Endlich Regen – die Wiesen werden nach und nach wieder grün. Die Folgen der Trockenheit sind jedoch noch spür- und messbar. Bis die Grundwasser- und Flusspegel wieder ihr normales Niveau erreichen, und sich die Wasservorräte im Boden wieder auffüllen, wird es noch viel mehr Regen brauchen.
Denn die Bodenfeuchte ist kritisch für die Bodengesundheit, Landschaft und Landwirtschaft. Wie Wasserkreisläufe sinnvoll geschlossen werden können, war das zentrale Thema des kürzlich stattgefundenen Gabris-Gesprächs in Hosenruck TG, wo die Veranstaltung auf dem Hofgelände von Karl Heuberger stattfand.

«Der Hitzesommer 2026 mit der extremen Trockenheit ist historisch. Dabei wird die Schweiz oft als das Wasserschloss Europas betitelt», erklärt Referentin Dorothee Spuhler, Dozentin an der Ostschweizer Fachhochschule (OST) und Expertin für Wasser und Abwasser. Das Wasserschloss Schweiz erhalte Wasser hauptsächlich durch Niederschlag von rund 60 Kubikkilometern pro Jahr (km³/a) und Zuflüsse von rund 13 km³/a, so Spuhler.
Ebenfalls werden zusammen rund 335 km³ Wasser in Seen, Gletschern und Grundwasser gespeichert. Der Grossteil davon fliesst als Direktabfluss oder durch die Schneeschmelze wieder ins Ausland ab.
Wasserknappheit im Wasserschloss Schweiz
Von der genutzten Wassermenge werden 4 km³ in Stauseen zurückgehalten und 1,6 km³/a für die Durchflusskühlung von Kernkraftwerken verwendet. Die Referentin verdeutlicht, dass der eigentliche Verbrauch, also Wasser, das dem Kreislauf entzogen wird, mit insgesamt 0,9 km³/a im Vergleich zu den riesigen Gesamtmengen der Wasserbilanz verschwindend gering ist.
Auf die Landwirtschaft entfallen davon 0,4 km³/a. Doch auch diese Wahrheit verschiebt sich, denn zusätzlich wird «virtuelles Wasser» importiert und exportiert. Dabei handelt es sich um Wasser, das in Form von Produkten wie zum Beispiel Lebensmitteln, Smartphones oder Jeans den Grenzverkehr passiert, ohne physisch als Wasser transportiert zu werden. Pro Person und Tag beträgt der virtuelle Wasserfussabdruck in der Schweiz 2000 l.
Eine Wasserquelle, die neben den natürlichen auch zur Verfügung stünde, bislang jedoch ungenutzt sei, sei das Abwasser, so Spuhler. Die effizientere Nutzung, vor allem des Grauwassers, sieht sie als Chance. Als Grauwasser wird das nur leicht verschmutzte Abwasser aus Duschen, Bädern, Handwäschen oder Waschmaschinen bezeichnet.
Vorbildlicher Gewässerschutz als Hürde
Pro Person und Tag fallen davon 100l an, die entsprechend aufbereitet, etwa lokal für die Bewässerung, eingesetzt werden könnten. «Leider verbietet dies die Schweizer Gesetzgebung anhand ihrer Vorgaben zum Gewässerschutz», erklärt die Referentin.
Letzterer sei vorbildlich, stelle jedoch eine rechtliche Hürde für die Kreislaufwirtschaft dar. Ein guter Weg in die Zukunft wäre die systematische Klassifizierung von verschiedenen «Abwässern» und die Definition von Qualitätsanforderungen für verschiedene Optionen der Wiederverwendung, von der Bewässerung bis zur Toilettenspülung.
Bewässerung – ein Kernthema 2026
Das Thema Bewässerung erhielt in diesem Jahr sehr viel Aufmerksamkeit. Im ländlichen Raum zeige sich die Trockenheit mit ihren teils verheerenden Auswirkungen in der Landschaft, berichtet Dorothee Spuhler. Im Zürichsee habe sich der Wasserspiegel dieses Jahr um mehr als einen Meter gesenkt – ein historisches Tief, mit Folgen für Schifffahrt und Natur.
In gewissen Kantonen wurde daraufhin die Wasserentnahme für die Landwirtschaft verboten. Während in anderen Kantonen die Landwirte und Landwirtinnen weiterhin Wasser entnehmen durften. «Die Stadt Rapperswil verfügt aktuell über genügend Grundwasserreserven und hatte ein gutes Geschäft: Durch den zusätzlichen Bedarf der Landwirtschaft hat die Stadt über die letzten Monate viel Umsatz gemacht», berichtet die Referentin und schlussfolgert: «Wenn die Ressourcen allgemein knapper werden, werden auch die Nutzungskonflikte grösser und die Flexibilität kleiner.»
