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Zwischen Stall und SVP-Parteipräsidium: Wie Marcel Dettling Hof und Politik unter einen Hut bringt

Vom Ybrig ins Bundeshaus: Der Bergbauer aus Oberiberg SZ erzählt, wie seine Kindheit, die Arbeit im Stall und frühe Verantwortung seinen Umgang mit Druck geprägt haben.

Für die Landwirtschaft ist es entscheidend, dass sich Bäuerinnen und Bauern an den politischen Entscheidungsprozessen beteiligen. Sich politisch zu engagieren, ist für Selbstständige und insbesondere Landwirte aber eine Herausforderung. Politische Ämter beanspruchen nicht nur Zeit, sie können auch mental fordern. Beispiele wie SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer, die sich Anfang dieses Jahres wegen grosser Erschöpfung fünf Monate zurückzog, zeigen, dass die Politik und ein hektischer Alltag einen Menschen sogar überfordern können. Wie macht das Marcel Dettling, der nicht nur SVP-Parteipräsident ist, sondern auch einen Landwirtschaftsbetrieb führt und eine junge Familie hat?

Marcel Dettling, nicht selten trifft man Sie an regionalen bäuerlichen Versammlungen zu später Stunde am letzten noch besetzten Tisch. Kommen Sie als Bauer zu selten vom eigenen Hof weg?

Dass ich gerne verhocke, ist schon ein Laster von mir. Aber ich geniesse solche Treffen mit Gleichgesinnten aus der Landwirtschaft auch. Nicht selten treffe ich wieder alte Bekannte aus meiner Ausbildungs- und Jungzüchterzeit. Man kann gemeinsam fachsimpeln und über betriebliche Herausforderungen diskutieren. Auch wenn politische Themen angesprochen werden, stehen diese für einmal nicht im Vordergrund.

SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer machte im letzten Winter wegen schwerer Erschöpfung eine längere politische Auszeit. Wann kommen Sie als Präsident der grössten Partei der Schweiz an Ihre Grenzen?

Wegen meines politischen Engagements kam ich bisher noch nie wirklich an meine Grenzen. Gibt es allerdings in meinem Stall grössere Probleme oder ist ein Tier krank, belastet mich das schon auch. Schnell an meine Grenzen kommen würde ich wohl bei einem familiären Schicksalsschlag. Glücklicherweise gab es in meiner Familie schon länger kein schwerwiegendes gesundheitliches Ereignis mehr. So etwas würde bei mir wohl schnell ein Gefühl der Ohnmacht auslösen.

Aber die Politik selbst belastet Sie nie? Sind Sie vor einer Arena-Diskussion nicht sehr nervös?

Wenn ich von politischen Anlässen nach Hause komme und die Autotür schliesse, lasse ich das alles hinter mir. Ich kann mich sehr gut abgrenzen und schlafe auch immer gut. Vor einem wichtigen Fernsehauftritt bin ich sicher auch etwas angespannt, aber nervös werde ich deshalb nicht. Da kommt bei mir vor der Ybriger Viehschau, bei der meine Kühe rangiert werden, schon mehr Aufregung auf.

Die Herbst-Viehschau im Ybrig ist für Marcel Dettling wichtig. An diesem Tag ist er aufgeregter als vor einem TV-Auftritt. (Bild: Reto Betschart)

Woher kommt diese Gelassenheit?

Das hat wohl mehrere Gründe. Ein Punkt ist sicher der Mix aus Politik und meiner Arbeit auf dem eigenen Landwirtschaftsbetrieb. Wenn ich im Stall bin oder Zäune erstelle, sind meine Gedanken meist weit weg von politischen Geschäften, da stehen unsere Tiere und die Arbeit im Vordergrund. Ein weiterer Grund ist, dass ich schon früh lernen musste, Verantwortung zu übernehmen und mit Druck umzugehen. Meine Mutter verstarb, als ich zwölf Jahre alt war. Mein Bruder war damals noch ein Kleinkind. Trotz grosser Unterstützung forderte das meinen Vater, meine drei Schwestern und mich stark. Alle mussten im Haus, auf dem Feld und im Stall anpacken. Wir Kinder konnten nicht bei jedem Problem jemanden fragen, sondern mussten versuchen, die Probleme selbst zu lösen. Das machte uns früh selbstständig.

Apropos Familie: Haben Sie für Ihre drei Kinder im Schulalter genügend Zeit?

Es gibt sicher Väter, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Das Leben auf einem Landwirtschaftsbetrieb hat aber den Vorteil, dass Arbeitszeit auch gemeinsame Familienzeit sein kann. Zusammen Tiere zu betreuen, ist eine wertvolle gemeinsame Erfahrung. Zudem ist mir der Sonntag heilig, da nehme ich nur selten Termine an. Entsprechend gehen wir an schönen Sonntagen auch in die Berge. Wenn es möglich ist, begleite ich meine Kinder auch zu Auftritten ihrer Ländlermusik-Formation.

Jugendliche, aber auch Spitzensportler oder Politiker erwähnen vielfach den Druck durch die sozialen Medien. Wie verfolgen Sie die Diskussionen in den sozialen Medien, in denen Ihre Person ja nicht selten im Mittelpunkt steht? Belastet Sie das auch?

