Die TVD wird erneuert, doch weil die Tierbestände sinken, droht eine Finanzierungslücke

Kaum eine Datenplattform geniesst bei den Bauern so viel Vertrauen wie die TVD. Am 23. Oktober geht sie in neuer Form online. Für die Tierhaltenden ändert sich wenig, im Hintergrund dafür umso mehr.

Wenn es eine Datenplattform gibt, die Landwirtinnen und Landwirte schätzen, dann ist es die Tierverkehrsdatenbank. Man klagt über Formulare, Kontrollen und Digiflux, über die TVD klagt man selten. Ein Kalb kommt zur Welt, ein paar Klicks, erledigt. Nun wird ausgerechnet dieses System umgebaut: Am 22. Oktober um 16 Uhr geht die TVD vom Netz, am 23. Oktober soll sie in neuer Form wieder da sein.

Nichts vorzubereiten

Die gute Nachricht vorweg: Die Tierhaltenden müssen für die Umstellung nichts vorbereiten. Die Meldepflichten bleiben dieselben, alle Daten werden übernommen, das Login läuft wie bisher über das Agate-Portal. Auch wer Dritten, etwa einer Zuchtorganisation, Zugriff auf seine Daten gewährt hat, muss nichts neu erfassen. «Die heute bestehenden und gültigen Datenfreigaben in der TVD werden übernommen», sagt Yanick Blaser, Mitglied der Geschäftsleitung der Identitas AG, die die TVD im Auftrag des Bundes betreibt.

Einzig ab dem späten Nachmittag des 22. Oktober ist Geduld gefragt. Ab 16 Uhr sind weder die TVD noch die TVD-App noch die E-transit-App erreichbar.

Das ist alles neu

Wer sich am 23. Oktober einloggt, landet auf einer Startseite, die sich nach der eigenen Rolle richtet und die wichtigsten Funktionen bündelt. Bei Rindern, Schafen und Ziegen erscheinen dort auch die letzten Meldungen und Begleitdokumente. Jede Tiergattung erhält eine eigene Übersicht; für Rinder, Schafe und Ziegen lässt sich zudem der Verlauf der Meldungen abrufen.

Einige Funktionen rücken dorthin, wo man sie braucht. Die Labelprüfung, also die Kontrolle, ob ein Tier die Anforderungen eines Labelprogramms erfüllt, ist neu direkt in die Abgangsmeldung eingebaut. Für Rinder lassen sich elektronische Begleitdokumente, sogenannte E-transit, direkt in der TVD erstellen, ohne Papier. Die Oberfläche der Webseite passt sich auch dem Handy an; für die Arbeit im Stall empfiehlt die Identitas aber weiterhin die TVD-App. Eine Version für Schafe und Ziegen soll im ersten Halbjahr 2027 folgen.

Neu können Rinderhaltende zudem elektronische Ohrmarken bestellen. Sie enthalten einen Funkchip, der sich mit einem Lesegerät oder mit Stalltechnik wie Fütterungsautomaten oder Melkrobotern auslesen lässt. Die Doppelohrmarke mit Chip kostet 8.50 Franken, jene ohne Chip 5.40 Franken. Der Einsatz ist freiwillig. Das unterscheidet die Rinder von den Schafen, bei denen die elektronische Ohrmarke ab 2020 schrittweise vorgeschrieben wurde.

Der Unterschied ergebe sich aus den gesetzlichen Vorgaben und den unterschiedlichen Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit, sagt Yanick Blaser. Schafe und Ziegen würden zudem häufig in Gruppen gehalten und verstellt, da ermögliche die elektronische Erkennung eine effiziente und zuverlässige Erfassung der einzelnen Tiere. Bei Rindern hingegen sei jedes Tier ohnehin seit vielen Jahren einzeln erfasst. Hier eröffne der Chip zusätzliche Möglichkeiten, etwa für die elektronische Tiererkennung und digital unterstützte Abläufe auf dem Betrieb. Ob eine Pflicht für Rinder ein Thema ist, lässt die Identitas offen.

