Die Reduktion von Ammoniak-Emissionen ist auch abseits des politischen Parketts ein Dauerthema. Der Druck, auf Betriebsebene Massnahmen gegen Nährstoffverluste zu ergreifen, ist hoch. Eine dieser Massnahmen stellt beim Ausbringen von Hofdüngern etwa der Einsatz von Stickstoffstabilisatoren dar. Noch ist in der Schweiz keine diesbezügliche Pflicht vorgesehen, wie das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf Anfrage bestätigt. Die Agrarpolitik setze derzeit auf bestehende Instrumente und darauf, dass Branche und Betriebe Massnahmen zur Reduktion von Nährstoffverlusten in Eigenverantwortung umsetzen, heisst es vonseiten des zuständigen Bundesamtes.
Einsatz von Nitrifikationshemmern bleibt freiwillig
Das sieht in der Praxis beispielsweise so aus, dass Schweizer Landwirtschaftsbetriebe freiwillig Stickstoffstabilisatoren in die Gülle mischen, um Stickstoffeinträge in die Atmosphäre und das Risiko der Nitratauswaschung zu minimieren. Nitrifikationshemmer können laut BLW durchaus eine Option zur Reduktion von Stickstoffverlusten sein, ihr Einsatz bleibt jedoch freiwillig. Der weitere Handlungsbedarf wird im Hinblick auf den Absenkpfad bei den Nährstoffverlusten beurteilt. Allfällige Anpassungen würden im Rahmen der ordentlichen agrarpolitischen Prozesse geprüft, so das BLW.
Übersteigen die indirekten, negativen Effekte den Nutzen?
Das beurteilt auch Rita Ziltener so. Sie ist Düngerberaterin am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg im Aargau. «Der Fokus in der Schweiz liegt aktuell nicht auf dem Einsatz von Nitrifikationshemmern. Daher schätze ich eine Pflicht als eher unwahrscheinlich ein», so die Fachfrau.
Raphael Vogel, Lehrer und Pflanzenbauberater am LBBZ Schluechthof in Cham ZG, vermutet, dass die indirekten, negativen Effekte von Nitrifikationshemmern auf die Bodenbiologie den Nutzen der Mittel übersteigen. Er könne dies jedoch nicht mit Versuchen belegen.
Die Wirkung auf das Bodenleben ist schwer einzuschätzen
Das sei ein wichtiger Punkt, findet auch Rita Ziltener: «Viele Nitrifikationshemmer sind nicht genau untersucht. Daher ist die Wirkung auf das Bodenleben schwer einzuschätzen. Grundsätzlich möchte man die Bodenbiologie so wenig wie möglich ‹stören› beziehungsweise sie lieber fördern und unterstützen.»
Für Raphael Vogel muss bei der mineralischen Düngung in erster Linie die Effizienz der Stickstoffaufnahme und -verwertung gesteigert werden. Die Sicherstellung einer einwandfrei funktionierenden Nitrat- und Nitritreduktase in der Pflanze, sodass die Stickstoff-Gesamtfrachten reduziert werden können, hat für ihn dabei Priorität. Vor allem die ausreichende Zuckerversorgung durch die Sicherstellung einer funktionellen Fotosynthese sei dabei zentral, wie er weiter ausführt.
Natürliche Stickstoffbindung durch Leguminosen fördern
Dazu ist die ausreichende Versorgung mit Spurenelementen wie Molybdän, Eisen und Schwefel von Bedeutung. Ergänzend ist die Förderung der natürlichen Stickstoffbindung entscheidend, etwa durch Leguminosen. Ausserdem muss eine funktionierende Nitrogenase in den Knöllenbakterien sichergestellt sein, wofür hauptsächlich die Molybdän-, Eisen- und Cobalt-Versorgung stimmen muss.
Bei der Gülle ist Raphael Vogel der Meinung, dass die Bindung des mineralischen Stickstoffs in organischer Form durch die Förderung des mikrobiellen Wachstums effektiv ist. Dies geschieht vor allem über die in der Gülle vorliegenden Milchsäurebakterien und Hefen.
In der Schweiz setzt man bisher auf andere Hebel
In der Schweiz versucht man über den optimalen Ausbringzeitpunkt der Gülle (Temperatur, kurz vor leichtem Regen) und Technik (Schleppschuh, Schleppschar) die Emissionen einzudämmen. Ebenfalls eine grosse Wirkung wird erzielt mittels der korrekten Lagerung und Separierung der Gülle, sowie mittels emissionsminderndem Stalllayout. Und bezüglich Emissionen über die Auswaschung setzen Betriebe mehr auf die Einhaltung der Gewässerschutzvorschriften und den Produktionssystembeitrag Bodenbedeckung, weiss Rita Ziltener. Ausserdem müssten genügend Lagerkapazitäten für Gülle und Mist vorhanden sein, wodurch die heiklen und niederschlagsreichen Monate abgefedert werden können.