Ich verfolge solche Debatten selten direkt, erhalte aber immer wieder Hinweise zu Diskussionen über meine Person und Politik. Auf anonyme Wortgefechte im Internet lasse ich mich natürlich nicht ein. Auf Kritik, die mich persönlich erreicht, bin ich auch schon eingegangen. Ich habe dabei zwecks Meinungsaustausches auch schon ein persönliches Treffen im Bundeshaus vorgeschlagen. Aber Leute, die in der Anonymität noch sehr angriffslustig auftreten, verlieren oft schnell den Mut bei der Aussicht auf einen persönlichen Austausch. Von den sozialen Medien geht meiner Meinung nach eine weitere Gefahr aus. Der exzessive Konsum frisst grosse zeitliche Ressourcen, die dann im Alltag fehlen, was wiederum zu Überlastung führen kann. Und auch der Blick auf das Wesentliche im Leben geht verloren, wenn man zu viel Zeit in den sozialen Medien unterwegs ist.

Und im realen Leben: Wie erleben Sie als Politiker des rechten Lagers Diskussionen mit politisch Andersdenkenden? Gibt es da viel Austausch oder geht man sich da einfach aus dem Weg?

In der Politik muss man laufend mit Menschen zusammenarbeiten, die eine völlig andere Weltanschauung haben. Entsprechend muss man sich am Schluss immer wieder zusammenraufen können. Ich versuche darum, mit möglichst allen mehr oder weniger auszukommen. Da kommt mir wohl zugute, dass ich schon im Schulalter im Hoch-Ybrig in der Gastronomie arbeitete. Ich kam mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt und lernte, dass man mit einer offenen Kommunikation oft weiterkommt und diese sich auch auszahlt.

Wie stark sind Sie als Nationalrat und SVP-Präsident überhaupt noch im eigenen Betrieb engagiert?

Ohne meine Frau Priska, die mir auf dem Betrieb den Rücken freihält, wäre es nicht möglich, so viel Zeit in die Politik zu investieren. Dennoch will ich möglichst oft auf dem Betrieb arbeiten. Ausserhalb der Sessionszeit in Bern bin ich fast jeden Morgen im Stall und melke unsere Kühe selbst. Das geht gut, da politische Termine selten vor 9 Uhr angesetzt sind. Die Wochenplanung auf dem Hof machen meine Frau und ich gemeinsam. Die Mitarbeiterinnenführung managt meine Frau Priska; wir haben eine Landwirtin in einem 30-Prozent-Pensum angestellt. Dank der heutigen Kommunikationstechnik können meine Frau und ich notfalls auch einmal während einer Session kommunizieren. Über WhatsApp habe ich sie auch schon einmal aus dem Nationalratssaal heraus angeleitet, den Kreisler am Traktor anzuhängen.

Die Natur zeigt sich aktuell von ihrer unbarmherzigen Seite. Viele Landwirte in der Schweiz wissen kaum, wie sie ihre Tiere im kommenden Winter durchfüttern sollen. Das Ybrig gilt als ziemlich raue Gegend. Wie prägt Sie die Natur?

Wie alle Landwirtinnen und Landwirte sind auch wir von Natur und Wetter geprägt. Als ich achtjährig war, gab es auf unserem Heimet infolge starker Gewitter grosse Erdrutsche. 80 Prozent unseres Kulturlands waren betroffen. Wir haben damals zum Glück grosse Solidarität von anderen Bauern erfahren dürfen. Auch das Militär und der Kanton unterstützten unsere Region. Landwirte aus dem Gebiet Immensee und Arth lieferten uns Heu für unser Vieh. Einige Jahre später halfen die Ybriger Bauern beim Aufräumen in Arth, als diese von grossen Murgängen betroffen waren. Diese Solidarität ist auch in diesem Sommer wieder wichtig. Deshalb nehme ich Kühe von einem Bauern in die Fütterung, der wenig Heu hat wegen der Trockenheit.

Im Kontext der Klimaveränderung werden Sie oft zitiert. Gerade Ihre Aussage, die Veränderung habe für die Landwirtschaft in Ihrem Gebiet auch positive Punkte, wurde in den letzten Wochen oft aufgenommen. Hat der Sommer 2026 Ihre Haltung verändert?

2026 ist ein extremer Sommer. Neben den sehr hohen Temperaturen haben wir auch extrem wenig Niederschlag, was zu sehr vielen Schäden und Ausfällen führt. Im letzten Jahr hatten wir ein sehr gutes Jahr mit guten Erträgen. Die Tiere konnten lange auf der Weide bleiben. Und so war es auch mehrmals in den Jahren zuvor. Man muss die Gesamtsicht wahren. Ich bleibe dabei: Im Normalfall ist der Klimawandel nicht nur negativ. Was aber viel wichtiger ist: Wir in der Schweiz verändern das Klima nicht. Wir müssen uns vernünftig und möglichst schnell anpassen.

Marcel Dettling bewirtschaftet zusammen mit seiner Familie und einer Teilzeitangestellten in Oberiberg einen Bergbetrieb. (Bild: Reto Betschart)

Ein Bergbauer mit vielen Engagements

Der 45-jährige Schwyzer Landwirt Marcel Dettling ist im November 2015 in den Nationalrat gewählt worden. Seit 2024 ist er zudem Parteipräsident der SVP Schweiz. Im schwyzerischen Oberiberg führt er mit seiner Familie einen Bergbauernbetrieb mit 28 Hektaren. Im Stall stehen rund 17 Milchkühe und 50 Schafe. Neben seinen verschiedenen politischen Mandaten ist er auch Verwaltungsrat der Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost und Präsident des Schweizer Kälbermäster-Verbandes.

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