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«Wo er Häuser sah, sah ich Weizen», erinnert sich Lukas Barth

Lukas Barth ist Leiter Nachhaltigkeit bei IP-Suisse. Ende Jahr verlässt er die Labelorganisation und geht zurück zum Bundesamt für Landwirtschaft, wo er sich mit der künftigen Agrarpolitik und der Klimastrategie 2050 beschäftigen wird.

Während seines ganzen beruflichen Werdegangs hat sich Lukas Barth mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft beschäftigt. Aktuell ist Barth Leiter Nachhaltigkeit bei IP-Suisse und tritt demnächst eine neue Stelle im Fachbereich Agrarpolitik und Strategieentwicklung beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) an, die für die weitere Agrarpolitik prägend sein wird. Unter anderem geht es um die Umsetzung des Postulatsberichts zur zukünftigen Ausrichtung der Agrarpolitik oder der Klimastrategie 2050. Zeit für ein Gespräch über Konzepte, Messgrössen und die Wahlfreiheit.

Wie haben Sie selbst beruflich und persönlich zum Thema Nachhaltigkeit gefunden?

Lukas Barth: Ich bin auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen und die Gespräche mit meinem Vater etwa über den Bodenschutz haben mich enorm geprägt. Er sprach über die Verantwortung, den Betrieb einmal an die nächste Generation weiterzugeben. Das ist das Selbstverständnis eines Bauern. Ein Teil unserer Flächen war Pachtland, die überbaut wurden. So etwas tut mir weh und ich habe oft mit dem Landbesitzer gesprochen. Wo er Häuser sah, sah ich Weizen.

Vor 23 Jahren haben Sie im Rahmen Ihrer Diplomarbeit eine Nachhaltigkeits-Analyse auf Betriebsebene entwickelt, heute bekannt als RISE. Waren Sie Ihrer Zeit voraus?

Der Anstoss für diese Fragestellung kam von Nestlé. In Brasilien haben wir dann auf zwei Betrieben für Kaffee, Kakao und Palmherzen in den drei Nachhaltigkeits-Dimensionen die relevanten Themen gesucht. Nachhaltigkeit auf Ebene Landwirtschaftsbetrieb zu betrachten, das war neu. Durch diese Arbeit wurde mir klar, dass man Nachhaltigkeit immer im Kontext verstehen muss.

Sie haben mehrere Nachhaltigkeits-Konzepte erarbeitet, z. B. für Elsa, später für IP-Suisse. Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit bei IP-Suisse?

Bei der IP-Suisse pflegen wir zu sagen, wir sind Nachhaltigkeit (lacht). Im Ernst; die Labelorganisation gibt es, weil einige Bauern vor 30 Jahren einen eigenen Weg zwischen konventioneller Landwirtschaft und Bio gehen wollten. Nicht weil Bio nicht gut wäre – Bio ist sehr interessant in Bezug auf Nachhaltigkeit. Aber man setzte sich das Ziel, umweltfreundlich möglichst effizient zu produzieren. Eine hohe Produktivität mit möglichst geringem Hilfstoffeinsatz und mit Respekt vor dem Tier, das war die Idee. Wichtig war auch immer die Ausrichtung auf den Markt, daher ist IP-Suisse sektoral unterwegs. Man will produzieren, was der Markt nachfragt.

Bei Elsa haben Sie das Programm «Nachhaltige Milch Migros» erarbeitet. Was ist daraus geworden?

Das Programm ist zugunsten der Wiesenmilch eingestellt worden. Bei Elsa war der Auftrag, zusammen mit Produzenten ein Programm zu entwickeln. Das Konzept kam auch bei den Bauern gut an, u. a., weil mit bekannten Messgrössen gearbeitet wurde.

Mit welcher Messgrösse etwa?

Bei der Lebtagesleistung beispielsweise gibt es viele Synergien zugunsten der Nachhaltigkeit. Da ist die Wirtschaftlichkeit, wenn die Aufzuchtkosten mit einer langlebigen Kuh auf möglichst viele Kilo Milch verteilt werden können, natürlich mit einer standortangepassten Laktationsleistung. Eine hohe Lebtagesleistung ist auch der wichtigste Hebel, um eine Kuh klimafreundlicher zu machen. Weil so der Methanausstoss pro Kilo Milch sinkt. Zudem integriert der Indikator die Langlebigkeit, was bedeutet, dass eine Kuh gesund sein muss. Ausserdem macht es Freude, so zu produzieren. So sind mit einem einzigen, in der Branche bekannten Indikator zentrale Nachhaltigkeitsdimensionen abgedeckt.

Hat es in der klimaneutralen Schweiz Platz für Milchkühe?

