ABO

Obstbau: Pflanzenschutz, Nebenschädlinge und effizientes Pflanzen in Güttingen 

Mit dem Wegfall wichtiger Pflanzenschutzmittel geraten im Obstbau zunehmend auch bisherige Nebenschädlinge in den Fokus. An der Güttinger Tagung zeigte sich: Die vereinfachte Zulassung von Produkten aus Nachbarländern könnte den Produzenten zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig helfen angepasste Pflanztechnik und ein gezielter Schutz von Nützlingen.

Pflanzenschutz ist im Erwerbsobstbau ein grosses Thema. Ein Mangel an zur Verfügung stehenden Mitteln ist dabei zentral. Aktuell seien 1700 Pflanzenschutzmittel offiziell in der Schweiz zugelassen, sagte Olivier Jacquat, Leiter der Zulassungsstelle Pflanzenschutzmittel (PSM) beim BLV, in seinem Referat an der kürzlich stattgefundenen Güttinger Tagung. Allerdings gebe es in diesem Zusammenhang neben den Notfallzulassungen eine weitere Möglichkeit, die bis anhin noch nicht oft genutzt wurde, wie Jacquat den anwesenden Obstbauern berichtete: die vereinfachte Zulassung.

Der Schnellzug unter den Zulassungsverfahren

«Dabei handelt es sich um die Zulassung eines Referenzproduktes aus einem der Nachbarländer der Schweiz. Die entsprechende Risikobewertung wird aus dem Ausland übernommen. Eine eigene Risikobewertung aus der Schweiz ist nicht notwendig. Bisher gingen nur wenige Gesuche für dieses Verfahren ein», so der Referent. Zu bedenken seien in diesem Zusammenhang die strengeren Gewässerschutzauflagen in der Schweiz. Daran sei bisher jedoch noch kein Gesuch gescheitert.  

Barbara Egger erklärt, warum Nebenschädlinge sich im Obstbau aktuell zu Hauptschädlingen entwickeln können. (Bild: Lisa McKenna)

Dies ist auch vor dem Hintergrund des steigenden Vorkommens von Nebenschädlingen im Obstbau interessant. Der Wegfall ganzer Wirkstoffgruppen fördere deren Verbreitung, wie Barbara Egger und Julien Kambor von Agroscope berichteten. Dazu zählen etwa jene, die nur regional vorkommen, wie der kleine Fruchtwickler im Thurgau. Ebenfalls dazu gehören Schädlinge wie die Blutlaus, die zwar oft vorkommen, aber nicht regelmässig bekämpft werden müssen.

Die Gespinstmotte, die nicht regelmässig vorkommt, bei Auftreten aber gleichwohl Schäden verursacht, ist ebenfalls ein Nebenschädling. Problematisch sei hier zudem, dass der Einsatz von breiter wirksamen PSM als Ersatz von anderen, zurückgezogenen Mitteln, Nützlinge nicht schonen.

Vom Nebendarsteller in die Hauptrolle

«Nützlinge wie Ohrwürmer oder parasitäre Wespen spielen bei der Bekämpfung von Nebenschädlingen eine wichtige Rolle. Durch den Wegfall von Movento beispielsweise entsteht hier ein Zielkonflikt. Eine Abwägung zu treffen, ist manchmal schwer bis unmöglich», sagte Barbara Egger.

Auch die derzeitige Veränderung der klimatischen Bedingungen spielt mit: Der Pfirsichwickler, der im Mittelmeerraum zu den Hauptschädlingen gehört, könnte sich künftig auch in der Schweiz vom Neben- zum Hauptschädling entwickeln, wenn Hitze und Trockenheit in kommenden Jahren weiter vorherrschen. 

Für trockene Böden eignet sich der Einsatz des Pflanzbohrers. (Bild: Lisa McKenna)

Die Trockenheit stellt die Produzenten auch bei der Pflanzung junger Bäume vor Herausforderungen. Entsprechende Technik wurde von zwei Produzenten direkt gezeigt: Stefan Anderes nutzt dafür die Kombination aus Pflanzbohrer und Pflanzfräse. Die Vorteile sieht Anderes darin, dass er zum einen weniger Personal einsetzen muss und die körperliche Arbeit zum anderen enorm erleichtert wird. Mit der Schaufel müsse niemand mehr pflanzen. Der Bohrer komme auch mit trockenen Böden zurecht und beim Pflanzen können gleich noch weitere Arbeitsgänge, wie etwa der Einzug eines Bewässerungsschlauches, mitgetätigt werden.

Nachteilig sei der Einsatz des Pflanzbohrers, wenn der Boden zu nass sei, denn dann bilde sich eine Schmierschicht. «Gut ist, dass die Erde durch den Bohrer nur lokal bewegt wird. Ein grosser Teil der Bodenstruktur bleibt erhalten. Das erschwert es auch den Mäusen», so Anderes.

Für den Einsatz der Pflanztechnik, wie hier der Grabenfräse, ist kein Traktor mit stufenloser Schaltung notwendig. (Bild: Lisa McKenna)

Anders bei der Grabenfräse, die Obstbauer Basil Hess für die Pflanzung nutzt. Durch die Eröffnung eines ganzen Grabens erleichtere man den Mäusen den Weg von Wurzel zu Wurzel. Einen klaren Vorteil sieht Hess hingegen in der Schnelligkeit der Arbeitsgänge.

Zunächst spannt er eine mit roten Kugeln versehene Schnur entlang der zu pflanzenden Reihe. Diese sorgt für Orientierung und eine gerade Pflanzreihe. An jeder dritten Kugel wird ein Baum gepflanzt. «Wichtig ist es, mittig und auf der richtigen Höhe zu fahren. Das erleichtert die spätere Bodenbearbeitung enorm», sagte Hess. Denn nicht nur die Kulturen haben im Obstbau eine lange Standzeit, sondern auch der Ärger darüber, wenn beim Pflanzen ungenau gearbeitet wird. 

Weiterlesen

  • Gemüsekulturen verursachen nicht immer die gleichen Kosten und können darum keinen fixen Preis haben. Damit verliert der Produzent an Wertschöpfung.

    Wenn im Gemüsebau jeder für sich kämpft, gewinnt der Handel

    Der Streit um langfristige Fixpreisverträge zeigt ein Grundproblem im Gemüsebau: viele einzelne Produzenten stehen wenigen, mächtigen Abnehmern gegenüber. Wie viel Solidarität braucht es, damit daraus kein ruinöser Verdrängungskampf wird?
    Show more
    ABO
  • Weil Landwirtschaft eigene Lösungen braucht

  • Fixpreise im Gemüsebau: VSGP warnt vor tiefen Offerten und vollem Risiko

    ABO