Am 6. Juli feierte der Tat (rätoromanisch für Grossvater) der Autorin Geburtstag. 92 Jahre verbrachte er bislang schon auf der Erde. 92 Jahre, die sich auf seiner ledrigen Haut, in den unzähligen Falten und den kugelrunden Jungenaugen widerspiegeln. Er hat viel gesehen.
Keine Daten vom Tat
Für sein Leben gern geht der Tat nach draussen an die frische Luft, bewegte sich in seiner Jugend in den Bergen und auf deren Gipfeln umher wie eine Gämse. Und rund 33 580-mal hat er miterlebt, wie die Sonne über den morgendlichen Horizont klettert. So viele Tage unterschiedlichen Wetters haben sich ihm gezeigt, eine immense Zahl an Wolken, die über seinen Kopf hinweg nach Nordosten oder Südwesten gezogen ist, schnell oder ganz langsam. Bestimmt war er auch ab und an mitten im feuchten Nebel. Oder er hat die Kraft des Sommers gespürt, das turbulente Getöse eines Gewitterregens. Auf jeden Fall hätte er viele unterschiedliche Messdaten sammeln können: Gut, haben das andere für ihn übernommen. Sonst könnte seine Enkelin heute nicht heraustüfteln, was denn am Tag seiner Geburt am Himmel geschah.
Daten aus dem Bergdorf Bever
Wir schreiben das besagte Jahr 1931, genauer Mitternacht des 5. Juli, einen Tag vor dem Geburtstag des Grossvaters. Über Island dreht sich gerade ein Tiefdruckgebiet und schiebt in der Dunkelheit nach und nach kühlere Luft in Richtung östliches Festland. Nach Sonnenaufgang akzentuiert sich entlang einer Zone von den Britischen Inseln hinab zur Biskaya der sogenannte Temperaturgradient: Eine Gewitterfront entsteht.
Währenddessen wiegt sich die Schweiz in sommerlich warmem Hochdruckwetter. Im Engadiner Bergdorf Bever, das im Folgenden stellvertretend für die Witterung im Südosten des Landes dienen soll, werden zur Mittagszeit 18 Grad gemessen. Bis zum Abend verschwinden die Wolken, der Tag bleibt trocken.

Dann schlägt es endlich null Uhr, auch in Bonaduz, dem Dorf, in dem irgendwann in den folgenden Stunden ein schreiendes Kind zur Welt kommt: der Grossvater. Gegen 10 Uhr morgens beginnt sich über dem Genfersee eine Gewitterlinie zu formieren, Zugrichtung Nordost. Zwischen 11 Uhr und 13 Uhr rauscht die Linie über das westliche und zentrale Mittelland in Richtung Bodensee und erreicht gegen 14 Uhr dessen linken Zipfel.
In den Annalen heisst es dazu auf Seite 237: «Uster meldet: Der Blitz schlug zwischen Gusch und Zelgli-Oetwil in den um 1.05 h in Uster wegfahrenden Zug der elektrischen Straßenbahn Uster–Oetwil und demolierte gleichzeitig die Lichtleitung im Depot Langholz. Nach einer Viertelstunde konnte die Stromzufuhr wiederhergestellt werden. In St. Gallen 14.25 h Blitzschlag.» Bilanz bis zum jetzigen Zeitpunkt: Lokal 40 bis knapp 60 mm Niederschlag, «von strichweise sehr heftigem Hagelschlag begleitet».
Viel Regen und Blitze
Zurück in der Bündner Bergwelt, wo sich gerade der Himmel über Bever verdichtet: Noch ist es heiss und trocken, das Barometer zeigt aber sinkenden Luftdruck an. Zwei Stunden später, um vier Uhr nachmittags, braut sich im Tessin eine zweite Gewitterlinie zusammen. In zügigem Tempo rauscht auch diese über Berg und Tal in Richtung Nordosten und erreicht drei Stunden später Graubünden.

In der Nacht zum 7. Juli und tagsüber folgen ein Kälteeinbruch und sintflutartige Regenfälle, die auf unsere Zyklone – mittlerweile mit Kern über Mitteldeutschland – zurückzuführen sind. Bilanz bis zum Ende: «St. Gotthard 100 mm, Platta 107. Es seien außerdem erwähnt: Arosa 72 mm, Sargans 74, Zürich 35, Luzern 46.» In Bever vergeht ein trüber, mit mittags rund 11 Grad kühler Tag, 36 mm Regen fallen.
92 Jahre später ganz ähnliches Wetter
Wann genau Tat erstmals schreiend in den Armen der Urgrossmutter gelegen hat, ist der Enkelin unbekannt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit aber hatte das Wetter für ihn (oder mit ihm) Radau gemacht – schweizweit. Passend dazu: Auch im aktuellen Jahr 2023 haben sich die Tage um den 6. Juli in der Schweiz gewittrig gezeigt. Mit einer ähnlichen Grosswetterlage als Ursache und einem Niederschlagsschwerpunkt über der südöstlichen Schweiz. Da das Tief aber diesmal weiter im Westen lag, blieben im Alpenraum die Niederschläge und Gewitter deutlich weniger intensiv als vor 92 Jahren.

