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30 Kulturen, 40 Sorten Tomaten – der Biohof Chrutig bietet Platz für Vielfalt

2022 übernahmen Selina Niederberger und Alexander Häberling einen Demeterhof im Luzerner Seetal. Heute versorgen sie rund 60 Haushalte mit ihrem Gemüse und Obst.

«Tröööööööt» scheppert es kurz nach 12:00 Uhr aus einem historischen Feuerhorn über den Biohof Chrutig in Baldegg LU. Aus den Gewächshäusern, zwischen den Zwetschgenbäumen hervor und aus dem Verarbeitungsraum: Von überallher machen sich die heutigen Mithelferinnen und Mithelfer auf in Richtung des grossen Holztisches, der vor dem Wohnhaus steht.

Gemeinsam den Ort bewirtschaften

Jede Woche ist jemand anderes mit dem Kochen an der Reihe. Heute hat Elina Bergamin ein Menü aus Leber, Kartoffelstock und viel Gemüse gezaubert. Die junge Frau ist auf dem Demeterhof über dem Baldeggersee gerade in ihr zweites Ausbildungsjahr zur biodynamischen Landwirtin gestartet.

Sieben Personen nehmen am Mittagstisch Platz. Neben dem Betriebsleiterpaar Selina Niederberger und Alexander Häberling mit ihrem dreijährigen Sohn Yuro und der Lernenden Elina Bergamin ist «Hofonkel» Piitsch ein fester Bestandteil der Chrutig-Truppe. Heute sind zudem zwei Jugendliche am Mithelfen. Mitarbeiter Elmar Stuck und die beiden WG-Mitbewohnenden sind an diesem Mittwoch unterwegs.

«Unsere Intention, als wir den Hof vor dreieinhalb Jahren übernehmen durften, war es, diesen schönen Ort zu teilen und mit anderen Menschen gemeinschaftlich zu bewirtschaften», erzählt die Co-Betriebsleiterin.

Auf dem Biohof Chrutig werden viele verschiedene Früchte- und Gemüsesorten angebaut. (Bild: Christian Reichenbach)

Arbeitsteilung hat sich bewährt

Nach dem gemeinsamen Kaffee und Abwasch verteilen sich alle wieder an ihre Arbeitsorte: Piitsch rüstet auf dem Heustock die frisch geernteten Zwiebeln, Elina macht sich ans Mulchen und Alex schaut bei Meckerziege «Kira» mit ihrem Gitzi zum Rechten, während Selina zu einer Entdeckungstour über den gut sechs Hektare umfassenden Betrieb einlädt.

Dabei erklärt sie, wie die Zuständigkeiten geregelt sind. Während Alexander sich um die Hochlandrinder, Ziegen, Hühner und Laufenten kümmert, die Infrastruktur und Maschinen in Schuss hält, Behördenkontakte übernimmt und zwei Tage die Woche auswärts als Baumpfleger tätig ist, ist Selina für die Anbauplanung, Pflege und Ernte von Gemüse und Obst verantwortlich. Und sie nimmt sich der Personalkoordination, Direktvermarktung und Administration an.

Alexander Häberling kümmert sich um die rund zehnköpfige Hochlandrinder-Herde. (Bild: Christian Reichenbach)

«Ich bin froh, dass Alex sich mit den Behörden abgibt, dafür fehlt mir jegliche Geduld», sagt die Hofbesitzerin mit einem Schmunzeln. Wohl war dies der Grund, weshalb sie es nach ihrer kaufmännischen Ausbildung nicht lange auf der Gemeindeverwaltung ausgehalten hat.

Genau wie ihr Partner liess sie sich zur Fachfrau im naturnahen Garten- und Landschaftsbau ausbilden. Mehrere Jahre lang hatte sie zudem ihr Hobby, das Kitesurfen, zum Beruf gemacht und arbeitete im In- und Ausland als Kitesurflehrerin. Bevor sie sich auf dem eigenen Hof verwirklichen konnte, war die gebürtige Baarerin gemeinsam mit Alexander auf einem Ziegenhof im Berner Oberland tätig.

Schädlinge mit Nützlingen bekämpfen

Diversität ist ein prägendes Merkmal auf dem Demeterhof im Seeland. So divers wie die beruflichen Werdegänge und das Team des Biohofs Chrutig ist auch der Betrieb aufgestellt. Neben der Tierhaltung und dem Betrieb eines Eventraums hat sich das Team des Biohofs Chrutig auf den Anbau und die Direktvermarktung von Gemüse und Obst spezialisiert und verarbeitet seine Produkte auch zu Apfel-Prosecco, Konfitüre, Chutney, Sirup und Essig.

Selina orientiert sich am Market-Gardening-System, bei dem auf kleiner Fläche mit Handarbeit, ohne Einsatz grosser Maschinen und mit viel Rücksicht auf Bodenfruchtbarkeit, Nachhaltigkeit und Vielfalt Gemüse angebaut wird.

«Wir ziehen jeweils bis zu 30 Kulturen und von den Tomaten wachsen bei uns 40 verschiedene Sorten», erklärt die Gartenfachfrau. Neben Apfel- und Birnenhochstammbäumen wachsen Edelkastanien-, Kaki- und Pfirsichbäume und in den Gewächshäusern gedeihen neben Karotten, Auberginen und Peperoni auch Feigen, Weintrauben und immer mehr Gewürze.

