Ähnlich wie auf den Futterbau-Flächen im Tal sind die Verhältnisse in den Wildheuer-Planggen heuer regional unterschiedlich. Landwirt und Älpler Alex Immoos aus Morschach SZ, der Steilflächen oberhalb von Morschach und im Stoosgebiet bewirtschaftet, spricht von einem mehr oder weniger normalen Jahr.
«Wir hatten immer wieder Gewitter, entsprechend sind die Erträge ähnlich wie in den Vorjahren. Auf einzelnen Flächen waren aber noch die Folgen eines Hagelereignisses spürbar.» Heuer hat er eine Wildheu-Wiese in der Nähe seiner Alp Welesch, die mehrere Jahre nicht mehr genutzt wurde, erstmals wieder bewirtschaftet.
«Dort gab es entsprechend viel Futter, über das unsere Alpkühe in diesem aussergewöhnlichen Sommer natürlich froh sind», so Alex Immoos weiter.

Extrem trockener und harter Boden
Etwas anders ist die Situation auf flachgründigen und nach Süden ausgerichteten Wildheu-Planggen. «An steinigen Südhängen gab es dieses Jahr schon weniger Heu», erklärt Erwin Lüönd, der mit seinen Helfern grosse Flächen entlang des bekannten Gratweges zwischen Huser- und Klingenstock nutzt. Der Graswuchs auf nordseitig ausgerichteten Parzellen liege hingegen im normalen Bereich.
Griffiges Schuhwerk und aggressive Stachelwalzen am Leichtmotormäher seien heuer infolge des harten Bodens absolut notwendig. «Trotz passender Ausrüstung verlangt die Arbeit in den Steilhängen höchste Aufmerksamkeit. Teils war der Untergrund so steinhart, dass man nicht einmal eine Heugabel in den Boden stecken konnte», betont Erwin Lüönd.

Frühe Schneeschmelze und fehlende Feuchtigkeit
In einem ähnlichen Gebiet wie Erwin Lüönd ist auch Thomas Arnold aus Bürglen UR unterwegs. Zusammen mit seiner Frau Fränzi und Helfern ist er in der Rophainen-Region hoch über dem Urnersee in der «Wildi».
Auch er spricht von anspruchsvollen Bedingungen mit harten Bodenverhältnissen. «Man muss dieses Jahr im steilen Gelände schon enorm aufpassen, dass man genügend Grip hat, damit ein Ausrutschen verhindert werden kann», so der Urner Bergbauer. Entsprechend wichtig sei die richtige Wahl des Schuhwerks und der Steigeisen. Auch bei der Arbeit mit der Mähmaschine sei trotz Stachelrädern höchste Konzentration nötig. Die eingebrachten Futtermengen bezeichnet Thomas Arnold als etwas tiefer als im Vorjahr. «Der Schnee ist dieses Jahr schon früh weggeschmolzen. Zudem fehlte über den ganzen Sommer die Feuchtigkeit, entsprechend bescheidener war das Graswachstum.»

Buchtipp: Der letzte Wildheuer
Anders als in vielen Regionen der Zentralschweiz, steigt im Tessiner Verzascatal kaum jemand mehr in die Wildheuer-Planggen. Als letzter Wildheuer in dieser Region galt Basilio Scamara aus Lavertezzo. Basilio heisst auch der Hauptprotagonist im Roman «Der letzte Wildheuer» von Christian E. Besimo. Mit seinem Buch verfolgt der Schwyzer Autor das Ziel, anhand einer fiktiven Geschichte über einen Wildheuer die Spuren der urtümlichen Bewirtschaftung im Nordtessin zu dokumentieren und die Grösse der damaligen Leistung der Wildheuer aufzuzeigen.
Das harte Leben dieser Menschen habe kaum etwas mit den idyllischen Wunschvorstellungen von heutigen Tessin-Besuchern gemeinsam, erklärte der Autor kürzlich an der Vernissage des Buches. Nicht wenige Bergbauern seien damals bei dieser gefährlichen Arbeit zu Tode gekommen. Heute werde das Wildheuen im Verzascatal kaum mehr praktiziert.
Die Spuren dieser Bewirtschaftungsform würden von der Natur langsam überwachsen, die Verwaldung schreite voran. Heute sei es für die noch wenigen Bauern schon eine Herausforderung, die Flächen in Dorfnähe noch zu bewirtschaften, betonte Christian E. Besimo. Der Strukturwandel in der Tessiner Berglandwirtschaft werde aktuell zusätzlich noch von Grossraubtieren vorangetrieben.