Unbedingt. Die Schweiz ist prädestiniert für die Milchproduktion und die Kuh kann Grünland in hochwertige Nahrungsmittel veredeln. Die natürlichen Voraussetzungen wie Bodengründigkeit und Niederschlag sind vielerorts ideal. Wichtig ist dabei eine standortangepasste Intensität, wozu eine angepasste Genetik der Milchkühe die Voraussetzung ist. Es gibt allerdings ein Missverständnis zur «klimaneutralen Landwirtschaft».

«Es gibt keine klimaneutrale Landwirtschaft.»

Lukas Barth über das Missverständis, was an Emissionen reduzierbar ist.

Das wäre?

Es gibt keine klimaneutrale Landwirtschaft, das sagt nicht einmal der Bundesrat. Die Landwirtschaft emittiert Treibhausgase und sie ist fähig, über technische Optimierungen diese zu reduzieren – in einem begrenzten Ausmass. Von den 7,1 Mio t CO2-Äq, die von der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft pro Jahr ausgestossen werden, wären laut Bund 1,4 Mio t namentlich über Effizienzsteigerungen reduzierbar. Nach Abzug von 1,6 Mio t, die wir Konsument(innen) beitragen können, verbleiben 4,1 Mio t CO2-Äq nicht vermeidbare Emissionen.[REL 1]

Haben aus Sicht einer standortgerechten Produktion Milchkühe auf Ackerland ihre Berechtigung?

Wenn man von einer standortgerechten Milchproduktion aufgrund der naturräumlichen Voraussetzungen spricht, ist der ganze Voralpengürtel vom Toggenburg über die Innerschweiz bis ins Greyerzerland prädestiniert. Ich würde aber nie so weit gehen, zu sagen, die Milchproduktion in einem sinnvollen Mass in der Talzone auf ackerfähigen Böden sei nicht gut. Denn Kunstwiesen können für eine ausgewogene Fruchtfolge eine wichtige Rolle spielen, das Gras daraus gilt es zu verwerten.

Die Landwirtschaft wird heute oft als Klimakiller bezeichnet – hat sich der brancheninterne Einsatz für Nachhaltigkeit überhaupt gelohnt?

Ich habe grosses Verständnis, dass solche Aussagen bei Bäuerinnen und Bauern Frustgefühle auslösen können. Man muss aber festhalten, dass sich in der Landwirtschaft enorm viel getan hat. Es ist immer die Frage, wie schnell der Wandel geht und wie sozial verträglich. Etwa in Bezug auf Investitionen. Da will man nicht in fünf Jahren hören, die Produktion sollte ganz anders aussehen. Es ist der Auftrag der Politik, die allgemeine Stossrichtung aufzuzeigen.

Es scheint aber nicht zu gelingen, das Bild der umweltschädigenden Bauern verschwinden zu lassen.

Eine rein auf die Nachfrage ausgerichtete Produktion hat positive und negative externe Effekte, z. B. auf die Versorgungssicherheit und Pflege der Kulturlandschaft oder eben auf Bodenverdichtung, den Rückgang von Arten oder das Tierwohl. Eingriffe des Staats legitimeren sich dadurch, dass positive externe Effekte verstärkt oder negative reduziert werden sollen. Eine Verantwortung hat hier auch der Markt, dazu braucht er aber die notwendigen Voraussetzungen. Der Idealzustand wäre Kostenwahrheit.

Wie kommen wir zur Kostenwahrheit?

IP-Suisse verfolgt das Ziel, negative externe Effekte zu minimieren. Das hat einen Preis, der über Prämien abgegolten werden soll. Wir und andere Nachhaltigkeitslabel machen damit einen Schritt Richtung Kostenwahrheit. Heute haben wir immer Diskussionen, ob der Konsument oder der Staat für diese Leistungen zahlt. Spannend fände ich – und diese Piste zeichnet auch der Bund vor –, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Handel als Teil der Lösung noch konsequenter als heute Selbstverantwortung übernimmt. Man kennt Zielvereinbarungen, die für gleich lange Spiesse sorgen, z. B. bei der Zuckerreduktion oder gegen Food Waste. Das wäre auch in Bezug auf nachhaltige Produktion denkbar. Die Grossverteiler könnten sagen: Unter diesem Standard stellen wir keine Produkte ins Regal, egal, ob sie aus der Schweiz oder dem Ausland stammen.

Muss man dem Konsumenten alles so zurechtlegen, dass er es nicht mehr falsch machen kann?

