Der Eindruck täuscht: Der Lottenhof liegt zwar inmitten idyllischer Natur, kein Nachbar weit und breit – aber abgelegen ist er keineswegs. Die Standortgemeinde Muhen gehört zur Agglomeration von Aarau, hier wollen sich zahlreiche Menschen aus dem nahen Siedlungsgebiet erholen.
Zwei Drittel der Landwirt(innen) machen mit
Sie suchen eine vielfältige und intakte Natur. Also das, was Landschaftsqualität (LQ) anstrebt. Lottenhof-Bewirtschafter Thomas Anliker stieg 2016 ein, als die regionale Trägerschaft «aarau regio» LQ-Massnahmen startete. Nun liegt der Schlussbericht zu diesem Projekt vor und die Beteiligten zogen vor einer Woche auf dem Lottenhof Bilanz.

In den acht Gemeinden von «Aarau Regio» machen 44 von 67 direktzahlungsberechtigten Betrieben bei den LQ-Projekten mit und decken 78 Prozent der gesamten LN ab. Trotz dieser ansehnlichen Zahlen gibt es Skepsis. «Extensivierung auf Kosten der inländischen Lebensmittelproduktion», lautet eine Kritik, die auch von Landwirten in Muhen geäussert wurde. «Mir ist beides wichtig, Lebensmittelproduktion und Biodiversität», sagte Biolandwirt Anliker am Informationsanlass.

Wie das geht, zeigte er den Politikern, Medienvertreterinnen, Behördenmitgliedern und Landwirten auf einer Besichtigungstour mit Start auf dem Hofplatz neben den Stallungen mit 24 Mutterkühen und 100 Mastschweinen. Der Lottenhof mit 33 Hektaren LN produziert nicht nur Blumen, sondern auch Fleisch, Tierfutter und Ackerprodukte für die Menschen. So führte der Rundgang vorbei an einem Urdinkelfeld mit Ackerschonstreifen und Weizen mit Ackerbegleitflora.
Nächste Station auf der Besichtigungstour war eine frisch gemähte Fromentalwiese mit Rückzugsstreifen. «Da werde ich immer gefragt, ob der Mäher kaputt gegangen sei», kommentierte einer der Landwirte. Damit war in Muhen eine weitere Frage angesprochen: Nimmt die Bevölkerung die Biodiversitätsmassnahmen überhaupt als solche wahr? «Ja», sagte Victor Condrau von der DüCo GmbH Niederlenz, der das Projekt von «Aarau Regio» begleitet, viele Bauernfamilien beraten und den Schlussbericht verfasst hat: Gemäss einer Umfrage würdige die Bevölkerung das Erreichte, das LQ-Projekt werde generell begrüsst und solle weitergeführt werden.

Massnahmen werden sehr verschieden wahrgenommen
Die Wahrnehmung in der Bevölkerung erwies sich bei der Umfrage allerdings als sehr unterschiedlich, zum Beispiel bei den Gehölzen:
- 20 Prozent der Befragten stellten im Schnitt eine Zunahme fest,
- 41 Prozent eine Abnahme,
- 29 Prozent bemerkten keine Veränderung.
Einheitlicher war der Wunsch nach weiteren Massnahmen. Das Engagement der Bauernfamilien in der Region bezüglich Landschaftsqualität wurde als «befriedigend» eingestuft.
Meiste Massnahmen im Grünland
Gut die Hälfte der Massnahmen wurden im Grasland umgesetzt, ein Viertel mit Gehölzstrukturen. Der Schlussbericht zeigt, dass vor allem die Aufwertung bestehender Elemente und kurzfristige Massnahmen beliebt waren, zuvorderst
- Aufwertung von Wiesen und Weiden in Q II,
- Rotationsbrachen,
- Ackerbegleitflora.
Hingegen gab es weniger neue Elemente als gewünscht, so wurden kaum neue Einzelbäume und gar keine Naschhecken gepflanzt. Ein Beleg für die bäuerliche Zurückhaltung? «Mit mehr Beratung könnte sich das ändern», sagt Victor Condrau. «Viele wissen beispielsweise nicht, dass bei neuen Elementen das Material wie Bäume bezahlt wird oder dass eine Hecke nach Ablauf des Vertrages nicht stehen bleiben muss.»
Ziele wurden gut erreicht
Victor Condraus Fazit zur Landschaftsqualität in der Grossregion Aarau: «Die Ziele wurden mehrheitlich gut erreicht und die Projekte erfolgreich umgesetzt.» Die meisten Landwirtinnen und Landwirte möchten das LQ-Projekt weiterführen, wünschten aber eine Vereinfachung beim Kontrollsystem und die Zusammenlegung der beiden Projekte Biodiversität und Landschaftsqualität.
Aus 186 Projekten werden 13
Im Aargau starteten zwischen 2015 und 2017 diverse Landschaftsqualitätsprojekte (LQP) mit einer Laufzeit von acht Jahren. «Es geht weiter», versprach Matthias Müller, Leiter von Landwirtschaft Aargau, am Informationsanlass auf dem Lottenhof. Der Kanton gebe beim Bund das Gesuch um Verlängerung der LQP ein.
36 Millionen Franken für Biodiversität im Aargau
Grundbedingung für die Bundesgelder ist, dass der Aargauer Grosse Rat im Jahr 2025 die Finanzierung erneut spricht. 90 Prozent zahlt der Bund, 10 Prozent der Kanton.
Aargauer Landwirtinnen und Landwirte beziehen jährlich 8,2 Millionen Franken für Dienstleistungen im Bereich der Landschaftsqualität. Für weitere Leistungen im Bereich Biodiversität wie Vernetzungen fliessen im Aargau jährlich nochmals 28 Millionen Franken an Landwirtschaftsbetriebe. Ab 2026 sieht die nationale Agrarpolitik vor, dass sämtliche Biodiversitätsleistungen und Landschaftsqualitätsprojekte unter demselben Dach geführt werden. Das verspricht administrative Vereinfachungen für den Kanton wie für die Bauernfamilien. Bisher gibt es im Aargau 173 Vernetzungs- und 13 Landschaftsqualitätsprojekte, also total 186 Projekte mit kommunalen und regionalen Trägerschaften. Diese Anzahl soll künftig massiv reduziert werden, indem die Vernetzungsprojekte in die 13 bestehenden LQP aufgeteilt werden.
Nur noch einmal anmelden
Landwirtinnen und Landwirte müssten sich somit nur noch einmal anmelden und hätten nur noch eine Ansprechperson für die Beratung. Und der Kanton müsste nur noch 13 Projektanträge und Schlussberichte verfassen, statt 186.
Ein weiterer Vorteil dieser regionalen Gliederung: Es könnten Betriebe einsteigen, die bisher nicht in einem Gebiet mit Vernetzungsprojekt sind. Gleichzeitig hofft Müller auf mehr Handlungsspielraum für die Kantone, auch das würde zu einer administrativen Vereinfachung führen.
Der Begriff Landschaftsqualität (LQ) ist mit der AP 2014–17 im Leben der Bauernfamilien aufgetaucht. Diese Direktzahlungsart vergütet Leistungen zugunsten attraktiver und vielfältiger Landschaften, offen definiert mit Spielraum für die Regionen.

