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Der Alp Wernisegg bleibt man treu

Seit 150 Jahren führen Aargauer im Luzernbiet die Rinderalp Wernisegg. Ziel war einst die Förderung des Simmentaler Fleckviehs.

Die Vorstandsmänner und ihre Frauen haben Festbänke aufgestellt, Blumenschmuck platziert, Getränke geschleppt, das Salat- und Dessertbuffet gerüstet. Der Präsident feilte bis spät in die Nacht hinein an einer Festschrift zum 150-Jahr-Jubiläum, dann begrüsste er nach kurzem Schlaf zur Generalversammlung am 24. Juli 2022 auf der Oberwernisegg.

Das Werkzeug immer dabei

Vorstandsarbeit in der Aargauischen Alpgenossenschaft Wernisegg ist eben kein Bürojob. Regelmässig fahren der Präsident Erwin Frauchiger und seine Kollegen auf die Alp im Kanton Luzern oberhalb von Luthern, 1001 Meter über Meer. Mit Werkzeug im Kofferraum, denn es gibt immer etwas zu tun.

Der Vorstand: Adi Götschmann, Willi Luder, Stefan Scheuber, Alfred Frey und Präsident Erwin Frauchiger (v. l.).
Der Vorstand: Adi Götschmann, Willi Luder, Stefan Scheuber, Alfred Frey und Präsident Erwin Frauchiger (v. l.).

Neben Arbeit ist mit diesem Posten offenbar auch Freude verbunden; die Amtsinhaber springen jedenfalls nicht so schnell ab. Erwin Frauchiger ist erst der sechste Präsident in der 150-jährigen Geschichte. Einer seiner Vorgänger, der Suhrer Tierarzt Bertschi, war 60 Jahre lang im Vorstand, davon ganze 44 Jahre als Präsident.

Kanton beteiligte sich am Kauf

Die Aargauer hatten die Alp im Luzernbiet im Jahr 1872 gekauft, um die Simmentaler-Fleckviehrasse zu fördern, mit massgeblicher Beteiligung des Kantons. Das erzählte Erwin Frauchiger nach der Generalversammlung, an der alle Traktanden von den Genossenschaftern durchgewunken wurden. 21 von ihnen waren anwesend, an den Tischen sassen mehr als doppelt so viele Familienangehörige. Die Bauernfamilien liefern auf der Wernisegg nicht einfach ihre Tiere ab, sondern sind mit der Alp verbunden.

Nach dem geschäftlichen Teil drehten die Frauen und Männer ihre Grillspiesse – mit prächtiger Aussicht über die Luzerner Alpweiden in den Aargau hinein. Die Alpgenossenschaft hat insgesamt 60,3 Stösse. In diesem Jahr beweiden 90 Rinder, 25 Kühe und sechs Kälber die Wernisegg. Lange Zeit war nur die Simmentaler-Rasse erlaubt. Erst als es vor rund 20 Jahren schwierig wurde, genügend Tiere zusammenzubringen, fiel diese Einschränkung weg.

Heute gibts sogar Schotten

Heute tummeln sich verschiedene Rassen auf den Alpweiden, sogar Schottische Hochlandrinder. Die beiden Mutterkühe mit ihren Kälbern gehören Erwin Küchler, dem Pächter der Alp. Der Innerschweizer hirtet mit seiner Frau und den drei Kindern seit acht Jahren auf der Wernisegg. Die Mehrheit seiner Herde machen dann aber doch die 18 Simmentaler aus, mit ihrer Milch mästet er Kälber.

Der Alp Wernisegg bleibt man treu
Pächter Erwin Küchler hirtet mit seiner Frau und den drei Kindern seit acht Jahren auf der Wernisegg.

«Nasse Jahre sind hier die besseren», erzählt Erwin Küchler. Die Weiden müssen die ganze Saison ausreichen, einen Oberstoss gibt es nicht. Damit genügend Gras aufwächst, erfolgt die Auffahrt rund drei Wochen später als auf anderen Innerschweizer Alpen. Familie Küchler nutzt Wohnhaus und Stallgebäude auf der unteren Wernisegg. Auf der Oberwernisegg gehen die Rinder in einem Laufstall ein und aus, der vor ein paar Jahren aus dem alten Anbindestall umgebaut wurde. Ein paar hundert Meter entfernt stehen Wohnhaus und Schopf der dritten Liegenschaft Rossweid; sie ist an Wochenendaufenthalter vermietet. Im Wohnhaus auf der Oberwernisegg leben ein pensionierter Älpler und seine Tochter, die ein Auge auf die Tiere haben. Hans Röthlisberger ist zudem ein ausdauernder Bürdelimacher, was hervorragend passt, denn die Alpgenossenschaft bewirtschaftet auch Wald.

Zur Wernisegg gehören auch mehrere Liegenschaften, hier das Wohnhaus auf der Oberwernisegg, das verpachtet ist.
Zur Wernisegg gehören auch mehrere Liegenschaften, hier das Wohnhaus auf der Oberwernisegg, das verpachtet ist.

Totalschaden nach Sturm

Es gab Jahre, da schenkte der Ertrag aus dem Wald mit über 100 000 Franken ein. Der Sturm Lothar verursachte einen Totalschaden auf 13 Hektaren. Der Vorstand forstete im steilen Gelände eigenhändig wieder auf, erholt hat sich das Geschäft noch nicht. Im vergangenen Jahr brachte der Holzverkauf gerade noch 7500 Franken.

Nächstes Jahr rechnet Kassier Adi Götschmann wieder mit einem Erlös im tiefen fünfstelligen Bereich: Ein grösserer Schlag ist angesagt, zudem stehen bessere Holzpreise in Aussicht.

Erwin Frauchiger gab zwischen Mittagessen und Dessertbuffet Anekdoten aus der Genossenschaftsgeschichte zum Besten. Ein Anteilschein kostete 200 Franken, etwa der Wert einer Kuh. Im Vorstand waren anfangs Notare, Fabrikanten, Beamte. Die hätten dem Vernehmen nach ihre mehrtägigen Sitzungen auf der Alp, mit Abstechern in die Dorfbeiz, immer sehr genossen. Erst nach rund 60 Jahren nahm der erste Bauer Einsitz.

Heute bilden ausschliesslich Landwirte den Vorstand. Selbst Alfred Frey, der als Kantonsvertreter den Posten des Sekretärs übernahm, führt einen Rebbaubetrieb. Als sich der Kanton 2005 zurückzog, blieb er und führt das Aktuariat seither als Privatperson, insgesamt seit 30 Jahren.

Die Wernisegg lässt einen nicht so leicht los. Trotzdem will Präsident Erwin Frauchiger keine Rekorde brechen: Es werde langsam Zeit für einen Nachfolger, erklärte der 74-Jährige. Das Amt sei mit Arbeit verbunden und wegen des Geldes müsse man es nicht machen – «aber es ist immer schön, auf die Wernisegg zu fahren.» Dann setzte er sich zu der fröhlichen Runde, die bei lüpfiger Musik und frischer Alpluft noch eine Weile den Sonntagnachmittag genoss.

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