Kurz & bündig
- Pro Jahr machen die Schweizer Detailhändler rund 50 Mrd Franken Umsatz mit Lebensmitteln. - Der Anteil einheimischer Lebensmittel an diesem Umsatz ist kaum abzuschätzen. - Bei Coop und Migros liegt der Anteil an Eigenmarken aber deutlich über 50 Prozent. - Die Konsumentinnen und Konsumenten scheinen beim Kaufentscheid stärker auf die Herkunft als auf die Produktionsform der Produkte zu achten.
Wer verdient eigentlich an unseren Lebensmitteln? Der Dachverband Handel Schweiz beziffert den Gesamtumsatz im Detailhandel für das Jahr 2015 mit rund 113 Mrd Franken. Dabei beträgt der Anteil von Food/Near Food rund 42 Prozent. Pro Jahr machen die Detailhändler also knapp 50 Mrd Franken Umsatz mit Lebensmitteln.
Zu den Umsätzen mit einheimischen Lebensmitteln gibt es nur Schätzungen: Im Dokument «Landwirtschaftliche Absatzförderung, Umsetzungsprogramm 2019 bis 2021» des Bundesamtes für Landwirtschaft BLW steht, dass sich die Umsätze mit Schweizer Bio-Produkten für 2016 auf rund 1,5 Mrd Franken schätzen lassen. Die Umsätze mit Regionalprodukten werden auf rund 1,3 Mrd Franken geschätzt. Auch die «BauernZeitung» kommt Juli 2016 in einem Beitrag zu den Regionalprodukte-Programmen den Gesamtumsatz auf rund 1,5 Mrd Franken.
Wie sieht es konkret aus? Die Spurensuche ist eine mühselige: «die grüne» hat Migros, Coop, Aldi, Lidl Schweiz und Spar um Auskunft gebeten, wie hoch der Marktanteil in Prozenten bei Milch, Eier, Rindfleisch, Poulet und Kartoffeln verschiedener Linien sei. Also: Wie viel Prozent des verkauften Produktes stammt aus der Billig-Linie, aus der Eigenmarke, wie viel ist Schweizer Bio-Produktion, wie viel stammt aus dem Import? «Man gab sich intern zurückhaltend», so die ernüchternde Antwort eines Mediensprechers …
Konkrete Antworten lieferte einzig Spar – erfreulich transparent. Die anderen Angefragten machen «aus geschäftspolitischen Gründen keine Angaben zu Budgetplanung, Verkaufszahlen oder Marktanteilen».

Spar fördert regionale und lokale Produkte in den Läden
Spar legt als einziger der angefragten Detailhändler die Zahlen offen. Gemäss Silvia Manser von der Spar-Medienstelle setzen die Spar-Märkte stark auf Schweizer Produkte. Diese werden im wöchentlichen Flugblatt mit den Logos beworben. Zusätzlich werden im Flugblatt laufend Themenschwerpunkte mit Schweizer-Produkten gesetzt.
Stark gefördert werden auch regionale und lokale Produkte, die im Laden speziell mit «Frisch aus der Nachbarschaft» beworben werden. «Jeder Spar-Markt führt individuell diverse Produkte aus seiner Region und die Auswahl richtet sich nach Saison.»
Aldi schreibt, dass das Unternehmen seit 2005 mit Schweizer Lieferanten zusammenarbeite und bei der Sortiments-Gestaltung wenn immer möglich auf Schweizer Qualität setze.
Der Schweiz-Anteil folgender Produkte bei Aldi:
- 100 %: Trinkmilch, Rahm und Butter
- 100 %: Frisches Kalb- und Schweinefleisch
Fast 100 % Rind-Frischfleischartikel sind mit Ausnahme von Edelstücken wie Filet aus Uruguay fast vollständig aus Schweizer Herkunft.
Coop hat einen hohen Anteil an Eigenmarken
Coop wird deutlicher. Der Anteil der Eigenmarken am gesamten Sortiment beträgt 56 Prozent, von der Billig-Linie «Prix Garantie» gibt es rund 900 Produkte. Der Bio-Umsatzanteil des Lebensmittel-Marktes in der Schweiz liegt laut Coop bei 9,9 Prozent, jener von Coop beträgt über 14 Prozent. Schweizer Produkte hätten Priorität:
- 100 %: Milch
- 95 %: Eier (Freiland: 70 %, davon über die Hälfte Bio, Tendenz steigend)
- Über 80 %: Fleisch (100 % bei Bio-Knospe-Fleisch)
- Rund 80 %: Kartoffeln
Bei Coop sei gut jeder dritte Liter Konsummilch eine Label-Milch. Zudem habe Coop den höchsten Labelanteil (Bio, Naturafarm etc.) im Schweizer Detailhandel.
