der Lancierung der Nationalratswahlen, bei denen man sich von den Grünen bedroht fühlt, verwirrend sein. Vielleicht ist es politisches Kalkül oder der richtige Schritt, mit Umweltingenieuren zusammen zu spannen für eine gesunde Landwirtschaft.
Zur Person
Anna Luchsinger ist Bäuerin und führt mit ihrem Mann in Schwanden einen Biobetrieb.

