«Miteinander reden» – ein Credo, das überall gewünscht und gefördert wird, gerade im Austausch zwischen Landwirtschaft und Konsumenten. Dahingehend ins Gespräch kamen kürzlich Vertreter aus der Landwirtschaft mit interessierten Menschen, die sich mit den Experten zum Thema «Landwirtschaft im Thurgau 2050» austauschten.
Die GLP-Thurgau lud in Zusammenarbeit mit dem Think-Tank GLP‑lab zu einem Workshop an den Talent Campus in Kreuzlingen TG ein. In Gruppen erarbeiteten die Teilnehmer(innen) gemeinsam mit den Landwirten über den Abend hinweg Visionen, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen könnte, und suchten nach Möglichkeiten und Wegen, diese umzusetzen.
Was beschäftigt die Landwirte?
«Wer weiss denn heute, was auf einem landwirtschaftlichen Betrieb geleistet werden muss, um diesen aufrechtzuerhalten?», fragt Roland Lenz, Bio-Winzer aus Uesslingen TG. Wie alle teilnehmenden Landwirte nutzte er die Chance, seinen Betrieb vorzustellen und auf die Herausforderungen einzugehen, die ihn aktuell sehr beschäftigen.
Familie Lenz betreibt biodynamischen Weinbau und investiert viel in die Züchtung von pilzwiderstandsfähigen Traubensorten. Seit 2026 sind auf ihrem Betrieb alle Rebflächen mit PIWI-Sorten bepflanzt.
Ausbildung im Fokus
Was Roland Lenz in seiner Arbeit als Landwirt und Winzer umtreibt, sei das gesellschaftliche Verhältnis zum bäuerlichen Stand. Er bezweifelt, dass Konsumenten den Wert der Nahrungsmittelproduktion erkennen. Daran orientierte sich auch die Vision, die seine Arbeitsgruppe erarbeitete: «Gemeinsame Werte rücken durch ein starkes Verständnis zwischen produzierender Landwirtschaft und Bevölkerung ins Zentrum.»
Der Fokus lag klar auf der Umgestaltung der Bildung und der dabei obligatorisch stärkeren Gewichtung der Themen Ernährung, Biodiversität und Gesundheit, bereits im Grundschulalter. Auch die berufliche Bildung sollte sich vielfältiger und offener ausrichten.

Biodiversität als kritische Infrastruktur
In der Arbeitsgruppe von Karl-Heinz Restle lag der Fokus auf dem Bereich Biodiversität und Energie. «Erst fünf Prozent der Abfälle in der Landwirtschaft werden energetisch verwertet», sagt Restle, Gründer des Unternehmens «Renergon», das Technologien zur Biogasproduktion aus organischen Abfällen anbietet.
Dabei werden feste Abfälle wie Mist, Ernterückstände und Grüngut zu Gärgut verarbeitet, welches direkt aufs Feld ausgebracht oder kompostiert werden kann. «Durch den Import von Futtermitteln werden Nährstoffe in die Schweiz eingeführt. Wir haben keine Flächen, um die Nährstoffe auszubringen, und beobachten dadurch einen Nährstoffüberschuss», sagt Restle.

