Es geschieht im September 2026 auf der gewohnten Strasse im Kiental BE. Ein Rind schert aus der Herde aus, zwei weitere folgen. Die drei Tiere stürzen in die Griessschlucht und verschwinden aus dem Blickfeld des Bauern. Er alarmiert die Rega.
Die Schlucht haben Gletscher tief und steil ins Gestein gefräst. Sie ist verwinkelt, Felsüberhänge versperren die Sicht von oben. Aus der Luft lassen sich die Tiere weder finden noch bergen, zudem machen Kabel, die quer über das Tal gespannt sind, einen Helikopterflug gefährlich. Der Einsatzleiter der Alpinen Rettung Schweiz (ARS) entscheidet sich deshalb für eine Bergung zu Fuss, oder besser: am Seil. Im Einsatz stehen «Rettungsspezialisten Canyoning», die für Einsätze in engen Bachläufen und Schluchten ausgebildet sind.
Mit dem Wasser arbeiten statt dagegen
Zwei Retter seilen sich mehrmals ab, bis sie oberhalb eines Wasserfalls stehen. Ein Rind hat das Wasser bereits rund 20 Meter tiefer ins Bachbett gespült. Die beiden anderen liegen in einer Art Höhle mitten in der Schlucht, in einem Wasserbecken.
Wie bewegen zwei Menschen zwei Tiere von je 500 bis 700 Kilogramm? Die Retter setzen einen sogenannten Floating Bag ein, einen Sack, der sich mit Wasser füllt und die Strömung als Zugkraft nutzt. So bringen sie die Rinder ins nächste, tiefer gelegene Becken. Dort bleiben die Kadaver aber in einer Engstelle direkt vor dem Wasserfall stecken. Mit den vorhandenen Mitteln geht es nicht weiter.
Kraftwerk abgestellt, Seile gespannt
Am zweiten Tag rückt das Team mit zwei zusätzlichen Spezialisten an. Nun steht die Ablaufleitung eines privaten Wasserkraftwerks im Weg, sie mündet direkt oberhalb des Beckens. In Absprache mit dem Betreiber wird das Kraftwerk kurz abgestellt.

Die Retter spannen mehrere Seile von der Höhle quer durch die Schlucht bis in den Wald auf der Gegenseite auf. Damit heben sie die Tiere an, ziehen sie zur Seite und lassen sie über den Wasserfall ab. Alle drei landen unten im Bachbett.
Am 60-Meter-Seil zur Strasse
Für den letzten Abschnitt kommt doch noch der Helikopter zum Zug: Die Crew des Rega-Trainingshelikopters, eines Airbus H125, fliegt die Kadaver einzeln an einem 60 Meter langen Seil zur nächsten Strasse. Einfach ist auch das nicht. Nach den Gewittern der Vortage führt der Bach viel Wasser, und der Nebel hängt tief. Von der Strasse aus werden die Tiere zur Entsorgung abtransportiert.
Für die Rega ist die Berglandwirtschaft nicht nur Randthema: Ihre Einsatzzentrale organisiert jedes Jahr rund 1700 Einsätze für Bergbauernbetriebe, meist Transporte von verletztem oder totem Vieh. Ein Einsatz wie jener in der Griessschlucht ist allerdings auch für sie aussergewöhnlich.