Wie wirkt der Inhibitor genau?
Nitrifikationshemmer wirken auf nitritbildende Bakterien. Bei idealer Wirkungsweise hemmt der Wirkstoff Bakterien der Gattung Nitrosomonas, Nitrosolobus und Nitrospira, denn sie oxidieren Ammonium zu Lachgas. Danach oxidieren Nitratbildner der Gattung Nitrobacter Lachgas zu Nitrat. Diese Prozesse sind von Wasser, Bodentemperatur und pH-Wert (5-8) sowie des Sauerstoffgehalts in der Bodenstruktur abhängig.

Eingesetzt werden Nitrifikationshemmer laut der Düngeberaterin Rita Ziltener von der Liebegg bisweilen im Kartoffel- und Gemüsebau. «Gerade im Kartoffelanbau, wo bei der Pflanzung die Dämme bereits fertiggestellt werden, wird vorgängig die gesamte N-Düngung ausgebracht. Hierbei muss der Stickstoff über mehrere Wochen abgegeben werden, weshalb man hier sehr gerne auf N-Dünger mit Nitrifikationshemmer setzt.» Eine andere Möglichkeit besteht laut der Fachfrau darin, den Stickstoffdünger mit Nitrifikationshemmer vor dem letzten Aufhäufeln der Dämme auszubringen. Auch im Zuckerrüben- oder Maisanbau ist der Einsatz möglich. Hier kann der gesamte N-Bedarf zur Saat ausgebracht werden.
Was bei der Anwendung zu beachten ist
Rita Ziltener rät, bei der Anwendung auf fertige Mischungen zu setzen. Die mineralischen Düngemittel mit Nitrifikationshemmer sind in der Lagerung und Handhabung gleich zu behandeln wie «normale» Kunstdünger, sagt sie. Das heisst, trocken, sauber und in verschlossenen Gebinden lagern. Sie müssen zudem getrennt von Futter- und Nahrungsmitteln sowie entzündlichen Stoffen verstaut werden. Die Ausbringung erfolgt über den üblichen Düngersteuer. In der Schweiz werden bei Kunstdüngern nur Fertigmischungen angeboten. Bei der Anwendung von den Stickstoffstabilisatoren gilt es, bei längerem Hautkontakt Schutzhandschuhe aus Nitril zu tragen.
In die Abteilung der Nitrifikationshemmer gehört auch die Cultan-Düngung, wobei die Nitrifikation durch den versauernden Effekt des Ammoniums gehemmt wird. Die N-Depotdüngung mit Ammonium wird dabei punktuell abgelegt. Diese konzertierte Ammonium-Menge wirkt hemmend auf Mikroorganismen und schützt so vor einer raschen Nitrifikation.
Das sind laut der Düngerberaterin die Vor- und Nachteile des Nitrifikationsinhibitors:
[EXT 1]
Düngemittel wie Nitrotec oder Entec sind Stickstoff-Schwefel-Dünger, die mit einem Nitrifikationsinhibitor behandelt sind. Für die Gülle gibt es beispielsweise Produkte wie Piadin Pro als Güllezusatz.
Gemäss Rita Ziltener ist der Einsatz von N-Hemmern theoretisch in folgenden Kulturen im entsprechenden Stadium möglich.
- Mais: vor der Saat
- Getreide im Frühjahr (keine gezielte Bestandeslenkung möglich)
- Raps kurz vor der Saat im Herbst
- Zuckerrüben vor der Saat
- Kartoffeln vor dem Pflanzen
«Mengenmässig im tiefen, einstelligen Bereich»
Produkte mit Nitrifikationshemmern sind laut Damian Santschi, Product Manager bei Landor, in den letzten Jahren in der Nachfrage stabil geblieben und haben einen mengenmässigen Anteil an den Stickstoffdüngern im tiefen, einstelligen Prozentbereich. Santschi führt aus: «Die Entwicklung von Produkten mit Hemmstoffen ist eine komplizierte Angelegenheit, insbesondere weil selbst Düngemittel mit CE-Bewilligung in der Schweiz einem langwierigen Bewilligungsprozess unterliegen», so der Fachmann.