«Coop importiert nur Fleisch, bei dem die Nachfrage das Schweizer Angebot überschreitet. Wir achten bei dem importierten Fleisch darauf, dass es aus guten Haltungsbedingen kommt.» Die Pressestelle ergänzt, dass die Coop-Gruppe 2019 mit dem Bio-Sortiment um weitere 8,4 Prozent auf 1,8 Mrd Franken Umsatz gewachsen sei.
Lidl Schweiz wird beim Umsatz relativ konkret: Über 55 Prozent des Umsatzes werde mit Schweizer Produkten erwirtschaftet.
Der Schweiz-Anteil folgender Produkte bei Lidl Schweiz:
- 100 %: Trinkmilch, Rahm und Butter
- 100 %: Frisches Kalb- und Schweinefleisch
- Rund 90 %: Rindfleisch (die restlichen 10 % kommen aus tierfreundlicher Weidehaltung in Uruguay)
- 82 % des frischen Pouletfleischs (Import-Frischfleisch wird zu 100 % mindestens nach dem Schweizer Tierwohlstandard gehalten)
- 95 % Kartoffeln

20 Prozent der Produktion der Schweizer Landwirtschaft an Migros
Migros lieferte auf unsere Anfrage als einziger Schweizer Detailhändler Franken-Beträge:
- «Aus der Region, für die Region»: 993,5 Mio (per Ende 2018)
- «Migros Bio»: 883 Mio (per Ende 2019)
- Gesamter Bio-Umsatz: 1049,3 Mio (per Ende 2019)
- IP-Suisse mit «Terra Suisse»-Label: 729,4 Mio (per Ende 2019)
Der Eigenmarken-Anteil des Sortiments beträgt 70 Prozent. Interessant ist, dass die Migros der Schweizer Landwirtschaft über 20 Prozent ihrer gesamten Produktion abnimmt und dieser Anteil in einzelnen Bereichen sogar noch höher sei.
In den Migros-Filialen stammen rund 70 Prozent der Lebensmittel aus der Schweiz. Im Frische-Bereich sei dieser Schweiz-Prozentsatz zum Teil noch viel höher, wie die Auflistung zeigt.
- 99 %: Schweinefleisch (Frischfleisch)
- 90 %: Rindfleisch (Frischfleisch)
- 97 %: Kalbfleisch (Frischfleisch)
- 80 %: Pouletfleisch (Frischfleisch)
- 30 %: Früchte (saisonale Schwankungen)
- 70 %: Gemüse (saisonale Schwankungen)
- 95 %: Kartoffeln
- 79 %: Käse
- 82 %: Eier
Fazit: Die Konsumentinnen und Konsumenten achten durchaus auf die Herkunft der Produkte.

Preis und Herkunft sind wichtig, aber auch die Verpackung
Welche Rolle spielt der Preis? Josianne Walpen, Leiterin Ernährung und Mobilität der Stiftung für Konsumentenschutz, stellt klar, dass die Konsumentinnen und Konsumenten eine heterogene Gruppe sind. Der Preis sei ein wichtiges Kaufkriterium, bei der Kaufentscheidung spielten aber noch viele andere Faktoren eine wichtige Rolle:
- Wann und wo wird eingekauft? Schnell am Feierabend im überfüllten Bahnhof, im kleinen Quartierladen oder im riesigen City-Warenhaus?
- Welche Anbieter sind vorhanden?
- Die eigene Kaufkraft.
- Herkunft, Label, Marke, sensorische Vorlieben, Verpackung, Werbung, Werte, welche mit dem Produkt verbunden werden.
«All diese Kriterien sind mitbestimmend, ob ein Produkt im Einkaufskorb landet oder nicht», so Walpen.

«Regionalität gibt Sicherheit»,ist man bei IP-Suisse überzeugt
Fritz Rothen, IP-Suisse-Geschäftsführer, sieht die Lebensmitteldiskussionen recht philosophisch: «Offenbar haben die Menschen da das Gefühl, sie könnten aktiv sparen. Im Gegensatz zu Ausgaben wie Versicherungen und Steuern…».
Dennoch gebe Regionalität Sicherheit und spiele eine wichtige Rolle: «Bio kann importiert sein. Bei unseren Produkten weiss man, dass sie alle aus der Schweiz stammen».
