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15 Jahre Radiesli in Worb: «Wir gehören zur produzierenden Landwirtschaft»

Seit 15 Jahren betreibt der Verein «Radiesli» in Worb erfolgreich solidarische Landwirtschaft. Statt Abos werden Ernteanteile verkauft.

«Ich bin sehr stolz», sagt Ursina Töndury im Rückblick auf das Fest, an dem der Verein Radiesli mit über 500 Besucherinnen und Besuchern sein 15-jähriges Bestehen feierte. «Stolz darauf, dass wir seit vielen Jahren so viele treue Menschen an unserer Seite haben. Stolz darauf, dass wir inzwischen so gut im Dorf verankert und viele wertvolle Verbindungen entstanden sind.» Was 2011 mit 0,65 Hektaren begann und sich unterdessen mit über 16 ha LN und einer treuen Stammkundschaft zu einem gut funktionierenden Betrieb entwickelt hat, ist keine Selbstverständlichkeit.

Sich Ernteanteile erarbeiten

Ursprünglich gestartet wurde das Radiesli von zwei Frauen, die sich solidarische Landwirtschaft vorstellten und in Worb BE Boden fanden für einen Anfang. Das Konzept der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) beteiligt die Konsumentinnen und Konsumenten an der Produktion. Statt eines reinen Gemüseabos kaufen die Konsumentinnen sogenannte Ernteanteile. Mit diesen verpflichtet man sich auch zu einer Arbeitsleistung. Diese wiederum ist abhängig von Art und Grösse des Abos. Die Verpflichtung bezieht sich jeweils auf das Kalenderjahr. Die Mitglieder arbeiten nach Möglichkeit unter der Woche mit. Vierzehntäglich finden auf dem Hof während der Erntesaison zudem sogenannte Aktionstage statt.

Mittlerweile um die 350 Abos

«Wir müssen uns schon gut vorbereiten und unsere temporären Mitarbeitenden gut anleiten, damit produktiv gearbeitet werden kann», führt Ursina Töndury aus, «diese Arbeitsleistungen sind sehr wichtig für unseren Betrieb, das sind gute Erntehelferinnen, die richtig Gas geben und supermotiviert sind.»

Die Teams sind oft sehr unterschiedlich; die Helfer und Helferinnen ergänzen sich meist gut. Neben den Sportskanonen gibt es auch Familien mit Kindern, die entsprechend eine andere Arbeitsleistung haben. Der Kundenkreis bewegt sich um die 350 Abos, davon zählen an die 70 % zur Stammkundschaft. Aktuell führen sie eine Warteliste.

Helferinnen beim Abpacken der bestellten Gemüsetaschen. (Bild: Raphaela Graf)

Bedarfslöhne werden gemeinsam diskutiert

«Dass wir so vielen Menschen die Landwirtschaft näherbringen können, sehen wir als wertvolle Aufgabe, von der alle profitieren können», erklärt Ursina Tödury, «wenn wir sehen, wie stark die Fronten vielerorts verhärtet sind, empfinden wir es als umso wichtiger, den Dialog zu suchen.»

Diskutieren ist für die Radiesli-Betreiber(innen): Die Hofgruppe besteht aus sechs Menschen, die in Teilzeit angestellt sind und bereits seit vielen Jahren dabei sind. Regelmässig wird sowohl über die Betriebsabläufe als auch über persönliche Befindlichkeiten und die Löhne diskutiert. Ihr Lohnkonzept orientiert sich einerseits am landwirtschaftlichen Richtlohn und andererseits am Bedarfslohn, das heisst, dass nicht alle gleich viel verdienen.

Dadurch, dass der Betrieb so breit abgestützt ist, ist es auch möglich, die Arbeitszeiten für die Kinderbetreuung anzupassen und beispielsweise am Morgen auch mal erst um neun Uhr zu starten. Auch freie Wochenenden oder Ferien während der Hauptsaison sind so möglich.

Hoher Verwaltungsaufwand

Im Radiesli gibt es keine Chefin, die die Entscheidungen fällt und Aufgaben verteilt; Grundsatzentscheide werden gemeinsam getroffen, die täglichen Arbeiten selbstverantwortlich umgesetzt. Grössere Krisen oder harte Brüche gab es bis anhin keine, das Konzept scheint zu gelingen.

Vielleicht liegt das auch daran, dass die Hofgruppe seit jeher hauptsächlich aus Frauen besteht. Doch der Verwaltungsaufwand ist mit diesem Betriebskonzept viel höher als auf Betrieben mit vergleichbarer Grösse. «Wir werden nicht müde, mit Menschen im Austausch zu sein, weil wir immer wieder merken, wie wertvoll das ist und wie stark es uns miteinander verbindet.»

Die Betriebsfläche konnte kontinuierlich vergrössert werden. (Bild: zvg)

«Herausfordernd war der Hofkauf im Jahr 2021», erinnert sich Ursina Töndury, «da war die Finanzierung nicht ganz einfach.» Schlussendlich konnte der Hof nicht zuletzt dank finanzieller Ressourcen aus dem Verein finanziert werden. Auch der Stallumbau konnte dank vieler Mikrodarlehen aus dem Verein realisiert werden. Dieses starke Mittragen zeigt sich auch bei anderen Aufgaben: Für die geplante Erneuerung ihrer Webseite werden sie von Mitgliedern unterstützt, die das beruflich machen.

Grosse Kontinuität im Team

Der Betrieb ist nach all den Jahren gut vernetzt, die Zusammenarbeit mit anderen Betrieben in Worb BE, etwa wenn es um das gemeinsame Nutzen einer Maschine geht, funktioniert gut. «Wir gehören zur produzierenden Landwirtschaft», führt Ursina Töndury aus, «und wir haben eine grosse Kontinuität.» Wenn es bei anderen Pionierprojekten immer wieder starke Fluktuationen gibt, zeichnet sich das Radiesli durch eine grosse Beständigkeit aus.

Im «Radiesli» werden auch Landwirtschafts-Lernende ausgebildet. Zudem stellen sie immer wieder geflüchtete Menschen in Teilzeit an, deren Lohn aus einem dafür eingerichteten «Solifonds» bezahlt wird. Ebenfalls sind regelmässig Praktikanten und Praktikantinnen im Betrieb, die ein Vorstudienpraktikum absolvieren, oder auch jemand, der eine Arbeitseingliederung macht. Solidarität bezieht sich hier auf alle Lebensbereiche.

Die «Berner Nachhaltigkeitstage» haben den Verein 2026 für die Initiierung eines Solawi-Stammtisches, der die verschiedenen Solawi-Projekte rund um Bern mit solidarischer Landwirtschaft verbindet, mit einem Preis ausgezeichnet. «Wir empfinden uns nicht als Konkurrenz zueinander, dieser Markt ist nicht gesättigt», sagt Töndury. An diesem Stammtisch trifft man sich alle zwei Monate, um etwa gemeinsame Werbeanlässe zu organisieren oder die Liefergebiete abzusprechen.

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