«Authentizität ist mir wichtig»

Wenn Iris Riatsch - die diesjährige Gewinnerin der Landfrauenküche - etwas anpackt, möchte sie es so gut machen, dass sie mit dem Resultat zufrieden sein kann.

BauernZeitung: Wie geht es Ihnen, knapp eine Woche nachdem Sie die neunte Staffel von «SRF bi de Lüt– Landfrauenküche» für sich entschieden haben?


IRIS RIATSCH: Einerseits ist es eine Genugtuung, als älteste der Teilnehmerinnen den Anforderungen der Sendungen gewachsen gewesen zu sein. Anderseits freuen mich die vielen positiven Reaktionen. Und zwischendurch verspüre ich auch diffuse Gefühle ob all der Anfragen von der Presse und des Umstands, dass ich jetzt auf dem Podest stehe. Ich sehe mich als eine der sieben Frauen, von welchen jede das Beste gegeben hat.


Als älteste Teilnehmerin verfügten Sie vielleicht über weniger Ressourcen als die anderen Frauen, haben dafür aber mehr Erfahrung.


RIATSCH: Ein kleiner Vorteil war vielleicht, dass ich im Vergleich zu den Bäuerinnen mit Kindern oder einem Nebenerwerb viel mehr Zeit hatte zum Tüfteln und mich vorzubereiten. Für mich war klar, wenn ich mitmache, möchte ich etwas Besonderes machen und möglichst viele Zutaten aus Eigenproduktion verwenden können. Der hellgrüne Salat mit den roten Tüpfli zur Vorspeise war beispielsweise ein Forellensalat, den ich selber gezogen habe. Auch die Löwenzahnkapern wollte ich schon lange einmal machen. Ich habe es sehr genossen, dass ich mir dafür die Zeit nehmen konnte.


Was denken Sie, weshalb hat Ihr Menu am meisten begeistert?


RIATSCH: Gut angekommen sind sicher die Vielfalt innerhalb eines Ganges, die regionalen Spezialitäten, die Produkte aus meinem Garten und der besondere Geschmack. Was mir darüber hinaus gefallen hat: die Farben. Ich wollte unbedingt einen farbigen Teller – was dann leider etwas auf Kosten der Wärme des Menus ging.


Sie haben so lange Rezepte ausprobiert, bis das Resultat komplett überzeugte. Sind Sie eine Perfektionistin?


RIATSCH: Wenn ich etwas in die Hände nehme, möchte ich es gut machen, sei das beim Putzen, Malen, Kochen oder Gärtnern. Mit gut meine ich ein Resultat, das mich befriedigt, das muss nicht in dem Sinne perfekt sein, sondern meinen eigenen Kriterien genügen.


Interessieren Sie sich für Kochsendungen?


RIATSCH: Ja, ich schaue sie noch gern. Dabei achte ich auf die Kreativität, ob jemand ein bisschen speziell würzt beispielsweise. Mein Mann war am Final­abend Teil der Jury, er fand dann dieses und jenes sei ein bisschen fad gewesen. Ich habe ihm dann gesagt, jetzt sieht man, du bist ein bisschen verwöhnt von meiner Küche. Ich verfeinere die Speisen sehr individuell, würze viel mit Kräutern.


Aromat gibt es also nicht in Ihrer Küche?


RIATSCH: Nein. Ich habe mein Herbamare, das biologische. Bio liegt mir sehr am Herzen, wir haben auch den Betrieb biologisch bewirtschaftet. Ich bin keine Fundamentalistin, überhaupt nicht. Hefe zum Beispiel verwende ich nicht in Bioqualität, weil Gebäck damit nicht so gut gelingt wie mit der konventionellen.


Sie pflegen das kulinarische Erbe des Bündnerlandes und möchten dies auch weitertragen. Erscheint schon bald ein Kochbuch von der Familie Riatsch?


RIATSCH: Es gibt Ideen diesbezüglich, ich möchte aber nichts vorwegnehmen.


Was sind andere Werte, die Sie weitergeben möchten?


RIATSCH: Allgemein, dass man aufrichtig und ehrlich durch das Leben geht. Es gibt hierzu eine Lebensweisheit von Mahatma Ghandi, die mir in schwierigen Zeiten wertvoll geworden ist und es geblieben ist: «In allem Unrecht dauert das Recht fort. In aller Unwahrheit die Wahrheit, in allem Dunkel das Licht.» Wahrheit ist mir sehr wichtig, auch wenn ich mit meiner Ehrlichkeit manchmal anecke in einer Gesellschaft, in der viele nicht das sagen, was sie eigentlich sagen möchten, weil es sich negativ auswirken könnte. Sich selber treu zu bleiben, selbst wenn es negative Auswirkungen haben kann, und das den eigenen Kindern vorzuleben, finde ich etwas ganz Wichtiges.

Sie und Ihr Mann haben den Betrieb, den Sie gemeinsam aufgebaut haben, schon sehr früh übergeben. War es schwierig, loszulassen?

RIATSCH: Es war auch eine Erleichterung, so wie man einen Rücksack ablegen kann. Unser Sohn und seine Familie führen den Betrieb auf ihre Art und Weise – anders als wir. Wir haben immer darauf vertraut, dass sie es gut machen. Das hat beim Loslassen geholfen. Mit 48 bin ich als arbeitslose Bäuerin dagestanden. Mein Mann war 51, er arbeitete weiter auf dem Betrieb mit und als Besamungstechniker. Ich habe dann den Sprung ins kalte Wasser gewagt, mich zur Biokontrolleurin ausbilden lassen und diese Tätigkeit bis Ende 2014 ausgeübt. Dabei habe ich viel Wertvolles erlebt und viele Schicksale gesehen in einsamen Tälern. Ich meinte immer, ich hätte es nicht einfach, andere müssen jedoch noch viel Schwierigeres durchmachen. Das macht mich manchmal still. 
Ende letzten Jahres habe ich die Stelle gekündigt, den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Ich wollte wieder mehr Zeit 
haben für meine Kunst, meine Kreativität.


Das künstlerische Schaffen begleitet Sie seit jeher. Wovon lassen Sie sich inspirieren?


RIATSCH: Ich bin sehr verbunden mit der Natur und täglich mit unserem Hund draussen unterwegs. Was mir dabei besonders auffällt, setze ich dann häufig gleich um zu Hause. Das können Strukturen sein oder Steinadern, ein abgestorbener Baum, der noch lebendig und stark dasteht, oder auch eine Himmelsstimmung, die ich dann aquarelliere. Ebendies erfahre ich nur in der Stille, deshalb suche ich sie auch. Klar, ich habe gerne Menschen um mich, aber nach einem «Räbel» ziehe ich mich jeweils auch gerne wieder zurück.

Authentizität ist mir übrgigens auch im künstlerischen Ausdruck wichtig. Es geht nicht darum, etwas zu machen, das sich gut verkaufen lässt. Es muss für mich stimmen.


Sie widmen sich dem künstlerischen Schaffen, Ihr Mann seiner Arbeit auf dem Betrieb und der Jagd. Was ist Ihre gemeinsame Leidenschaft?


RIATSCH: Gemeinsam pflegen wir das Bergsteigen und Reisen. Den Garten und den Anbau von Blaudisteln machen wir zusammen, und seit er pensioniert ist, hilft mein Mann sehr gerne in der Küche, das ist ganz ein schönes Geschenk, musste ich doch früher immer alles alleine machen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet, das hat uns dann zuerst schon gefehlt nach der Hofübergabe. Darum realisieren wir nach wie vor gerne Projekte zusammen.


Interview Esther Zimmermann

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