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Der Landwirt, der nach den Sternen greift: Christian Stöckli ist Bauer und Hobby-Astronom

Der IP-Suisse-Landwirt Christian Stöckli treibt seinen Betrieb auf dem Bernischen Längenberg Schritt für Schritt voran, aufglühen tut er aber für die Himmelsmechanik und Astrophysik.

Im September 2023 öffnete sich im Observatorium für Weltraum und Umwelt, kurz Space Eye, in Niedermuhlern BE die Luke des grössten Teleskops der Schweiz. Mittendrin: IP-Suisse-Landwirt Christian Stöckli, der in der Region einen Betrieb führt.

Die Stiftung Sternwarte Uecht erbaut als Eigentümerin nach den Plänen des renommierten Architekten Mario Botta die neue Sternwarte auf der Uecht. Sie soll sowohl für professionelle Astronom(innen) als auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein.

Standort kam Christian Stöckli gelegen

Der Standort wurde deswegen dort ausgewählt, weil die Lichtverschmutzung minimal ist und das Nebelrisiko im Winter gering. Das kam der Familie Stöckli gerade gelegen, und vor allem Christian Stöckli, der zusammen mit seinem Onkel Stunden in der alten Sternwarte verbrachte. Der Berner Knopf-Fabrikant und Ingenieur Willy Schaerer errichtete diese 1951 privat.

Er gilt als Pionier der Teleskopietechnik. Das neue Observatorium vermittelt den Besuchenden hochaktuelle Wissenschaft im Bereich der Himmelsbeobachtung und Weltraumforschung.

Der Onkel von Christian Stöckli war es denn auch, der von der Neueröffnung der Sternwarte Wind bekommen hat und dem begeisterten Neffen sagte: «Da musst du dich bewerben!»

Der bescheidene Landwirt, Zimmermann, Bodenleger und Strassenbauer wusste zwar nicht, warum ihn die Sternwarte anstellen wollen würde. Dennoch versuchte der Hobby-Astronom, wie er sich selbst bezeichnet, sein Glück und bewarb sich.

Der Selbstzweifel nagte am handwerklichen Allrounder aus Niedermuhlern: «Was habe ich vorzuweisen? Nichts!» oder «es gibt keinen Grund, mich auszuwählen», sagte er sich und wartete auf den Bescheid der neuen Sternwarte.

Kaisern Hof

Betriebsleiter und Familie: Christian Stöckli mit Eltern Urs und Annemarie Stöckli Ort: Niedermuhlern BE Zone: Hügelzone Fläche: 12.5 ha LN Tiere: Pferde, 340 Legehennen Betriebszweige: Ackerbau (Getreide, Mais), Strohhandel, Heuhandel, Mähservice, Pensionspferde, Bed and Breakfast, Projekt Alp, Eier-Direktverkauf, Eier-Abonnements, Verkauf Suppenhühner, Verkauf Chinaschilf an Landschaftsgärtnereien Webseite: https://www.kaisern-hof.ch/home.htmlMehr Infos zu Space Eye: https://www.space-eye.ch/

Kletterte schon als Kind durch die Sternwarte

Tatsächlich kam nach einigen Tagen ein Telefon, gefolgt von einer Einladung zum Vorstellungsgespräch in Bern. Zur Vorbereitung legte ihm das HR ein Buch über die Himmelsmechanik zur Lektüre nahe.

Neben dem Gespräch kamen eine Handvoll psychologischer Fragen und ein schriftlicher Text auf ihn zu. Dabei waren Fragen, wie: Was ist ein Doppelstern? Wie beeinflusst die Himmelsmechanik das Klima? Was ist der Andromeda-Nebel?

Kein Problem für den interessierten Landwirt, der in seiner limitierten Freizeit als Betriebsleiter Astronomie-Podcasts hört und schon als Kind jede freie Stunde in der Sternwarte herumkletterte.

Die Sterne zum Greifen nah

Christian Stöckli hörte eine Weile lang nichts. Dann auf einmal die erlösende Nachricht: Die Sternwarte will ihn für die Ausstellung, für Planetariumsshows und für die Bedienung des schweizweit grössten öffentlichen Teleskops anstellen.

Der Landwirt, der nach den Sternen greift: Christian Stöckli ist Bauer und Hobby-Astronom
Von der Sternwarte auf der Uecht sieht man direkt auf den Nebenerwerbsbetrieb der Familie Stöckli.

Damals war die neue Sternwarte noch im Aufbau. Ein Experte aus Luzern reiste in der Zeit vor der offiziellen Anstellung an und führte den Landwirt in das Programmieren des Planetariums ein.

Am Eröffnungstag war Vollbetrieb auf der abgelegenen Uecht auf dem Bernischen Längenberg. «Nach dem Crashkurs habe ich mich vom ersten Tag an Vollgas einspannen lassen und bin heute noch sehr begeistert von der Sache», sagt Stöckli.

Der Landwirt, der nach den Sternen greift: Christian Stöckli ist Bauer und Hobby-Astronom
Das grösste Teleskop der Schweiz steht auf dem neuen Observatorium für Weltraum und Umwelt.

Seither betreut der Hobby-Astronom zwei bis fünf wöchentliche Führungen in der Sternwarte. Manchmal begleitet er eine Schulklasse am Morgen, einen Pensionärs-Klub am Nachmittag und einen öffentlichen Anlass am Abend. «Das sind schon lange Tage, vor allem im Sommer, wenn die Sterne halt erst spät sichtbar sind», so Christian Stöckli, der nebenbei einen 12,5 Hektar grossen IP-Suisse-Betrieb führt. «Im Winter, wenn es früh dunkel ist, gibt es dann schon früher Feierabend», sagt Stöckli mit einem Zwinkern.

Für Christian Stöckli passt dieser Nebenerwerb gut zum Betrieb. Seine Eltern unterstützen ihn bei der Bewältigung und bei Arbeitsspitzen wie jetzt, im Sommer, wenn der gelernte Landwirt einen Mähservice anbietet.

Zum Lieblingsplaneten fliegen

Christian Stöckli harkt am Morgen seine steilen Hänge runter und abends fliegt er im Planetarium durchs Weltall. Für das Programmieren des Planetariums muss er regelmässig üben, damit er «fit» bleibt, wie er sagt. Denn die individuellen Reisen durchs All sind alle manuell programmiert, vor Ort kuratiert und nicht gescriptet. Er will seinem Publikum jeweils Aktualitäten am Nachthimmel aufzeigen. Deswegen ändert sein Programm ständig.

So kann er die Besuchenden nach ihrem Lieblingsplaneten fragen, «und dann fliegen wir unter der Kuppel des Planetariums dort hin», schwärmt Stöckli.

Der Landwirt, der nach den Sternen greift: Christian Stöckli ist Bauer und Hobby-Astronom
Vorne Eier-Lieferwagen, hinten die neue Sternwarte im Design von Mario Botta.

Der Landwirt ist wohl in der Sternwarte. Bewusst hätte die Warte Menschen aus der Region in das Projekt integrieren wollen. «Und sie wollten offensichtlich keinen studierten Astrophysiker vor die Leute stellen. Denn man muss ein sehr komplexes Thema auf einfache Art erklären können», weiss Christian Stöckli.

Die Kombination aus seinem grossen Wissen und Interesse an der Raumfahrtechnik, Quanten-, Astrophysik und Satelliten zusammen mit seiner Fähigkeit, Dinge schnell zu lernen, hätten ihm geholfen, ins Team aufgenommen zu werden. Zudem hätte er «keine schlechte Stimme», wie ihm gesagt wird. «Das kann ich aber nicht beurteilen», so der Landwirt.