Vor vier Jahren hat Sascha* (*Namen geändert) den elterlichen Betrieb übernommen. Vor zwei Jahren zog seine Frau Anna* auf den Hof und seit einem Jahr macht ihre Tochter das Familienglück komplett. Die Eltern von Sascha leben heute im Stöckli und unterstützen die junge Familie gegen ein kleines Entgelt. Auf den ersten Blick scheint alles gut geregelt.
Die Mutter von Sascha mischt sich jedoch regelmässig in betriebliche Entscheidungen ein. Sascha wagt nicht, sich ihr zu widersetzen und den Betrieb so zu führen, wie er möchte. Immer wieder gibt es Differenzen zwischen Saschas Mutter und Anna. Wenn es Konflikte gibt, geben die Schwiegereltern Anna die Schuld. Die junge Frau fühlt sich zunehmend als Fremde auf dem Hof und zieht sich immer mehr in ihre Wohnung zurück. Von Sascha fühlt sie sich allein gelassen.
Die Ablösung ist ein wichtiger Schritt
Wenn junge Menschen eine eigene Familie gründen, ist das für alle Beteiligten ein bedeutender und herausfordernder Entwicklungsschritt – sowohl für die erwachsenen Kinder als auch für deren Eltern. Es kann vorkommen, dass die Verlustängste der Eltern unbewusst auf die Schwiegertochter übertragen werden.
Anna ist jung, hübsch und hat das Leben vor sich. Ist sie darum für die Mutter unbewusst eine Konkurrenz? Die Ablösung zwischen Eltern und Kindern ist ein fortlaufender Prozess und muss von beiden Seiten geschehen. Sascha und seine Mutter sind in der Ablösung stecken geblieben. Die Mutter muss ertragen und akzeptieren, dass sich ihr Sohn jetzt seiner neuen Familie zuwendet.
Mann muss sich klar positionieren
Zu einer gelungenen Ablösung gehört, dass Sascha die Loyalität gegenüber den Eltern hinterfragt und sie beizeiten auf die Partnerin überträgt. Das ist Sascha bisher nicht gelungen und er gefährdet damit seine Beziehung zu Anna. Nur wenn sich Sascha klar positioniert und für ihn die Beziehung zu Anna und das gemeinsame Kind an erster Stelle stehen, wird er seiner Verantwortung als erwachsener Mann und Vater gerecht.
Denn es ist seine Aufgabe, zusammen mit Anna einen stabilen Rahmen für die Beziehung zu schaffen und gemeinsame Regeln und Werte für die neue Familie zu entwickeln. Sich von den Eltern ablösen heisst, den eigenen Weg zu finden, unabhängig davon, ob die Eltern zustimmen oder nicht. Das erfordert Mut und innere Stärke.
Die Beratung öffnet die Augen
Während der Beratung wird Sascha klar, wie stark die Bindung zu seiner Mutter sein Handeln beeinflusst. Er realisiert, wie schlecht es Anna geht und dass sie dringend seine Unterstützung benötigt. Das junge Paar vereinbart Folgendes: Sie besprechen betriebliche Entscheidungen gemeinsam und Sascha vertritt sie dann gegenüber den Eltern. Er übt, klar zu kommunizieren und sich durchzusetzen, auch wenn seine Mutter anderer Meinung ist. Es ist Saschas Aufgabe, als Vermittler zwischen seiner Ursprungsfamilie und seiner neu gegründeten Familie zu wirken.
Immer mehr spürt Anna, dass Sascha an ihrer Seite steht. Die Konflikte werden seltener, auch weil Saschas Mutter zunehmend akzeptieren kann, dass die beiden nun ihre eigene Familie gegründet haben. Sascha übernimmt jetzt die Verantwortung für seine Partnerschaft und seine Familie. Er weiss, das hat oberste Priorität. Gleichzeitig ist ihm wichtig, den Kontakt zu seiner Ursprungsfamilie wertschätzend zu gestalten.
Er hat gelernt, dass er sich von der Mutter lösen kann und trotzdem mit ihr verbunden bleibt. Eine gesunde Ablösung ermöglicht eine reife Beziehung zu den Eltern. Eine Beziehung auf Augenhöhe, die frei ist von Hierarchie, Abhängigkeit oder Schuld.

Zur Person
Doris Brönnimann ist Bäuerin und psychosoziale Beraterin SGfB. Den Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Bern übergaben sie und ihr Mann vor einiger Zeit der nächsten Generation. In ihrer Praxis in Köniz BE unterstützt sie Menschen bei persönlichen Schwierigkeiten, Sinnkrisen oder bei zwischenmenschlichen Konflikten. In loser Folge schreibt sie über ihren Beratungsalltag.

