Der Wagerenhof im zürcherischen Uster ist eine seit über 100 Jahren bestehende Institution, die Menschen mit Behinderung Arbeit und Lebensräume bietet. Im Zentrum steht der Bauernhof Bärloch sowie ein Wohnhaus mit zwei Gruppen mit zwölf Wohnplätzen für Menschen mit erhöhtem Strukturbedarf. «Ich mag Menschen, arbeite gerne in einem Team. Auf der Strahlegg kann ich meine Kenntnisse der landwirtschaftlichen Produktion besonders nachhaltig und sinnstiftend einsetzen», sagt Biolandwirt und Sozialpädagoge Hansjürg Suter über seine Arbeit. Auf dem Hof Bärloch auf der Strahlegg im Tösstal betreut er Frauen und Männer, die aufgrund einer kognitiven Beeinträchtigung besondere Bedürfnisse haben.
Positiver Einfluss der ländlichen Umgebung
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs Ende August präsentiert sich die Aussicht von der Strahlegg ins zürcherische Tösstal malerisch und in üppiger Pracht. Kaum hat sich Hansjürg Suter vor dem Haus für das Gespräch auf die Terrasse gesetzt, kommt einer der Bewohner der Strahlegg auf ihn zu, umarmt ihn unvermittelt und möchte, dass er ihn begleitet. Seine heutige Aufgabe besteht aus dem Einhagen der Weide für die Herde mit den Pfauengeissen, begleitet von seiner Betreuerin.
Suter erklärt ihm auf freundliche, aber bestimmte Art, dass er gerade beschäftigt ist. «Dieser junge Mann hat auf der Strahlegg innert kurzer Zeit schöne Fortschritte gemacht. Er galt in einer anderen Institution als nicht mehr tragbar, war aggressiv, schlug, wenn er aufgebracht war, um sich. Aber in der Atmosphäre hier oben hat er sich für seine Umgebung geöffnet und einen regelrechten Ehrgeiz für seine Aufgaben entwickelt», schildert Suter den positiven Einfluss der ländlichen Umgebung.

Neues Leben ist eingekehrt
Beim Wagerenhof in Uster habe man gemerkt, dass für eine Aussenstation in ländlicher Abgeschiedenheit und reizarmem Umfeld Bedarf besteht. Der Weiler Strahlegg, entlang der Route von «Wanderland Schweiz», befindet sich 1000 m ü. M. und liegt in der Bergzone 3. «Mit dem Wohnhaus, dem restaurierten Bauernhof Bärloch und Aktivitäten im ehemaligen Schulhaus leisten wir einen Beitrag zum Gemeinwesen und fördern die Biodiversität mit unseren Spezialkulturen und Tierrassen von Pro Specie Rara», ist Hansjürg Suter überzeugt.
Alle drei Gebäude liegen auf gleicher Höhe und in einem Umkreis von drei Kilometern. «Ich begegne gelegentlich dem Vorurteil, wonach es einfach sei, als ‹reiche› Institution wie der Wagerenhof hier oben einen alten Bauernhof zu restaurieren und zu bewirtschaften. Dieses trifft aber nicht zu, wir erbringen Leistungen und die Einnahmen aus der Betreuung müssen wir gezielt für die Begleitung und Förderung der uns anvertrauten Menschen einsetzen.» Das Aufnahmekriterium für die geschützten Arbeitsplätze ist eine IV-Verfügung.

Es braucht noch Erfahrungen mit Kräutern
Im Bärloch sind nebst Suter zwei Mitarbeitende mit einer agogischen Ausbildung tätig. Im Arbeitsalltag auf dem Hof Bärloch dreht sich ein Grossteil der Aufgaben um die Betreuung der Hoftiere. Es sind dies vier Hühner, zwei Esel und eine Herde mit Pfauengeissen, einem Bock und Gitzi. «Die Tiere haben einen hohen Wirkungsgrad auf die Stimmung und Befindlichkeit der Bewohner», stellt Suter fest.
«Wir sind froh um die gute Zusammenarbeit mit einem Landwirt aus der Nachbarschaft, der uns beim Heuen in anspruchsvollen Hanglagen hilft», so Hansjürg Suter. Nebst Tieren hat auch ein Garten mit 6000 m2 für Spezialkulturen grosse Bedeutung auf der Strahlegg. Ende Sommer ist der Garten erfüllt von Düften. Von Weitem lockt der ätherische Geruch der Pfefferminze. Es sind Düfte und eine Pflanzenvielfalt, die sowohl bei den Bewohner(innen) wie auch Besucher(innen) Wohlbehagen auslösen. «Wir pflanzen diverse Gemüse an für die Eigenversorgung sowie Kräuter, die wir zur Gewinnung von Duftessenzen für Farfalla (Hersteller von naturreinen ätherischen Ölen) produzieren.» Von der Herde der Ziegen werden sporadisch Tiere in einer regionalen Metzgerei geschlachtet, das Fleisch ist für die Selbstversorgung. «Bei den Kräutern müssen wir erst noch Erfahrungen sammeln, was hier oben gut gedeiht.» Beeren, Gemüse, Kürbisse, Blumen, so weit das Auge reicht.
Geheizt wird mit Holz
Insgeheim stellt man sich als Besucherin die Frage, wie hier oben wohl die Winterzeit sein wird? «Man muss es aushalten können, wenn alles noch ruhiger wird. Aber auch im Winter sind unsere Bewohner auf eine Tagesstruktur angewiesen», sagt der Bauer. Bereits viel Zeit erfordert das Heizen der Räume sowie das Schneeräumen. Sämtliche Gebäude auf der Strahlegg werden mit Holz beheizt. Die Holzerarbeiten im Wald werden nur von ausgebildeten Forstwarten übernommen.
Suter ist überzeugt, wenn er den Weg als selbstständiger Landwirt gegangen wäre, hätte er nicht die gleiche Erfüllung und Sinnhaftigkeit gefunden wie hier, sondern wäre vermutlich eher «Einzelkämpfer».
Weitere Informationen: www.wagerenhof.ch

