Der Sommer 2026 war für die Schweizer Kartoffelbranche ein Schock. Rekordtiefe Erträge, eine Fehlmenge von 130 000 Tonnen, die tiefste Gesamternte seit 100 Jahren. Die Trockenheit und Hitze haben in diesem Jahr sichtbar gemacht, was Swisspatat schon länger sagt: Die Kartoffel gerät unter Druck. Die Antwort der Branche darauf ist vor allem eine: robuste Sorten. Doch die Zeit drängt.
«So viel Zeit haben wir nicht»
«Die Entwicklung einer Sorte dauert mit herkömmlichen Methoden 12 bis 15 Jahre», sagte Swisspatat-Präsident Urs Reinhard an einer Medienkonferenz am 3. September in der Zürcher Wasserkirche. «So viel Zeit haben wir nicht.» Der Klimawandel schreite nun schneller voran, als sich neue, robuste Kartoffelsorten auf herkömmlichem Weg züchten liessen.
Seit 2024 hat Swisspatat mit dem Bund eine freiwillige Zielvereinbarung: Bis 2040 sollen 80 Prozent der Schweizer Kartoffeln aus robusten Sorten stammen. Mit klassischer Züchtung, so die Botschaft, sei dieses Ziel schlicht nicht zu erreichen.
Auffällig an der Medienkonferenz: Die schlechten Erntezahlen des Sommers dienen der Branche nicht nur als Klage, sondern unübersehbar auch als Argument. Der Extremsommer bietet Gelegenheit, eine seit Jahren bestehende Forderung mit neuer Dringlichkeit zu erheben: die Zulassung von CRISPR/Cas in der Schweiz, die wegen des Gentech-Moratoriums derzeit nicht möglich ist.
Ob man CRISPR-Cas als «Gentechnik» oder als «neue Züchtungsmethode» bezeichnet, ist dabei selbst Teil der politischen Auseinandersetzung – nach heutigem Gentechnikgesetz gilt die Methode als Gentechnik, die Branche und Teile der Wissenschaft bevorzugen den neutraleren Begriff, um sie von klassischer Gentechnik mit Fremd-DNA abzugrenzen.
Gleiche Regeln wie in der EU
Wie berechtigt diese Dringlichkeit ist, lässt sich zumindest für die Klimaseite der Argumentation nachprüfen. Die Klimaszenarien des Bundes (CH2018, aktualisiert durch Klima CH2025) rechnen für die «nahe Zukunft» um 2035 – der nächstliegende Vergleichswert zu Urs Reinhards Zielhorizont 2040 – mit einer Erwärmung von 0,6 bis 1,9 Grad gegenüber der Referenzperiode 1981–2010. Das Fünf-Jahres-Mittel der Schweizer Jahrestemperatur 2021–2025 liegt bereits bei 6,9 Grad – rund 1,5 Grad über dieser Referenz.
Die für Mitte der 2030er-Jahre modellierte Erwärmung ist damit grösstenteils schon eingetreten, rund ein Jahrzehnt früher als vorhergesagt. Genaue Zahlen konnte Reinhard an der Medienkonferenz aber nicht nennen. Klar sei jedoch, dass schon in naher Zukunft damit zu rechnen sei, dass Verhältnisse wie im Sommer 2026 immer häufiger Realität würden.
Konkret fordert Reinhard, dass bei neuen Züchtungsverfahren für die Schweiz dieselben Zulassungsregeln gelten wie in der EU. «Wir sind uns bewusst, dass das nicht allen gefällt», sagte er. «Wir fordern deshalb nicht mehr, als dass in der Schweiz in Zukunft die gleichen Regeln gelten wie in der EU. Es darf hier keinen ‹Swiss Finish› geben.» Bringen die EU-Länder neue, mit CRISPR/Cas gezüchtete Sorten auf den Markt, drohe der Schweizer Kartoffelbranche der Anschluss zu fehlen.
Robust ist nicht gleich robust
Dass das nicht nur Verbandsrhetorik ist, machte Agroscope deutlich. «Die Züchtung kommt nicht mehr nach mit dem Klimawandel», sagte Etienne Bucher, Leiter der Forschungsgruppe Genomdynamik der Pflanzen. Zusammen mit den Universitäten Wageningen (Niederlande) und der Schwedischen Landwirtschaftsuniversität SLU arbeitet er im Projekt CRISPS an trockenheits- und krankheitsresistenten Sorten – konkret an Désirée, Erika und Innovator. Mit CRISPR/Cas lassen sich gezielt einzelne Gene ein- oder ausschalten, ohne fremde DNA einzubringen. «Diese Mutationen könnten auch spontan geschehen», sagt Bucher – der Unterschied zur klassischen Züchtung liege vor allem darin, dass weniger unerwünschtes «Hintergrundrauschen» mittransportiert werde.
Was «robust» überhaupt bedeutet, präzisierte Agroscope-Forscherin Mout De Vrieze: Es geht um Krankheitsresistenz, aber auch um Trockenstress und Hitzestress – «wobei das nicht dasselbe ist». Trockenstress lasse sich mit Bewässerung angehen, Hitzestress nicht. Und Robustheit gegen die Kraut- und Knollenfäule sei nicht automatisch auch Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen Faktoren.
De Vrieze hat mit ihrem Team deshalb rund 40 unterschiedliche Einzelmerkmale im Blick. Auch sie bestätigt den Zeitdruck, unter dem die Forschung bei der Züchtung robuster Sorten ständig steht: Nicht nur der Klimawandel schreitet voran, auch der Erreger der gefürchteten Kraut- und Knollenfäule entwickelt sich dank Mutation und Auslese ständig weiter – und stellt damit die Robustheit einer einmal entwickelten Sorte stets aufs Neue auf die Probe.
Flächendeckend Zugang zu Wasser gefordert
«Es gibt keine Einzelmassnahme, die alle Probleme löst», sagte Niklaus Ramseyer, Präsident der Schweizerischen Kartoffelproduzenten. «Wir brauchen den ganzen Werkzeugkasten: funktionierender Pflanzenschutz, robuste Sorten und damit moderne Züchtungsmethoden, und Zugang zu Wasser.» Auch er stellt sich hinter die Forderung nach gleichen Züchtungsregeln wie in der EU – aus Produzentensicht ergänzt er sie aber um eine zweite, ebenso dringliche Forderung: flächendeckenden Zugang zu Wasser für den Kartoffelanbau.
Zahlen dazu liefert Christian Bucher, Geschäftsführer von Swisspatat: Wo bewässert wurde, lag der Ertrag diesen Sommer 55 Prozent höher. Die Kartoffel hat ihr Wachstumsoptimum bei 20 Grad – der Hitzesommer war denkbar ungünstig. Die Folge: der tiefste Hektarertrag seit 60 Jahren, die tiefste Gesamternte seit 100 Jahren (die längere Rekordspanne bei der Gesamternte erklärt sich durch die seither deutlich geschrumpfte Anbaufläche), eine Fehlmenge von 130 000 Tonnen. «Das muss uns zu denken geben», so Bucher, «Anpassungsmassnahmen sind nötig.»
Auch die Schwankungsbreite der Ernten von Jahr zu Jahr habe deutlich zugenommen – eine Herausforderung für alle nachgelagerten Akteure, die auf Planbarkeit angewiesen sind. Bucher betont zugleich: Eine eigentliche Kartoffelkrise drohe nicht. Möglich sei aber, dass Pommes Frites und Chips nun vorübergehend etwas kleiner und ein paar Rappen teurer werden.

