Jakobskreuzkraut macht in Deutschland Flächen unbrauchbar – wie sieht es hierzulande aus?

Auf deutschen Wiesen breitet sich eine Giftpflanze aus, die Betriebe zunehmend überfordert und Futterflächen im Sommer 2026 unbrauchbar macht. In der Schweiz ist es noch ruhig – doch wie gut ist das eigentlich dokumentiert?

Eigentlich ging es um das neue Orthobunyavirus, das seit Anfang August offiziell als Ursache der diesjährigen Rinderkrankheitswelle gilt: Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) hat den von Gnitzen übertragenen Erreger nun in Proben von Schweizer Rindern nachgewiesen – verwandte Fälle gibt es auch in Süddeutschland, bestätigt vom Friedrich-Loeffler-Institut.

Im Gespräch mit Birgit Gnadl, Bio-Bäuerin und Homöopathin mit eigener Praxis in Übersee, kommt aber noch ein zweites Thema zur Sprache: das Jakobskreuzkraut. In diesem Sommer sei die Lage so ernst wie noch nie, sagt sie. Auf immer mehr Flächen lasse sich das gelb blühende Gewächs nicht mehr eindämmen. Das Futter davon müsse in die Biogasanlage statt in den Trog – eine Behandlung von Hand, Pflanze für Pflanze ausreissen, sei bei diesem Ausmass schlicht nicht mehr zu bewältigen.

Am Schluss landet das Futter in der Biogasanlage

Birgit Gnadls Beobachtung steht nicht allein. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband warnte im Mai vor der zunehmenden Ausbreitung der Giftpflanze und forderte, öffentliche Flächen vor der Blüte Anfang Juni frühzeitig zu mähen, um die Samenbildung zu verhindern.

Von Wegrändern, Böschungen und wenig genutzten Flächen gelangt das Kraut zunehmend auf Wiesen und Weiden. Für viele Betriebe bleibt am Ende nur ein Weg: das befallene Gras in die Biogasanlage. Dort verlieren die Samen bei ausreichender Verweildauer und Temperatur ihre Keimfähigkeit, gefährliche Rückstände im Gärsubstrat sind laut Untersuchungen der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen mit der Universität Bonn nicht zu befürchten. Für Birgit Gnadl und auch andere Betriebe bedeutet das trotzdem: Futterfläche, die keine ist. In einem Jahr wie diesem, noch schlimmer.

Eine Pflanze, die im Verborgenen wirkt

Jakobskreuzkraut gehört zu den Greiskräutern und enthält Pyrrolizidinalkaloide. Diese dienen der Pflanze ursprünglich als Frassschutz und werden im Körper von Wirbeltieren zu lebertoxischen Substanzen umgewandelt. Die Stoffe reichern sich mit der Zeit an, egal ob die Pflanze frisch gefressen, im Heu getrocknet oder siliert wird. Trocknen und Silieren bauen das Gift nicht ab.

Besonders tückisch: Auf der Weide meiden erfahrene Tiere das Kraut wegen seines bitteren Geschmacks, akute Vergiftungen sind deshalb wegen der nötigen grossen Menge eher selten. Im Heu verliert die Pflanze diesen Warngeschmack, bleibt aber uneingeschränkt giftig. Die Vergiftung, in der Veterinärmedizin Seneziose genannt, verläuft deshalb meist schleichend und ist wegen des langen Zeitraums der Giftaufnahme oft schwer auf ihre Ursache zurückzuführen.

Betroffen sind vor allem Pferde, Rinder und weidende Schweine, mit Symptomen wie Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Gewichtsverlust, Atembeschwerden bis hin zu ziellosem Umhertaumeln oder Erblindung. Besonders empfindlich reagieren Pferde.

Auf Nachfrage bei Michèle Bodmer, Vetsuisse Bern, zeigt sich derzeit keine auffällige Häufung. Für eine akute Vergiftung müsste ein Rind mit 600 Kilogramm Lebendgewicht 30 bis 120 Kilogramm frisches Kraut fressen – das ende meist tödlich, sei bei Weidetieren aber eher unrealistisch, weil sie so grosse Mengen kaum aufnehmen. Die chronische Form ist die relevantere: Sie tritt auf, wenn Tiere über längere Zeit insgesamt rund 200 Gramm der Pflanze aufnehmen, mit Symptomen wie Milchrückgang, Abmagerung, struppigem Fell und Hautschäden an unpigmentierten Stellen; im Endstadium können durch die Leberschädigung zentralnervöse Ausfälle wie Apathie hinzukommen.

Erste Anzeichen zeigen sich oft erst nach ein bis zwei Monaten. Weil die diesjährige Trockenheit das Weidegras knapp werden lässt, greifen Tiere eher auf Pflanzen zurück, die Trockenperioden gut überstehen – Jakobskreuzkraut gehört dazu. Bodmer rechnet deshalb damit, dass sich ein möglicher Anstieg erst in den kommenden ein bis zwei Monaten zeigen würde.