Gemeinsame Biogasanlage
Vor allem in Regionen mit hohem Tierbesatz sei es für seine Kunden schwer, ihren lokal produzierten Kompost zu verkaufen. In der Kombination von Energieproduktion und gleichzeitig bodenverbessernder Nährstoffführung sieht er grosses Potenzial für die Landwirtschaft der Zukunft.
Die Vision seiner Arbeitsgruppe: «Thurgau – gesündestes Ferienparadies der Schweiz dank konsequenter Umsetzung der Biodiversität als kritische Infrastruktur». Umzusetzen sei dies, indem Biodiversität bis 2050 als Entität in der Verfassung geschützt würde. Kurzfristiger zu realisieren sei die Förderung von Energie- oder Biogasgenossenschaften.
Anstatt dass jeder Landwirt in eine eigene Biogasanlage investiert, sollten Zusammenschlüsse, die dann auch rentabler sind, auf Anreizbasis gefördert werden. Innerhalb der Gruppe dachte man hinsichtlich dessen an die Umsetzung durch Pioniergemeinden.
Zurück zu kleinrahmigerer Landwirtschaft
«Politik, Produzenten und Konsumenten – wir sitzen alle in einem Boot», sagt Kantonsrat Marcel Preiss, der vor 12 Jahren quer in die Landwirtschaft eingestiegen ist und nun gemeinsam mit seiner Frau einen Hof in Weinfelden TG führt.
Sein Betrieb umfasst vier Hektaren und mehrere Standbeine von Gemüseanbau und Hochstammbäumen bis zu Bienen und Schafen. Ihn beschäftigen die Klimaentwicklungen, auf die der Betrieb reagieren muss. «Gerade wenn Bäume neu angepflanzt werden, mussten wir dieses Jahr intensiv Sorge tragen, damit sie nicht vertrocknen», erklärt Preiss.
Er fügt zudem an, dass ihn der unumsichtige Gebrauch des Wortes «Ernährungssicherheit» sehr störe. Die Landwirtschaft sei seiner Meinung nach weder sicher noch zukunftstauglich; er führt dahingehend die Übernutzung der Böden und die Anpflanzung an, die sich eher an Ertrag und weniger an Biodiversität orientiert.
Gezielte Lenkungsabgaben und eine Landreform
«Früher sorgten Betriebe wie unserer noch für eine Existenz, das ist heute nicht mehr so leicht», sagt Marcel Preiss. Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe zeigt er, dass in Zukunft alle einen Beitrag leisten müssen, damit die Ernährung der Schweiz wirklich «sicher» wird.
Von der Gesetzgebung fordert die Gruppe zum Beispiel gezielte Lenkungsabgaben, die Einführung einer Zuckersteuer und eine Landreform. «Für junge Landwirte, die keinen elterlichen Betrieb im Rücken haben, ist es ungeheuer schwer, überhaupt an Land zu kommen und ihre frischen Ideen umzusetzen», sagt Preiss.
Für 2050 wünscht sich die Gruppe eine kleinrahmigere Landwirtschaft, die unternehmerischer handeln und sich mehr einbringen kann.
Nachhaltigkeit liegt nicht im stetigen Wachstum
«Wir wollen uns nicht verschulden mit einem neuen Stall, in dem wir mehr Kühe halten könnten. Für uns liegt Nachhaltigkeit nicht im stetigen Wachstum», erklärt Landwirt Martin Frei. Sein 30 Hektaren umfassender Betrieb liegt im Zürcher Oberland und vereint ebenfalls verschiedene Standbeine.
Gemeinsam mit seiner Frau und sechs Angestellten baut er Gemüse, Nüsse, Hochstammobst und Blumen an. Auf seinen Ackerflächen erntet er Chiasamen, Polentamais, Hafer, Weizen und Linsen. Sein Tierbestand umfasst acht Gallowaymutterkühe mit 16 Kälbern und Rindern sowie 500 Hühner. Durch die Direktvermarktung im eigenen Hofladen, der an einer Kantonsstrasse liegt, generiert Martin Frei 85 Prozent seines Umsatzes.

«Mein betrieblicher Zielkonflikt ist, dass die Hühner mit Weizen, Soja und Mais gefüttert werden. Alles Nahrungsmittel, die auch von Menschen verwertet werden könnten und somit mit der menschlichen Ernährung in direkter Konkurrenz stehen. Gleichzeitig boomen Geflügelprodukte momentan stark», erklärt der Landwirt.
Zukunftsorientierte Abhilfe könnte vor diesem Hintergrund die vermehrte Nutzung von Nebenströmen in der Tierernährung schaffen; eine Chance sehen die Teilnehmer hier zum Beispiel in der Zucht von Soldatenfliegen als Tierfutter.
Keine Nahrungsmittelkonkurrenz zwischen Mensch und Nutztier
2050 sollte die Landwirtschaft für Martin Frei und seine Arbeitsgruppe vielfältiger, gesünder und resilienter aufgestellt sein. Betriebe der Zukunft sollen auf verschiedene Standbeine, anstatt auf Spezialisierung, ausgerichtet sein.
Weitere Ideen drehten sich um die überbetriebliche Haltung von Tieren zur Entlastung der Betriebsleiter, den Ausbau der solidarischen Landwirtschaft als Betriebskonzept und die standortgerechte Bewirtschaftung von Flächen: Wiederkäuer sollten nicht auf Flächen gehalten werden, auf denen Ackerbau betrieben werden kann, war man sich einig.

