«42 Jahre habe ich Kühe gemolken, und plötzlich waren sie alle nicht mehr da.» Urs Kipfer hat auch nach sieben Wochen noch einen traurigen Ausdruck im Gesicht, als er das erzählt. «Auf einmal stehe ich erst um 6 Uhr auf und bin statt gegen zehn Uhr bereits um 8 Uhr auf dem Feld. Unser Leben hat sich Mitte April Knall auf Fall total verändert», fasst er die Situation zusammen.
Eigene Wege
Bereits seit einiger Zeit dachten die beiden darüber nach, was passieren würde, wenn eines von ihnen krank würde. Schliesslich bewältigten sie die ganze Arbeit mit den Milchkühen und dem Jungvieh, insgesamt rund 80 Stück, plus den Ackerbau, alleine. Ihre Tochter Rebecca ist gelernte Bäckerin/Konditorin, hatte drei Jahre auf dem Betrieb mitgeholfen, sich jedoch vor einem Jahr entschieden, in die Nahrungsmittelbranche zu wechseln. Ihr Sohn Adrian ist gelernter Forstwart und zurzeit in Ausbildung als Landwirt, der daran dachte, den Hof ohne Milchwirtschaft zu übernehmen. Auch er arbeitet auswärts. Kipfers Kinder haben ihr eigenes Leben und ihre Anstellungen, aber wenn viel Arbeit anfällt, können die Eltern auf sie zählen. Also überlegten sich Beatrice und Urs Kipfer, in ein, zwei Jahren die Milchwirtschaft aufzugeben.
Schlaflose Nächte
Doch es kam anders. Bilderreich schildert Urs Kipfer die Situation im Anbindestall, an jenem Morgen des 24. März, als er zufrieden über seine Milchkühe schaute: «Da standen sie, eine schöner als die andere, mit prächtigen Eutern, ein ergreifendes Bild. Alle gesund und in bester Verfassung.» Da sei ihm der Gedanke gekommen, jetzt müssten sie die ganze Herde verkaufen. Er habe sich mit Beatrice besprochen und sie hätten entschieden, den Viehhändler anzurufen. Am 28. März kam dieser auf den Hof und nach zwei Stunden harter Verhandlung waren die 29 Kühe en bloc verkauft. Das harte Verhandeln hatte sich gelohnt: Die Tiere erzielten den Preis, mit dem Kipfers und der Händler zufrieden waren.
«Der Tag des Abschieds nahte und wir haben immer schlechter oder gar nicht mehr geschlafen,» erinnern sich Kipfers. Mitte April wurden die Tiere abgeholt. Dieser Tag gehöre zu den härtesten in ihrem Leben. Was das Paar in 32 Jahren mit viel Herzblut und Züchterleidenschaft aufgebaut hatte, war plötzlich nicht mehr da. Herausgerissen aus ihrem Leben.
Ausschlafen lernen
Am Tag nach dem Weggang der Kühe seien beide vor vier Uhr erwacht und realisierten: «Wir müssen, nein, wir können nicht mehr in den Stall; wir können, nein wir müssen ausschlafen.» Diese Umstellung habe anfangs geschmerzt. Jetzt, nach ein paar Wochen, komme die Erkenntnis, welche Vorteile ein Leben ohne Milchvieh bringe. «Als Ackerbauer ist es mir jetzt möglich, früh aufs Feld zu gehen», hält Urs Kipfer fest. «Wir können nun einen ganzen Sonntag frei machen», schwärmt Beatrice Kipfer, «Sogar an einem Wochenende am Samstag über Nacht bleiben.» Da wirft Urs ein, sie würden trotzdem keine Ferien machen, das würden sie ja gar nicht kennen. Zudem hätten sie weiterhin genug Arbeit auf den 53 Hektaren, wovon 45 Hektaren unter dem Pflug sind. Sie pflanzen Zuckerrüben, Raps, Gerste, Mais, Triticale und Gras an und halten Kälber und Aufzuchtrinder. Wenn man dem Paar zuhört, spürt man, dass sie noch nicht wirklich glauben können, dass ihr Berufsleben einfacher, weniger arbeitsintensiv geworden ist. Eines wissen sie: Die Viehzucht wird sie ein Leben lang nicht loslassen. Sie werden weiterhin an Viehschauen auftauchen und sich dort an schönen Kühen erfreuen.