IP-Suisse und der «Käfer» seien gut verankert. Die rund 5000 Schilder, die in der Schweiz an Höfen hängen, seien sichtbar und würden der Marke ein Gesicht geben.
Dafür bezieht IP-Suisse auch Marketinggelder vom Bund. Jährlich sind dies rund 1,5 Millionen Franken, welche im Rahmen der «Landwirtschaftlichen Absatzförderung» fliessen. Diese Gelder dürfen aber nur fürs Basis-Marketing verwendet werden, präzisiert Rothen. Und um sie zu erhalten, brauche es detaillierte Auflistungen der Marketing-Massnahmen.
IP-Suisse sei an den grossen Publikumsmessen BEA und OLMA präsent, berichtet Rothen. Nicht nur, um mit den Konsumenten zu diskutieren und ihnen die Werte von IP-Suisse nahe zu bringen. Die Messen seien auch die Möglichkeit, mit den Produzenten zu reden, sie zu beraten und «den Puls zu nehmen».
Bei den Grossverteilern betrachtet er die Präsentation der Produkte als «matchentscheidend»: Was ins Auge springt, wird eher gekauft.
Der SBV sieht den Grenzschutz als wichtigen Hebel
Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband SBV sieht eine augenfällige Diskrepanz zwischen dem, was die Leute in Umfragen sagen und wie sie effektiv handeln. Denn über alles gesehen hat Bio gerade mal einen Anteil von 11 Prozent.
Umfragen zeigen, dass die regionale Herkunft wichtiger ist als die biologische Produktion. Damit einheimische Lebensmittel bei den Grossverteilern landen, ist der SBV vor allem im Bereich der Rahmenbedingungen aktiv.
Ein wichtiger Hebel ist der Grenzschutz. Ohne diesen kämen die Preise für die Schweizer Produktion massiv unter Druck. Die Swissness-Vorlage stellt sicher, dass auch einheimische Rohstoffe drin sind, wenn das Schweizer Kreuz drauf steht.
Der anständige Preis für die Landwirte sei ein «ein Dauerthema und ein Dauerkampf.» Der SBV engagiere sich bei der Richtpreisfestlegung im Rahmen der Branchenorganisationen.
Die Bauernfamilien sind als letztes Glied in der Kette darauf angewiesen, dass die im Rahmen der gemeinsamen Qualitätsstrategie vereinbarte Fairness bei der Wertschöpfungskette auch von allen eingehalten sind. «Das klappt je nach Sektor unterschiedlich gut. Wenn wir grobe Verletzungen sehen, dann machen wir mit direkten Gesprächen Druck. Wenn auch das nichts bringt, gehen wir an die Öffentlichkeit und erhöhen den Druck», so Helfenstein. Doch die eigentlichen Verhandlungen mit den Grossverteilern führen die Verarbeiter und die Direktlieferanten.
In den meisten Branchen gebe es gemeinsam vereinbarte Richtpreise und Handels-Usanzen. «Der SBV führt zudem regelmässig Gespräche mit den Grossverteilern. Dabei finden auch immer intensive Gespräch über Marktthemen und Preise statt.»
Schweizer kaufen weniger auf Märkten, aber mehr in Hofläden
Was die Konsumenten wirklich wollen, bleibt etwas vage: In einem EU-Projekt, an dem auch das FiBL beteiligt war, haben fünf Netzwerke erforscht, ob Agrobiodiversität die Kaufentscheide der Konsumenten beeinflusst. Eher nicht – zumindest nicht, bis der Begriff nicht geklärt ist. Spannend an der Umfrage ist aber, dass in der Schweiz die folgenden Eigenschaften als wichtig genannt wurden:
- «in der Region produziert»
- «im eigenen Land produziert»
- «guter Geschmack»
Klar wird – wenig erstaunlich – dass 95 Prozent der Schweizer ihre Lebensmittel im Supermarkt einkaufen. Der Anteil von Einkäufen beim Discounter von 31 % liegt im Vergleich mit Frankreich (37 %), Spanien (42 %) und Italien (40 %) bei uns am tiefsten.
Genau umgekehrt ist es beim Einkauf auf lokalen Märkten: Da bildet die Schweiz mit 23 % das Schlusslicht, in Italien sind es 55 %, in Frankreich 45 % und in Spanien 41 %.
Hofläden sind in der Schweiz deutlich wichtiger als in anderen Ländern. Direktvermarktung bleibt eine sinnvolle Möglichkeit, mit den Abnehmern ins Gespräch zu kommen und zu erklären, woher die Produkte stammen.

