«Ich servierte schon im Hotel meiner Eltern, bevor ich erstmals eine Kuh gemolken habe», erklärt Landwirt Duri Campell. Der Tourismus und die Landwirtschaft prägten das Leben des Engadiners schon immer. Seit 36 Jahren führt er mit seiner Frau Erna den 50 Hektar grossen Landwirtschaftsbetrieb Plaun da la Clüsa in Chapella. Über 20 Jahre leitete er dazu grosse Skischulen in der Region. Auch durch die Politik und seine Verbandsarbeit war und ist der Bergbauer stark mit dem Tourismus in Kontakt.
Wo einst Säumer unterwegs waren
Der Hof Plaun da la Clüsa, der seit 1948 im Besitz der Familie Campell ist, ist mit seinem markanten Hauptgebäude von der Hauptstrasse aus unübersehbar. Erbaut wurde das stattliche Gebäude im Jahr 1851. Die damals noch sehr bedeutende Säumerroute über den Scalettapass führte direkt am Hof vorbei und war für die Region wirtschaftlich von grosser Bedeutung. Was früher die Säumer waren, sind heute die Touristen. Neben dem Landwirtschaftsbetrieb führt die Familie Campell schon seit Jahrzehnten einen Campingplatz mit heute rund 100 Stellplätzen. Die Leitung der Anlage hat mittlerweile Ladina Campell, eine von zwei Töchtern von Erna und Duri Campell.

Die Gästebetreuung liegt in der DNA der Familie Campell. Erna Campell ist auf einem Bauernhof mit Pferdekutschen und Ferienwohnungen in Sils-Maria aufgewachsen. Der Vater von Duri Campell führte neben dem Hof auch noch das rund zwei Kilometer vom Betrieb entfernte Hotel Veduta. Mittlerweile wird dieser für seine Wildspezialitäten bekannte Betrieb von einem Neffen geführt.
Zwei Branchen, gemeinsame Interessen
«Wir haben hier im Oberengadin eigentlich nur den Tourismus und die Landwirtschaft, entsprechend wichtig sind die Wirtschaftszweige», so Duri Campell. Es gebe zwar auch ab und zu Differenzen zwischen Bauern und Touristen. Beide Branchen seien sich aber der Abhängigkeit voneinander bewusst. Ob im Nebenerwerb, in der Direktvermarktung, bei der Vermietung von Ferienwohnungen oder dank der guten Infrastruktur: Auch die Landwirtschaft profitiere stark vom Tourismus. Dazu kommt auch, dass es durch den Gästekontakt immer wieder zu spannenden Begegnungen kommt. Es gäbe aber natürlich auch Schattenseiten des boomenden Tourismussektors: «Die Preise für Bauprojekte und die Wohnkosten sind enorm gestiegen», erklärt Duri Campell. Als grosse aktuelle Herausforderung sieht er die zukünftige Rekrutierung von Arbeitskräften. Für die grosse Zahl an italienischen Arbeiterinnen und Arbeitern habe das Engadin in der kürzeren Vergangenheit infolge veränderter Steuerbestimmungen an Attraktivität verloren.