Der TVD-Support ist wie gewohnt unter der Telefonnummer 0800 555 600 erreichbar.

Warum wird die TVD überhaupt umgebaut?

Weshalb aber baut man ein System um, das funktioniert? Ein Grund liegt in der Benutzeroberfläche. In einer Befragung Ende 2022 mit rund 11 500 Teilnehmenden zeigten sich 57 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden mit der TVD, gut ein Fünftel beurteilte sie jedoch als ungenügend. Kritik habe es einzig von sogenannten Wenignutzern gegeben, etwa Hobbybetrieben, die nur einmal im Jahr eine Meldung machen, sagte der damalige Verwaltungsratspräsident der Identitas, Manfred Bötsch, im Mai 2025 gegenüber der BauernZeitung. Eine Mehrheit wünschte sich eine einfachere und übersichtlichere Bedienung.

Der gewichtigere Grund liegt darunter. Rund 50 Systeme von Bund, Kantonen und weiteren Partnern tauschen heute Daten mit der TVD aus. Der Bund verlangt neu, dass diese Systeme einheitlich aufgebaut sind, man spricht von Datenharmonisierung: Alle sollen dieselbe «Sprache» sprechen, damit Informationen ohne Umwege und Übersetzungsfehler fliessen. «Die Erneuerung geht über Technik und Bedienung hinaus», betont Yanick Blaser.

Konkret unterscheidet die TVD künftig zwischen dem Betrieb vor Ort, dem Unternehmen dahinter und den Personen, die daran beteiligt sind. So lassen sich laut Blaser auch Betriebe mit mehreren Standorten oder mehreren Nutzenden korrekt abbilden. Die Tierhaltenden sehen neu zudem zwei zusätzliche Nummern: jene aus dem Betriebs- und Unternehmensregister, kurz BUR, und die Unternehmens-Identifikationsnummer UID, die jedes Unternehmen in der Schweiz erhält. Beide stammen aus Registern des Bundesamts für Statistik. Was nach Bürokratie klingt, soll den Datenaustausch mit den angebundenen Systemen auf eine einheitliche Grundlage stellen.

Probleme mit der Datenqualität, etwa bei Betrieben mit mehreren TVD-Nummern, sind der Identitas nach eigenen Angaben derzeit nicht generell bekannt. Konkrete Fälle prüfe man aber gerne, sagt Blaser.

Und wenn es schiefgeht?

Eine Datenbank, an der ein halbes Hundert Systeme hängen, mitten im Herbst umzustellen, ist kein kleiner Eingriff. Der Herbst ist Hochsaison der Viehbewegungen: Tiere werden an Märkten verkauft, umgestallt oder zur Schlachtung gebracht. Einen Plan B gebe es, versichert Yanick Blaser. Die Umstellung sei in den vergangenen Wochen intensiv vorbereitet und mit umfangreichen internen Tests begleitet worden, auch verschiedene Szenarien für mögliche Störungen habe man ausgearbeitet. Treten beim Start unerwartete Probleme auf, greifen klar definierte Abläufe. «Als letztmögliche Rückfalloption wurde zudem ein Szenario vorbereitet, mit dem auf die bisherige TVD-Umgebung zurückgewechselt werden könnte.»

Wer hat das Sagen über die Daten?

Eine Änderung betrifft nicht die Tiere, sondern die Daten. Wer bestimmen will, welche Organisation Einblick in seine TVD-Daten erhält, tut dies ab dem 23. Oktober nicht mehr in der TVD, sondern über agridata.ch. Über diese Plattform steuern Landwirtinnen und Landwirte, wer ihre Betriebsdaten erhält.

