An einem ruhigen Wintertag wirkt der Hof fast verschlafen. Kein Auto auf dem Parkplatz, kein Mensch unterwegs. Kaum zu glauben, dass hier während der Heidelbeersaison zwischen Mai und September rund 70 000 Besuchende ein und aus gehen: zum Selberpflücken, für den Hofladen oder einen Besuch im Café.
Ein Versuch, Sylke Herse mit dem Handy zu erreichen, misslingt, aber zum Glück kommt die 54-Jährige gerade um die Ecke: «Hier musst du gar nicht erst probieren, anzurufen, dein Handy hat keinen Empfang», ruft sie lachend.
Der Betrieb liegt etwas abgelegen und ein bisschen versteckt zwischen Hannover, Bremen und Osnabrück. Diese Gegend ist dank ihrer sauren Moorböden perfekt für den Heidelbeeranbau geeignet. Sylke Herse produziert auf ihrem 25-Hektaren-Betrieb ausschliesslich Heidelbeeren, und dies nach Demeter-Qualität.
Der Ort heisst Brokeloh und der Betrieb von Sylke Herse heisst «Bickbeernhof». Der Name «Bickbeernhof» spielt auf das plattdeutsche Wort «Bickbeere» an, die wilden Waldheidelbeeren, für deren Ernte man sich tief bücken («bicken») muss. Die Sträucher der Kulturbeeren sind grösser. Trotz des Namens muss man sich am Bickbeernhof für die Ernte also nicht bücken.
Die natürlichen Voraussetzungen mit dem sauren Moorboden sind also ideal, um Heidelbeeren zu kultivieren. So haben bereits die Eltern von Sylke Herse den Betrieb bewirtschaftet. Mit unternehmerischem Geschick hat sie ihn immer weiterentwickelt und verkauft einen möglichst grossen Anteil der Ernte direkt an die Kunden. Die Direktvermarktung ist ihr Weg und dafür hat sie die Infrastruktur Stück für Stück ausgebaut.
Vermarktung selber in die Hand genommen
Im Sommer ist das Selbstpflücken der Hauptanziehungspunkt, wobei die Erntesaison dank verschiedener Sorten von Mai bis September dauert. Im Hofladen werden frische Beeren verkauft und im Hofrestaurant landen sie in Kuchen, Menüs und Desserts. Auf der Menükarte gibt es sogar eine Wurst mit Heidelbeeren. Im Gastronomiebereich gibt es 400 Sitzplätze. An starken Besuchertagen wie an Wochenenden werden die Plätze bis zu viermal umgesetzt. Kein Wunder, werden an solchen Tagen im Gastrobereich bis zu 25 Mitarbeitende eingesetzt.
Im Winter läuft der Hofladen nur am Freitag. Dann werden vor allem die verarbeiteten Produkte der betriebseigenen Beeren wie Konfitüre, Smoothies und viele weitere Heidelbeerprodukte verkauft.
«Wir wollen so viel wie möglich direktvermarkten», erklärt Herse. «Nur mit Selbstpflücken gelingt das jedoch nicht. Deshalb investieren wir regelmässig in Lagertechnik und Verarbeitung. So können wir auch ausserhalb der Saison produzieren und unsere Preise selbst bestimmen, unabhängig von der Willkür des Handels.»
Mit dem trostlosen Beerenangebot aus dem Supermarkt, oft importiert vom Weltmarkt, will sie sich bewusst nicht messen. «Beeren aus Regionen, in denen Wasserressourcen ausgebeutet werden oder Umwelt- und Arbeitsstandards kaum existieren, kommen für uns nicht infrage», sagt Herse. Ihre Antwort auf diese Konkurrenz ist ein verantwortungsbewusster Produktions- und Vermarktungsweg.
Ausgezeichnetes Unternehmertum
Diese klare Strategie zur Selbstvermarktung, kombiniert mit viel Mut, mit Investitionen und Fachwissen, brachte ihr schliesslich den Hauptpreis beim Ceres Award 2025 ein. Ende Oktober wurde sie in Berlin als Landwirtin des Jahres ausgezeichnet. Und seither klingelt trotz schlechten Empfangs nicht nur während der Saison das Telefon.
Zu Themen wie Frauen in der Landwirtschaft, Direktvermarktung, Beerenanbau, Biolandbau und etlichem mehr erhält sie viele Anfragen und ihre Meinung ist gefragt.
Die Unternehmerin nimmt das sportlich, doch im Februar freut sie sich auf eine kurze Auszeit. Und dann steht die nächste Saison schon wieder vor der Tür.
Ceres Award
Der Ceres Award ist die bedeutendste Auszeichnung der Landwirtschaft in Europa. In sieben Kategorien soll mit dem Ceres Award die Vielfalt der modernen Landwirtschaft präsentiert werden. Jurorenteams, bestehend aus Vertretern von Unternehmen, Branchenorganisationen und der «Agrarheute»-Redaktion, wählen aus allen Bewerbungen zunächst drei Finalisten pro Kategorie aus. Anschliessend kürt die Jury sieben Kategoriensieger und bestimmt daraus den Gesamtsieger/die Gesamtsiegerin zum Landwirt oder zur Landwirtin des Jahres. Weitere Infos und Anmeldung:www.ceresaward.de