In der Schweiz setzen wir stark auf Selbstverantwortung – zu Recht. Sie stösst aber an Grenzen. Es geht darum auch eher um Hilfestellungen und gleich lange Spiesse. Als Analogie kann man das Lebensmittelrecht nehmen. Dank ihm können wir davon ausgehen, dass ein Lebensmittel unserer Gesundheit nicht schadet. Mit demselben Verständnis könnte man voraussetzen, dass negative Auswirkungen auf die Tiere oder die Umwelt grösstmöglich reduziert werden. In gewissen Lebensbereichen haben wir eine eingeschränkte Wahlfreiheit, aber weil diese Regeln für alle gelten, sind sie fair.[REL 2]

Wie viel Nachhaltigkeit kann von oben verordnet werden und wie viel muss auf den Betrieben passieren?

Die Überzeugung, das Richtige zu tun, ist einer der stärksten Treiber für positive Veränderungen. Es ist aber illusorisch, dass wir die Herausforderungen nur damit überwinden können. Ich bin nicht naiv, nicht alle wollen immer nur das Beste. Hier kommen Regeln ins Spiel, die wir uns als Gesellschaft geben. Wo es ein Marktversagen gibt, kann der Staat eingreifen – so legitimiert sich staatliches Handeln in einer freiheitlichen Gesellschaft. Es gilt, gesellschaftliche Bedürfnisse in ein Regelwerk zu übersetzen, das für alle gilt.

Das dürfte schwierig sein.

Die Frage ist, wie weit wir gehen. Und wie viel wir heute investieren, um grössere Kosten in der Zukunft zu vermeiden. Das ist gerade beim Klimaschutz zentral. Persönlich fände ich es gut, wenn sich die Rolle des Staates darauf beschränken würde, die richtigen Rahmenbedingungen für Selbstverantwortung zu schaffen. Überall, wo das Individuum überfordert ist oder mit krimineller Energie Schaden angerichtet wird, schützen Regeln die Schwachen. Dazu gehören nicht nur Menschen, sondern eben auch die Natur und Tiere.

Die Schwierigkeit ist, die Grenze dieses Schutzes zu ziehen. Was soll der Konsument dürfen und was nicht?

Es ist auch eine Frage der Haltung, ob man nur sich selbst schützen will oder auch Nachbarn, Menschen auf der anderen Seite der Erde oder die nächste Generation. Unser Handeln hat Auswirkungen und die sind für uns nicht immer offensichtlich. Daher stehen wir als Gesellschaft in der Pflicht, gewisse Folgen unseres Handelns nicht in Kauf nehmen zu wollen.

Was haben Sie in Sachen Umsetzung von Nachhaltigkeit bisher aus Fehlern gelernt?

Eine gewisse Demut bei einem so grossen Thema halte ich für angebracht, allerdings ohne dabei in eine Schockstarre zu verfallen. Demut, kombiniert mit Mut und Gestaltungswille führt dazu, dass man vorwärts geht. Fehler passieren halt mal, die muss man erkennen und sich selbstkritisch korrigieren. Wie es die Klimastrategie des Bundes sagt: Unsicherheit und eine hohe Komplexität dürfen uns nicht am Handeln hindern. Denn das Thema ist zu wichtig, um nichts zu tun oder vorher noch alles abklären zu wollen. Wir müssen losgehen und unterwegs wo nötig nachjustieren.

Was nehmen Sie daraus mit ins BLW?

Meistens setzt man zuerst Ziele und schafft damit ein gemeinsames Verständnis, wo die Reise hingeht. Dann folgen Massnahmen und eine gute Massnahme muss für mich drei Ansprüche erfüllen: Sie muss relevant, wirksam und effizient sein, das ist der gesellschaftliche Auftrag. Dann muss die Massnahme bei den Betroffenen verstanden werden und umsetzbar sein. Schlussendlich muss die Massnahme auch kommunizierbar sein. Und so schafft man auch politische Mehrheiten. Ein solches Vorgehen hat sich bewährt, unabhängig davon, ob es um eine Labelorganisation oder eine Behörde geht.

In einem Satz

Nachhaltigkeit: Der Umwelt, den Tieren und den Menschen Sorge tragen, heute und morgen. Kostenwahrheit: Vielversprechender Ansatz, der sowohl liberal als auch umwelt- und tiergerecht ist und ein hohes Potenzial für administrative Vereinfachung in der Agrarpolitik hat. Administrativer Aufwand: Muss sinken! Dazu braucht es Intelligenz, Pragmatismus, Daten – und Kostenwahrheit. Klimawandel: Neben dem Biodiversitätsverlust und der Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser eine der grössten Herausforderungen der Menschheit. Konsumvorgaben: Braucht es keine, wenn im Produktpreis die externen Effekte enthalten sind.

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