Bis zur Umstellung lassen sich die Freigaben weiterhin direkt in der TVD verwalten und entziehen. Danach können die Tierhaltenden sie auf agridata.ch einsehen und gegenüber den jeweiligen Organisationen widerrufen. «Damit behalten sie die Kontrolle über ihre erteilten Datenfreigaben», sagt Blaser. Auf welche gesetzliche Vorgabe sich der Wechsel stützt, beantwortet die Identitas nicht. Für weitere Fragen zu agridata.ch verweist sie an die Plattform selbst und an das Bundesamt für Landwirtschaft.

Weniger Tiere, weniger Geld

Mitfinanziert haben die Tierhaltenden die Erneuerung über ihre Gebühren. Als der Bundesrat die Tierverkehrsgebühren auf 2023 erhöhte, begründete die Identitas dies unter anderem mit der anstehenden technischen Erneuerung der TVD. Seit dem 1. Januar 2023 fliessen die Gebühren zudem direkt an die Identitas statt wie früher über den Bund. Im Gegenzug muss sie sämtliche Investitionen in neue technische Lösungen selbst finanzieren. «Mehr Autonomie, mehr Verantwortung – aber auch mehr Druck», bilanzierte Manfred Bötsch damals.

Was die neue TVD insgesamt gekostet hat, sagt die Identitas nicht. Die Gebühren dienten der Finanzierung des gesetzlichen Auftrags, also sowohl dem Betrieb als auch der Weiterentwicklung der TVD, hält Yanick Blaser fest.

Aufhorchen lässt dafür ein anderer Satz. Unabhängig von der Erneuerung stehe das heutige Finanzierungsmodell der TVD «zunehmend unter Druck». Ein wesentlicher Teil der Einnahmen hängt an gebührenpflichtigen Ereignissen wie Geburten und Schlachtungen. Weil die Tierbestände sinken, gehen diese Einnahmen jedes Jahr um rund 1,5 Prozent zurück. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an einen sicheren Betrieb, an die technische Weiterentwicklung und an die Einbindung der TVD in eine zunehmend digitalisierte Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. «Diese gegenläufige Entwicklung führt mittelfristig zu einer Finanzierungslücke», sagt Blaser.

Ob weitere Gebührenerhöhungen folgen, sagt die Identitas damit nicht ausdrücklich. Die Richtung ist trotzdem erkennbar: Weniger Tiere müssen künftig ein System tragen, das immer mehr leisten soll.

Und die Schweine?

Bei den Schweinen bleibt vorerst alles beim Alten. Sie werden in der TVD nicht einzeln erfasst, gemeldet werden nur die Zukäufe, und die Ohrmarke trägt die Nummer des Betriebs. Eine Einzeltier-Rückverfolgbarkeit sei bei Schweinen derzeit nicht vorgesehen, entsprechend gebe es auch keine Anforderung, einzelne Schweine elektronisch zu erfassen, sagt Yanick Blaser. Die neue TVD sei aber bewusst so gebaut, dass sie neue fachliche oder gesetzliche Anforderungen künftig flexibler aufnehmen könne. Ob die Politik diese Tür je öffnet, ist eine andere Frage.

Die TVD in Kürze

Die Tierverkehrsdatenbank ist ein Kind der BSE-Jahre. 1998 beschloss das Parlament im Rahmen der Agrarpolitik 2002 ein zentrales System, um den Lebensweg der Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung nachvollziehen zu können. 1999 wurde die Betreiberfirma gegründet, damals noch unter dem Namen Tierverkehrsdatenbank AG, heute Identitas AG. Einige Jahre später stand sie kurz vor dem Konkurs. Der Bund sprang ein und erhielt im Gegenzug die Aktienmehrheit, die übrigen Aktien gehören Organisationen der Vieh- und Fleischbranche. Seit dem Jahr 2000 werden alle Rinder in der TVD erfasst, 2011 kamen die Pferde dazu, seit 2020 gilt die volle Meldepflicht auch für Schafe und Ziegen. Bei Schweinen und Geflügel werden nicht Einzeltiere, sondern Tiergruppen gemeldet. Die Umstellung vom 23. Oktober ist Teil einer schrittweisen Erneuerung, die bis 2030 abgeschlossen sein soll.

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