Die Fahrt mit dem ÖV vom Bahnhof Basel SBB bis Bettingen Dorf dauert nicht einmal eine Dreiviertelstunde. Aber sie ist an Vielfalt kaum zu übertreffen und durchquert die drei Orte, die den Kanton Basel-Stadt ausmachen. Man tritt aus dem Bahnhof, es ist laut. Um das Tram zu erreichen, gilt es, oberirdisch den geschäftigen Centralbahnplatz zu überqueren. Von überall her fahren sie auf einen zu: Trams, Busse, Velofahrer, Trottinette, Taxis. Das Tram fährt durch Einkaufsstrassen, über betriebsame Plätze, über den Rhein, mitten durchs dröhnende Stadtleben, wo überall gebaut wird.
Eine gute Verpächterin
Allmählich wird es ruhiger, die Fahrt führt durch Wohnzonen, zeitweise vorbei an Feldern. Mitten im Dorf Riehen steigt man in den Bus nach Bettingen. Der Lärmpegel sinkt, die Strasse führt aufwärts, es gibt kaum noch Gebäude.
Jetzt fährt der Bus sogar durch einen kleinen Wald. Das hörbare Leben scheint weit weg zu liegen. Die gepflegten, beschaulichen Quartiere mit Einfamilienhäusern nehmen zu. Und schon steht man mitten im Dorf, wo rund 1200 Menschen leben, vor dem Bauernhof der Familie Gerber-Kyburz, seit 1982 gepachtet von der Stadt Basel. «Eine gute Verpächterin!», merken Gerbers an.
Reiches Angebot
Das «Bauernhaus» liegt direkt an der Strasse, es gleicht einem ehrwürdigen Gebäude, das an eine Schule erinnert. Auf den drei Stockwerken leben drei Miet-Familien, die Bauernfamilie und zwei nichtbäuerliche. Hinter dem Haus beginnt die Landwirtschaft. Riesige Kastanienbäume umsäumen den Hofplatz, Hühner gackern nebenan auf der Wiese und es herrscht ein Kommen und Gehen zum Hofladen. Die Leute grüssen sich, schwatzen, lachen. Der Laden ist täglich geöffnet von 7 bis 19 Uhr – der Stolz der jungen Bäuerin Heidi Gerber. «Es fing einmal an unter dem grossen Dach mit ein paar Harassen Äpfeln, Birnen, Zwetschgen und Freilandeiern», erzählt sie. «Weil der Verkauf erfolgreich war, wurde die Auslage ins Innere verlegt und vergrössert.»
Heute verfügen Gerbers über einen schicken Verkaufsraum mit eigener Backstube. Heidi Gerber lächelt: «Das brauchen wir, schliesslich verkaufe ich jeden Samstag 250 Brote und einmal pro Monat rund 80 Zöpfe.»
Im Hofladen «Frisch vom Hof» gibt es Mehl, Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Aprikosen, Süssmost, Freilandeier, Kartoffeln, Zwiebeln, Konfitüren, Honig, Rohmilch vom Hof Maienbühl in Riehen, samstags Bauernbrot aus dem eigenen Weizen, Zöpfe, an gewissen Tagen Natura-Beef von zehnmonatigen Kälbern aus der eigenen Mutterkuhhaltung, Rauchwürste, Mostbröckli und Hamburger zu kaufen. Bezahlt wird am Automaten, die Kundschaft sei meistens sehr ehrlich. Samstags ist der Laden bedient; Fleisch wird auf Voranzeige nur an diesem Tag verkauft.
Grosseltern unterstützen
Direkt auf dem Hof Leben Patrick und Heidi Gerber mit den Kindern Joel (10), Sina (9) und Elias (6). Rund 300 Meter entfernt leben Patricks Eltern Hanna und Werner Gerber in ihrem eigenen vor 20 Jahren erbauten Heim. Auf ihrem Grundstück steht auch der Stall für die Mutterkühe. Sie überliessen nach der Heirat dem jungen Paar ihre Mietwohnung. Beide sind pensioniert und unterstützen die Nachkommen weiterhin. Der Grossvater hilft seinem Sohn auf den Äckern und beim Obstbau, die Grossmutter ist engagiert beim Hütedienst der Grosskinder. «Und am Samstag kocht sie für uns alle», freut sich die Schwiegertochter, «ich selbst käme gar nicht dazu.»
Heidi Gerber wuchs auf dem Bäumlihof in Riehen auf. Aber einen Bauern heiraten, nein, das wollte sie nicht. Sie liess sich ausbilden als Pflegefachfrau und arbeitete mehrere Jahre im Claraspital Basel. Sie engagierte sich in der Jugendarbeit als Jungscharleiterin, wo auch Patrick aktiv war. Er habe ihr frühzeitig gesagt: «Mich gibts nur mit Bauernhof.» Nachdem sie nach der Hochzeit – sie betont schmunzelnd «und nicht vorher» –, auf dem Hof eingezogen war, habe sie schnell gewusst: «Hier habe ich meine Erfüllung gefunden.»
Die drei Kinder hätten ihr Glück vervollständigt. Und wieder kommt der Hofladen zur Sprache, dieser wichtige Betriebszweig. Die Kundschaft sei vom Dorf, man kenne sich und trotz der Nähe zur Grenze würden die Bettinger bei ihnen einkaufen. «Wir sind gespannt, wie es weitergeht, wenn die Grenzen wieder aufgehen. Ob die Kunden uns treu bleiben?», sagt Heidi Gerber. «Wir wünschen es uns natürlich sehr.»
Wichtiges Familienleben
Vor einiger Zeit hätten Patrick und sie bemerkt, dass sie in ihrem Berufsleben etwas ändern müssten. Weil ihnen die Arbeit über den Kopf wuchs. Kaum ein Wochenende war frei, die Lebensqualität hatte sich reduziert. Zudem waren sie als Familie nie allein, weil sie von den Eltern die treue Mitarbeiterin Barbara übernommen hatten, die bei ihnen lebt.
Sie suchten für Barbara eine Familie im Berner Oberland, wo sie monatlich ein Wochenende verbringen kann. Sie stellten zwei Teilzeitangestellte ein, einerseits als Hilfe in der Backstube und im Hofladen. Andererseits den Iren Bob, der bei einem Pharmaunternehmen in der Tiermedizin arbeitete und dessen Leidenschaft Kühe sind. «Nun können wir wieder atmen und uns am Familienleben freuen», hält das Paar glücklich fest. «Wovon auch unser Berufsleben profitiert.»