Auf Unterstützung angewiesen
Das grosse Angebot an Arbeitsstellen im Tourismusbereich absorbierte schon länger junge Menschen aus den Bauernfamilien. Entsprechend stark war in den letzten Jahrzehnten der Strukturwandel in der Engadiner Landwirtschaft. Die Zahl der Bauernbetriebe ist heute deutlich kleiner, die Alpgenossenschaft auf dem grossflächigen Gemeindegebiet von S-chanf zählt nur noch zehn Bauern. «Infolge der grossen Strukturen fehlt den Bauernbetrieben vielfach die Kapazität für interessante Betriebszweige wie die Direktvermarktung, bei der wir hier im Engadin noch grosses Potenzial haben.»
Auch der Betrieb Plaun da la Clüsa ist auf Arbeitskräfte angewiesen. Schon seit der Übernahme des Betriebs haben Erna und Duri Campell für den Milchviehbetrieb Angestellte und auch auf dem Campingplatz sind sie auf Unterstützung angewiesen. Der neben dem Hauptgebäude stehende Pferdebetrieb mit Kursangeboten und Reitaktivitäten wurde vor einigen Jahren ausgelagert und wird als eigenständiger Betrieb geführt. Auch Maschinenarbeiten werden vielfach extern vergeben. Von den 50 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche werden 35 Hektar gemäht, ein schöner Teil davon mit Traktor und Mähwerk. Obwohl der Betrieb auf über 1600 Meter über Meer liegt, findet sich kein Transporter auf dem Hof, alles wird zu Rundballen gepresst.
Wo der zweite Schnitt zum Glücksspiel wird
Die Winter im Oberengadin sind lang, auch im Sommer kann das Klima rau sein. «Der zweite Schnitt ist bei uns wie Lotto spielen. Je nach Wetter gibt es viel, manchmal nur wenig Emd», so Duri Campell weiter. Die letzten Jahre seien allerdings grossmehrheitlich ertragreich gewesen. «Es gab sehr viel Futter für die Tiere. Darum versuchten wir hier in den letzten Jahren, vermehrt auch in den Ackerbau einzusteigen.» Neben verschiedenen Getreidearten sei sogar Silomais angebaut worden. Ihm selbst liegt allerdings die Viehzucht näher als der Ackerbau. Als Gründungsmitglied der Züchtergruppe Graubünden, Präsident von GraubündenVieh und Präsident des Bündner Original Braunvieh Vereins engagiert er sich schon seit Jahren für die Viehzucht. Der Verkauf von Nutz- und Zuchttieren sei für das Engadin traditionell ein wichtiger Betriebszweig.

Im 2004 erstellten Laufstall stehen rund zehn Kühe und 70 Stück Jungvieh. Im Sommer kommt das gesamte Vieh auf die Alpen der lokalen Alpgenossenschaft und wird dort von Hirten betreut. Die Kühe gehen auf die Alp Chaschauna, das Jungvieh wird im Val Susauna gesömmert. Bis 1999 wurde Verkehrsmilch abgeliefert, danach stellten die Campells auf die Rinderaufzucht um. Allerdings wurden stets einige Kühe gehalten, deren Milch zum Tränken der Aufzucht- und Mastkälber verwendet wurde. Seit 2019 werden keine fremden Aufzuchttiere mehr aufgezogen, sondern jährlich rund 25 eigene Kälber nachgenommen.
Möglich ist das dank der konsequenten Anpaarung mit gesextem Samen und dem Umstand, dass alle Rinder auf dem Betrieb abkalben und erst danach verkauft werden. Die Mehrheit der Tiere gehört auch heute noch zur Rasse Brown Swiss. Der Anteil der Tiere aus der Zuchtrichtung Original Braunvieh nimmt aber von Jahr zu Jahr zu. Die bekannteste Kuh im Stall der Familie Campell ist Viola, die Miss OB der OLMA 2023.
Vom Bauernhof bis ins Bundeshaus
Duri Campell war in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen stark engagiert. Neben dem Betrieb und dem Tourismus investierte er auch viel Zeit in die Politik. 13 Jahre übernahm er als Gemeindepräsident in S-chanf viel Verantwortung. Von 2006 bis 2015 war er Mitglied des Grossen Rates des Kantons Graubünden, von 2015 bis 2019 politisierte er als Nationalrat auf der nationalen Bühne. «Ich war in den letzten 25 Jahren sicher vielfach zu stark ausserhalb des Betriebs engagiert. Ohne meine Frau hätte ich all dieses Engagement nicht bewältigen können», betont Duri Campell. Gerade im Kontext des Themas Zweitwohnungen habe er sich stark exponiert, was auch zu Kritik führte. Er habe aber einen breiten Rücken und könne Politik und Privates gut voneinander abgrenzen.

Dennoch möchte er es zukünftig etwas ruhiger angehen. Ein erster Schritt steht in den kommenden Wochen an: Er und seine Frau ziehen in den beschaulichen Weiler Susauna in ein frisch renoviertes Engadinerhaus. Nach der Hüftoperation vom letzten August hofft der sportbegeisterte Bündner zudem, dass er diesen Winter wieder etwas häufiger auf den Langlaufski stehen kann. Ein anderes Projekt steht diesen Winter aber noch höher auf der Prioritätenliste: Die Übergabe des Hofes muss aufgegleist werden. Auch wenn beide Töchter mit dem Hof und der Region verbunden sind, wird keine den Landwirtschaftsbetrieb weiterführen. «Meine Frau und ich werden in den kommenden Monaten eine Auslegeordnung machen und dann entscheiden, wie es mit unserem Betrieb weitergeht», sagt Duri Campell in seiner positiven Art.