Auch für Menschen ist die Pflanze giftig, direkte Vergiftungen sind wegen der nötigen Menge und des bitteren Geschmacks aber selten. Diskutiert wird eine mögliche Anreicherung der Alkaloide in der menschlichen Nahrungskette über verunreinigten Honig oder Tee.

Ein Mäh-Mythos hält sich hartnäckig

Eine verbreitete Praxisempfehlung lautet, befallene Flächen vor der Blüte zu mähen. Für Pferdeweiden warnt aber der Strickhof, das landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum des Kantons Zürich, mit Hauptsitz in Lindau ZH, ausdrücklich davor: Nach dem Schnitt treibt die Pflanze erneut aus, und die jungen Triebe enthalten während sechs bis sieben Wochen noch keine Bitterstoffe, wohl aber die vollen Giftstoffe.

Genau in dieser Phase greifen Pferde eher zu als bei der bitteren Ausgangspflanze. Die einzig verlässliche Massnahme bleibt die regelmässige Kontrolle der Flächen und das sofortige Ausstechen mit der Wurzel, mit Handschuhen, weil die Giftstoffe über die Haut aufgenommen werden können. Schon ein zentimeterlanges Wurzelstück reicht, damit die Pflanze wieder austreibt.

In der Schweiz: noch ruhig, aber unter Beobachtung

Verglichen mit den Berichten aus Deutschland ist die Lage in der Schweiz derzeit ruhig. Jakobskreuzkraut war schon immer Teil der einheimischen Flora, kommt bei uns vor allem auf nährstoffreichen, regelmässig beweideten Wiesen vor und siedelt sich bevorzugt auf offenen Bodenstellen an. Von einer Krise wie in Teilen Deutschlands ist derzeit nirgends die Rede, doch die Pflanze scheint auch hierzulande häufiger zu werden.

Das deckt sich mit der Einschätzung vom Strickhof: Auf Anfrage bei Bettina Ehrbar-Krebs, Bereich Pferde, heisst es, in ihrem Umfeld habe sich dieses Jahr kein spezielles Jakobskreuzkraut-Problem gezeigt. Die Problematik sei in Deutschland bislang generell ausgeprägter gewesen als in der Schweiz, vermutlich weil die Bestände dort wegen der grösseren Flächen weniger eng überwacht würden.

Kein Neophyt, sondern eine heimische Art

Als mögliche Gründe dafür nennt die Umweltberatung Luzern in ihrem im April 2026 aktualisierten Merkblatt gleich vier Faktoren: mehr Weidetiere pro Fläche, den Rückgang des Herbizideinsatzes, weniger wilde Nagetiere, die junge Pflanzen sonst fressen würden, sowie den Klimawandel. Der Kanton Luzern hat als bislang einziger die giftigen Kreuzkrautarten für gemeingefährlich erklärt. Das erlaubt den Behörden, eine Bekämpfung anzuordnen, statt sie den Betrieben freizustellen. Anders als das ebenfalls giftige Schmalblättrige Greiskraut ist Jakobskreuzkraut dabei kein eingewanderter Neophyt, sondern eine ursprünglich heimische Art – was rechtlich einen Unterschied macht.

Besonders betrifft das Biobetriebe: Extensiv bewirtschaftetes, spät gemähtes Grünland und Biodiversitätsförderflächen gelten als Ausbreitungsherde für Jakobskreuzkraut – genau jene Bewirtschaftungsform, die der Biolandbau fördert und die auch die Umweltberatung Luzern als einen der vier Faktoren nennt. Weil chemische Einzelstockbehandlung im Biolandbau in der Regel keine Option ist, bleibt Biobetrieben zur Bekämpfung nur die aufwendige Handarbeit – Ausreissen mit der Wurzel, wie es auch der Strickhof empfiehlt.

Diesen Unterschied bestätigt auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage: Weil Jakobskreuzkraut hierzulande und in ganz Europa heimisch ist, fällt es nicht unter die Freisetzungsverordnung für invasive gebietsfremde Arten. Ein nationales Monitoring führt das Amt deshalb nicht durch, zuständig für den fachlichen Umgang mit der Pflanze seien das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und Agroscope. Verbreitungsdaten sammelt stattdessen Info Flora: Die nationale Datenbank enthält Fundmeldungen aus der ganzen Schweiz und stellt eine laufend aktualisierte Verbreitungskarte bereit. Ergänzend dazu können einzelne Kantone – wie Luzern – eigene Beobachtungen oder Monitoringprogramme führen. Ein Flickenteppich also, kein Gesamtbild: Wer wissen will, wie stark sich Jakobskreuzkraut in der Schweiz tatsächlich ausbreitet, muss sich die Antwort aus kantonalen Einzelmeldungen zusammensuchen.

Für Birgit Gnadl in Übersee bleibt die Lage vorerst eine bayerische. Doch wie schnell sich das ändern kann, zeigt der Blick über die Grenze – und die Frage, ob die Schweiz frühzeitig genug hinschaut, bleibt vorerst offen.

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