Rita Ziltener betont, dass beim Einsatz von Nitrifikationshemmern der wirtschaftliche Aspekt berücksichtigt werden muss: Nitrotec ist teurer, aber mit der Einsparung von Durchfahren, Zeit und Aufwand können die Kosten auf einem ähnlichen Niveau gehalten werden, so die Beraterin für Pflanzenschutz, Boden und Düngung.
Was sagt ein Landwirt, der mit Nitrifikationshemmern arbeitet?
Stefan Bützberger ist Landwirt aus Bleienbach im Kanton Bern. Als er auf seinem Betrieb noch Nutztiere hielt, hat er im Grünland und im Mais regelmässig mit dem Nitrifikationshemmer Piadin Pro gearbeitet. Aus Transparenzgründen muss man festhalten, dass Bützberger im Nebenerwerb bei der Landor angestellt ist. Bützberger betont, dass für ihn der Einsatz von N-Hemmern im Kartoffel- und Zuckerrübenbau nicht ratsam ist, weil es teilweise zu verspäteter N-Verfügbarkeit kommen kann.
Der Landwirt erachtet die Anwendung als praktisch, zumal das Flüssigmittel beim Ansaugen der Gülle direkt in das Fass beigemischt und dann im selben Arbeitsgang ausgebracht werden konnte. Lohnunternehmer verfügten je nach Ausstattung sogar über einen separaten Beimischer, einen sogenannten Bypass, wobei das Mittel zur Ausbringung über ein spezielles Dosiergerät eingetröpfelt werden kann. Das Mittel kann laut Hersteller auch mit der Pflanzenschutzspritze vor der Gülleausbringung mit üblichen Wassermengen gespritzt werden. Dabei gilt: Je näher der Ausbringzeitpunkt am gewünschten Wirkungszeitpunkt, desto niedriger die Aufwandmenge.
Sommerdepression fällt auf diesen Feldern geringer aus
Er schätzt die Relevanz des Stickstoff-Inhibitors bei der Ausbringung von kleinen Hofdüngermengen als geringer ein, als dies bei grösseren Gaben der Fall ist. Besonders im Grünland sei der Effekt des Stickstoffstabilisators sichtbar, so hätte die Sommerdepression auf Feldern mit appliziertem Nitrifikationshemmer nicht oder geringer eingesetzt, so der Fachmann. «Der Nutzen des Hemmers kommt definitiv retour und die Kosten hielten sich mit ungefähr 45 Franken pro Hektare in Grenzen», sagt der Praktiker. Er ist sicher, dass der Druck auf die Landwirtschaftsbetriebe in puncto Emissionsreduktion steigen wird.
Wie sieht es in der EU aus?
Laut einer Studie des deutschen Umwelt-Bundesamts aus dem Jahr 2025 setzen Berufskollegen aus dem nahen Ausland schon «seit Jahrzehnten» auf den Stickstoffstabilisator. Von den 64 bekannten synthetischen Nitrifikationsinhibitoren sind laut der Studie allerdings nur einige wissenschaftlich intensiver untersucht und ein noch kleinerer Teil wird in grösserem Massstab in der EU eingesetzt. Nach der deutschen Düngemittelverordnung sind in Deutschland elf Inhibitoren beziehungsweise Inhibitorengemische als Anwendungshilfsmittel für Düngemittel zugelassen, davon zwei Ureaseinhibitoren und neun Nitrifikationsinhibitoren. Seit 2015 sind vier neue Wirkstoffe hinzugekommen. Seit den 1990er Jahren werden in den USA Nitrapyrin sowie in Europa und Asien/Pazifik DCD und DMPP in grösserem Massstab und hauptsächlich zur Reduktion von Nitratauswaschung und zur Erhöhung der Düngeeffizienz eingesetzt. In Indien ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass der relativ schwach wirkende Ureaseinhibitor Neem-Öl dem Harnstoffdünger zugesetzt wird. Allerdings hat diese Massnahme eher die Funktion, sicherzustellen, dass der von der indischen Regierung stark subventionierte Harnstoff nicht ausserhalb des landwirtschaftlichen Bereichs verwendet wird. Wie die Studie festhält, gibt es, anders als für Pflanzenschutzmittel, weder für Deutschland noch für die EU ein Behördenregister, in welchem Produktionsmengen, beziehungsweise eingesetzte Mengen von Inhibitoren, veröffentlicht werden. Auch die Hersteller veröffentlichen in der Regel ihre Produktionsmengen nicht, weshalb genauere Angaben zu den Einsatzmengen der Inhibitoren nicht möglich sind, so die Autor(innen) der Studie.

