Es ist ein Satz, den Dani Ritler mehrmals sagt, in verschiedenen Zusammenhängen, aber immer mit derselben Überzeugung: Man müsse dem Leben ein bisschen vertrauen. Nicht als frommer Spruch, sondern als Haltung, mit der er sein ganzes bisheriges Leben bestritten hat – und die ihm nach dem Verlust seines Hofes half, nicht stehen zu bleiben.
Über den Bergsturz vom 28. Mai 2025, der Blatten unter sich begrub und auch Ritlers Betrieb zerstörte, hat die Bauernzeitung bereits berichtet. Geblieben von jenem Tag ist ihm vor allem die Erinnerung an 40 Sekunden, die er sich seither unzählige Male im Video angeschaut hat – 40 Sekunden, die sein Lebenswerk auslöschten.
Was seither geschah, ist weniger bekannt: Dani Ritler und seine Partnerin Karin haben sich entschieden, nicht als Landwirte weiterzumachen, sondern in Ferden VS ein Hotel zu eröffnen.
Immer selbstständig, nie ganz abgesichert
Dass die beiden diesen Schritt wagen, überrascht jene nicht, die Dani Ritlers Werdegang kennen. Nach der Schule lernte er Dachdecker und Spengler, arbeitete zwei Jahre in Bern – bis ihn das Grau des Mittellandes zurück ins Wallis trieb. «Ich hatte als Kind schon immer in der Landwirtschaft geholfen und hatte das Gefühl, ich brauche wieder mehr Bezug dazu», sagt er.
Er kaufte sich vier Schafe, baute einen Stall, übernahm nach dem Lawinenwinter 1999 einen beschädigten Betrieb und stellte ihn 2002 auf Bio um. Als seine Partnerin Karin Ritler, gelernte Köchin, 2005 dazukam, brachte sie ihre Erfahrung aus der Gastronomie mit ein. Aus gemeinsamen Tavolatas im Keller wurde über die Jahre ein Nebenerwerb mit Catering, Übernachtungsangeboten und einem Kiosk am Autoverlad Goppenstein.
«Wir waren immer selbstständig, denken anders», sagt Dani Ritler dazu. «Wir sind es gewohnt, dass nicht immer alles abgesichert ist. Ein gewisses Risiko, ein gewisser Druck, das gehört dazu.» Diese Grundhaltung – dass man nicht auf Absicherung, sondern auf die eigene Anpassungsfähigkeit setzt – ist es auch, die ihn und Karin nach dem Bergsturz nicht in die Frühpension, sondern in ein neues Unternehmen trieb.
Eine Leere – und die Entscheidung, sie zu füllen
«Auf dem Land, auf dem ich gelebt und gearbeitet habe, werde ich nie mehr produzieren können», sagt Dani Ritler über die Zeit nach dem Bergsturz. Er beschreibt eine grosse Leere, aber gleichzeitig das Gefühl, dass vor ihm und Karin die ganze weite Welt liege. Sie stellten alles infrage – auch, ob sie überhaupt im Lötschental bleiben wollten, oder ob ein Neuanfang in Norwegen oder Schweden nicht ebenso denkbar wäre. «Diese Offenheit war uns eine grosse Hilfe.»
Die Wahl fiel schliesslich auf ein leerstehendes Hotel in Ferden. Die beiden entschieden sich für den Kauf, lange bevor ein Businessplan stand – ein Vorgehen, das selbst ihrem Businessplaner Respekt einflösste. Der Buchhalter reagierte zunächst skeptisch: «Ihr wisst schon, wie alt ihr seid?», habe er gefragt.
Mit 58 respektive 57 Jahren hätten sich die beiden ebenso gut zur Ruhe setzen können. Für Ritler war das nie eine Option. «Die Pensionierung ist bei uns nicht so fixiert», sagt er. Und: «Du musst etwas machen, bei dem du zufrieden bist. Es geht immer irgendwie weiter.»
Kein fixer Plan, aber Vertrauen in den Prozess
Dieses Vertrauen zeigt sich auch darin, wie das Hotel «Zeitlos» entsteht: ohne Architekten, ohne festgelegte Pläne für Böden oder Farben. «Das muss entstehen und wachsen», sagt Dani Ritler. Gestaltung und Konzept liegen dabei vor allem in Karin Ritlers Händen – Zimmer für Zimmer entscheidet sie, was passt. Mitte August, gut fünf Monate nach Baubeginn, sind sieben der zehn Zimmer fast fertig. Ein klassisches Restaurant wird es nicht geben – stattdessen Tavolatas und Nachtessen auf Vorbestellung, bewusst als Entlastung konzipiert. Die Eröffnung ist für die Wintersaison geplant.
Auch beim Blick auf die Landwirtschaft im Tal, die er als Präsident der Genossenschaft für die Bewirtschaftungsarrondierung im Lötschental weiterhin mitgestaltet, spricht Ritler von einer Aufgabe für Leute, die Vertrauen in eine langfristige Investition haben müssen: Es brauche vier oder fünf junge Betriebsleiter, die bereit seien, in neue Ställe zu investieren – Ställe, die heutigen Tierschutz- und Sicherheitsauflagen genügen. Bevor überhaupt geplant werden könne, müsse erst geklärt werden, wo künftig noch gebaut werden dürfe. «Das ist eine längerfristige Angelegenheit – etwas für die Jungen, die noch mehr Zeit vor sich haben.»
Grosse Solidarität im In- und Ausland erfahren
Für sich selbst hat Dani Ritler diese Rechnung anders gemacht. Menschen, die am Tisch sässen und sagten «man sollte», seien oft jene, die es dann nicht umsetzten, findet er. «Es geht darum, zu sagen: Wir tun. Nicht: Man sollte.»
Getragen hat ihn dabei auch die Solidarität, die er seit dem Bergsturz erfahren hat – aus der ganzen Schweiz und dem Ausland. Als er und Karin einen Monat nach dem Unglück auf Distanz in Österreich waren, wurden sie, kaum dass man erfuhr, woher sie kamen, kurzerhand eingeladen und mit Gutscheinen beschenkt. «Wir empfinden grosse Dankbarkeit für die Solidarität aus der ganzen Schweiz und auch dem Ausland.»
Eine Trauerzeit brauche es, sagt Dani Ritler zum Schluss – aber die müsse auch irgendwann vorbei sein. «Sonst verlierst du Jahre.» Es geht um Unternehmertum, sagt er. «Man muss dem Leben auch ein bisschen vertrauen.»