Bereits die Vorgänger setzten auf biodynamischen Gemüse- und Obstanbau. (Bild: Christian Reichenbach)

Den Anteil an Gewürzen möchte Selina erweitern, nicht nur, weil sich damit schöne Teemischungen und Seifen herstellen lassen. An einer Gewürzfenchelstaude zeigt die Gartenbäuerin auf, wie sie Schädlinge mit Nützlingen bekämpft. Hier krabbeln nämlich unzählige Marienkäfer umher, die sämtlichen Blattläusen den Garaus machen.

Selina Niederberger möchte zukünftig verstärkt auf Kräuteranbau setzen. (Bild: Christian Reichenbach)

Nicht nur funktional, auch schön

Beim Betreten der Gewächshäuser steigt ein mediterran-würziger Duft in die Nase – ein weiterer Vorteil der Gewürzstreifen und -ecken, die überall verteilt sind. «Ich bin überzeugt, ein Garten sollte nicht nur funktional sein, sondern alle Sinne ansprechen und etwas fürs Gemüt bieten», erklärt die zugängliche Hofleiterin.

Für sie sei von Beginn weg klar gewesen: «Wir verbringen viel Zeit auf unserem Hof und stecken viel Energie in dessen Bewirtschaftung, also wollen wir auch die schönen Seiten geniessen.» Hier nimmt man sich gemeinsam Zeit für ein leckeres Essen und geniesst die tolle Aussicht auf den Baldeggersee. Im Sommer lockt eine Abkühlung im Waldweiher, und im Baumkreis-Labyrinth lässt es sich wunderbar durchatmen.

Es gibt aber auch Tage, an denen das Chrutig-Team von einer Aufgabe zur anderen hastet. Schliesslich wollen die 40 Gemüseabos gerüstet sein, im Eventraum «Roter Apfel» finden zahlreiche Geburtstagsfeiern, Firmenanlässe und Yogaseminare statt, und der Hofladen will jeden Freitagnachmittag perfekt hergerichtet sein.

«Als wir 2022 den Hof übernahmen, wurden wir etwas kritisch beäugt, und es kursierte schnell das Vorurteil, dass hier nur Love, Peace und Happiness gelebt werde. Mittlerweile konnten wir aber beweisen, dass auf dem Biohof Chrutig auch richtig gearbeitet wird», erzählt Selina Niederberger.

Jeweils am Freitag ist der Hofladen geöffnet. Viele Gemüse-Abos werden aber auch ausgeliefert. (Bild: Muriel Willi)

Ihre Vorgänger, das Ehepaar Robi und Rita Schwander, hätten nochmals deutlich härter angepackt, ist sich die junge Frau bewusst. Als die beiden den Milchviehbetrieb von Robi Schwanders Eltern übernahmen, stellten sie ihn auf Gemüse um und gehörten zu den Demeter-Pionieren in der Schweiz.

«Was wir heute in einem rund fünfköpfigen Team machen, erledigten Schwanders zu zweit», sagt Selina anerkennend.

Zukunftsprojekte anpacken und Stimmungen aushalten

Sie seien dankbar, einen so schönen Ort pflegen zu dürfen, schwärmt die Bergliebhaberin, der es gar nicht steil genug sein kann. «Wir möchten unseren Hof weiterhin zu einem Ort machen, an dem Menschen, Tiere und Pflanzen gut gedeihen können», so die Betriebsleiterin. Qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen, den Bezug zum Boden und zu den Kulturen zu pflegen sowie sich Zeit zum Beobachten nehmen zu können – dies seien ihre Zukunftswünsche.

Es stehen aber auch praktische Projekte vor der Umsetzung. Neben der Erweiterung des Kräuteranbaus steht eine Optimierung der Wasserversorgung auf dem Programm. Das alte Güllesilo wird zu einem riesigen Wassertank umfunktioniert.

Ein schöner Ort, an dem Menschen, Tiere und Pflanzen gut gedeihen und Arbeit und Genuss gleichsam Platz haben – das soll der Biohof Chrutig sein. (Bild: Christian Reichenbach)

Es scheint also alles rund zu laufen, bei der bunten Hof-Truppe hoch über dem Baldeggersee? «Auch wir kämpfen mit Herausforderungen», gibt Selina Niederberger unumwunden zu und fügt an: «Aus meiner Sicht besteht die grösste Herausforderung im Zwischenmenschlichen.» Ehrlichkeit sei wichtig. Ebenso müsse man Stimmungen aushalten können, wenn man als so vielfältige Gruppe zusammenlebe und -arbeite.

Betriebsspiegel Biohof Chrutig

Betriebsteam: Selina Niederberger und Alexander Häberling mit Yuro, Hofonkel Piitsch, Mitarbeiter Elmar Stuck, Auszubildende Elina Bergamin
Produktionsform: Demeter und KAGfreiland
LN: 6,5 ha, davon 1 ha Wald und 1 ha Gemüsebau
Betriebszweige: Gemüse- und Obstanbau in Direktvermarktung, Hochlandrinder, Ziegen, Hühner, Laufenten nach KAGfreiland-Richtlinien gehalten, Eventraum und Baumpflege extern
Webseite: www.biohof-chrutig.ch
Adresse: Biohof Chrutig, Reckholdern 1, 6283 Baldegg LU




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