Menschliche Ausscheidungen als Dünger?
Wie der Wasserkreislauf mit dem Nährstoffkreislauf verflochten ist, berichtete Louise Carpentier in ihrem Vortrag und zeigte Wege auf, wie Abwasserströme nutzbarer gemacht werden können. Im Speziellen thematisierte die Geschäftsleiterin des Netzwerks für kreislauffähige Sanitärsysteme (Valoo) die beiden Mineralstoffe Stickstoff (N) und Phosphor (P).
Diese werden aktuell zu einem Grossteil in die Schweiz importiert, so Carpentier. Damit stehen die Preise unter Druck und die Abhängigkeit ist hoch, zumal die Produktion und der Abbau von N und P geopolitisch kritisch zu bewerten sind.

Die Schweizer Kläranlagen, an die 97 Prozent der Haushalte angeschlossen sind, leisten eine gute Arbeit und filtern viel N und P aus menschlichen Ausscheidungen heraus. «Dennoch landet ein grosser Teil der N- und P‑Verbindungen in Gewässern und in der Luft», berichtet die Referentin und verweist auf vom Bund vorgesehene Pläne der P-Rückgewinnung aus Klärschlammasche und der erhöhten N-Elimination durch technologische Lösungen.
Eine Alternative wäre es, die Abwässer aus menschlichen Ausscheidungen an der Quelle zu trennen und als Ressource zu betrachten. Carpentier erklärt, dass die Schweizer Bevölkerung rund 80 Prozent der Stickstoffmenge und sogar mehr Phosphor ausscheidet, als derzeit in Form von mineralischem Dünger importiert wird. Ein Weg, die Substanzen stattdessen nutzbar zu machen, sei, die Abwasserströme getrennt zu erfassen, aufzubereiten und die Nährstoffe gezielt zurückzuführen.
Region Greifensee als Vorreiter
In der Zürcher Region Greifensee, die von deutlichen Nährstoffüberschüssen aus anthropogenen Quellen geprägt ist, werden für den Ausbau der dortigen Kläranlage neue Lösungen gesucht. Demnach sollen die Sanitäranlagen neuer Gebäude so konzipiert werden, dass der Urin gefasst werden kann. Wie der Kanton Zürich in einer Mitteilung dazu schreibt, soll mit dem gefassten Urin ein Drittel der Landwirtschaft im Einzugsgebiet Greifensee mit Nährstoffen aus regionalem Dünger versorgt werden können, mit nur unerheblich höheren Kosten.
Ein Verfahren zur Umwandlung von Urin zu Dünger sei das «Vuna-Verfahren», welches am ETH-angeschlossenen Wasserforschungsinstitut Eawag zusammen mit Vuna entwickelt wurde. Der daraus gewonnene, aktuell jedoch noch begrenzt konkurrenzfähige Dünger, habe seit 2018 eine Bewilligung als Düngemittel für Pflanzen und stehe der Landwirtschaft zur Verfügung, wie Carpentier berichtet.
Weil die Fenaco ihre Lieferanten mineralischer Dünger diversifiziert, hat sie vorerst ausgesorgt
80 Prozent der mineralischen Dünger bezieht die Agrargenossenschaft Fenaco aus Europa – nur 20 Prozent aus Nordafrika und anderen Ländern. Das erlaubt in der aktuell sehr angespannten Situation auf dem Düngermarkt ein leichtes Aufatmen.Jedoch spielen, wie auch beim Wasserkreislauf, regulatorische Hürden eine Rolle. «Menschliche Ausscheidungen wurden erst kürzlich als Abfall definiert. Wer einen Dünger aus menschlichen Ausscheidungen handeln will, etwa Kompost aus dem Inhalt einer Trockentoilette, muss eine Düngerbewilligung beim Bundesamt für Landwirtschaft beantragen. Für die Qualitätssicherung gibt es noch keine klaren Vorgaben», berichtet die Referentin.
«Aktuell bereiten wir zudem eine politische Position vor, um die Wasserwiederverwendung in die heiss angekündigte Wasserstrategie des Bundes einzubringen. Wir stehen im Dialog mit Verbänden, Kantonen und dem Bund, und hoffen, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Wasserwiederverwendung politisch verankern zu können», schliesst Louise Carpentier.
Damit könnte aus dem heutigen Abwasser künftig wieder ein landwirtschaftlicher Rohstoff werden – vorausgesetzt, die rechtlichen Rahmenbedingungen lassen geschlossene Nährstoff- und Wasserkreisläufe zu.

