Regula Caviezel fallen ihre Geschichten bei der Arbeit im Hühnerstall ein

Die Bündner Bergbäuerin Regula Caviezel hat ein Buch mit drei neuen Erzählungen veröffentlicht. Darin nimmt sie die Lesenden mit in die Welten dreier Frauen vom Land.

Hoch oben rumpelt es. «Wenn nun der Berg herunterkommt», fragt sich die Ich-Erzählerin in der Geschichte «Bleib doch» der Bündner Autorin und Bergbäuerin Regula Caviezel. Die Gedanken der Erzählerin rotieren: vom Berg zu ihrem Partner und hin zu den Dorfbewohnern und so weiter, als gäbe es in ihrem Kopf ein Karussell. Nicht immer ist beim Lesen sofort klar, was sich nur in Gedanken abspielt oder in der Realität.

Das letzte Jahr im geliebten Garten

Dennoch ist es leicht, den langen Sätzen der Autorin zu folgen, weil ihre Geschichten spannend sind: Vieles braut sich zusammen und man fragt sich, was wohl noch kommt. So auch in «Myrtas Garten», der ersten Geschichte des Erzählbandes: Eben noch hat sich die Lesende im Garten gewähnt, der bald einem Neubau weichen soll. Eine letzte Saison bleibt Myrta, um sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Da wird die Szene unterbrochen von einem fremden Passanten, der um einen gelben Stein bittet.

Mit der Schilfrohrflöte in die Welt der Musik

Während sich die alte Gärtnerin wieder ihrem Garten zuwendet, um ihn zu verabschieden, kommen alte Geschichten hoch, in denen auch der ältere Unbekannte eine Rolle spielt. Doch war ihr dieser nicht immer so unbekannt, wie sich im Weiteren herausstellt. In der Geschichte «Ungarische Tänze» geht es um die Bauerntochter Saida, die sich eine Schilfrohrflöte bastelt und sich von der Musik in die weite Welt hinaus tragen lässt.

Im Gespräch mit der BauernZeitung erzählt Regula Caviezel, welche Themen sie beim Schreiben beschäftigen.

Welche Rolle spielt das bäuerliche Leben im Bergdorf, das sie in ihren Büchern häufig beschreiben? 

Regula Caviezel: Ich habe während vieler Jahrzehnte ein Leben als Bergbäuerin geführt. Und auch heute noch ist mir die Landwirtschaft nahe. Sie ist das schönste Berufsfeld, das ich mir vorstellen kann. Die Bäuerinnen und Bauern haben das Wissen, wie man mit Tieren umgeht und das Land bearbeitet. Darauf dürfen sie stolz sein. Allerdings wird dieses Wissen in der Bevölkerung viel zu wenig geschätzt. Wenn es nach mir ginge, müsste jedes Kind einmal Kartoffeln pflanzen.

Ein Bergsturz war bereits in ihrem letzten Buch «Am Fels» ein Thema, nun auch in der neuen Geschichte «Bleib doch». Welche Rolle spielt für Sie diese Naturgefahr?

Der Piz Beverin liegt gegenüber von meinem Wohnort. Obwohl eine Schlucht dazwischenliegt, befindet er sich praktisch vor unserer Haustür. Vor rund einem Jahr gab es mehrere Felsabbrüche. Dabei spielt wohl auch der Klimawandel eine Rolle. Das hat mich in meinen Gedanken sehr beschäftigt, und so begann ich, die Geschichte «Bleib doch» zu schreiben. Darin äussert die Ich-Erzählerin, eine Auswärtige, die Befürchtung, dass der Berg jederzeit in Bewegung kommen könnte. Die Einheimischen dagegen sind bereits an die Steinschläge gewöhnt und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Ist die Idee für eine Geschichte plötzlich da oder entwickelt sie sich allmählich? 

Eine Geschichte entwickelt sich erst beim Schreiben. Ich setze mich hin, schreibe das erste Kapitel, und am nächsten Tag geht es weiter. Oft kommen mir neue Ideen, wenn ich Alltägliches verrichte, mich beispielsweise um die Hühner kümmere. Das ist das, was mir am Schreiben so gefällt. Ich bin manchmal selbst überrascht, was die Fantasie alles hervorbringt.

Was bedeutet das Schreiben für Sie?

Schreiben ist für mich eine gewaltige Bereicherung für mein Leben. Kreativität gibt es jedoch nicht auf Knopfdruck, sie will hervorgelockt werden. Zudem ist die Tätigkeit des Schreibens für mich ein grosses Altersgeschenk. Was würde ich ansonsten mit meiner freien Zeit beginnen, wenn ich meine Gedanken nicht aufs Schreiben richten könnte?

Interview Alexandra Stückelberger

Bergbäuerin und Autorin

Regula Caviezel ist auf einem Bauernhof im Kanton Thurgau aufgewachsen. Vor über 50 Jahren kam sie als Kindergärtnerin nach Graubünden. Sie zog nach Urmein am Heinzenberg, wo sie mit ihrem Mann drei Kinder grosszog und bis zur Pensionierung einen Landwirtschaftsbetrieb führte. Seit ihrer Kindheit befasst sie sich mit Literatur. Mit dem Schreiben hat die 75-Jährige jedoch erst spät begonnen. Ihre ersten beiden veröffentlichten Romane waren «Die Silberne» (2020) und «Blutweiderich» (2021). 2024 folgte der Erzählband «Am Fels» (2024). stü

Das neue Werk: «Bleib doch.» Drei Erzählungen. Regula Caviezel. Antium-Verlag, 2026. 224 Seiten. 24 Fr.

«Bleib doch» von Regula Caviezel, 2026, Antium-Verlag. (Bild: Antium-Verlag)

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