«Vom Klimasünder zum Kreislauf-Champion – warum Wiederkäuer die Lösung sind.» Dieses Thema ist komplex, trotzdem bewegt es die Gemüter: Kühe, die Methan ausstossen, Landwirte, die zu viele Tiere halten, oder ein Konsument, der weniger Fleisch essen sollte.
Dass die Kuh fälschlicherweise immer wieder als «Klima-Killer» dargestellt wird, kam in einem Referat von Stephan Schneider deutlich zum Vorschein. Der Dozent an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt im deutschen Nürtingen-Geislingen referierte an der 90-Jahr-Jubiläumsfeier von Melior über die Herausforderungen des Klimas und die Zukunft der menschlichen Ernährung. Und eines vorneweg: Das Land braucht Wiederkäuer, ohne sie würde es in Zukunft keinen geschlossenen Kreislauf mehr geben. Hingegen sieht Schneider in der Schweine- und Pouletproduktion keine rosige Zukunft mehr.
Der grösste Verursacher ist der Verkehr
Stickstoff und Phosphor aus der Landwirtschaft bleiben nicht nur in der Schweiz, sondern auch in der EU ein grosses Thema. Auch die Treibhausgase wegen der Nutztierhaltung sind stark im Verruf.
«Treibhausgase sind Voraussetzung für das Leben auf dem Planeten», hält Stephan Schneider dagegen. Gäbe es sie nicht, wäre die Erde ein eiskalter Ort. Doch zu viel davon verändert das Klima, es wird wärmer. Aus diesem Grunde will man in der Schweiz die Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2030 halbieren. Bis ins Jahr 2050 soll sie sogar netto null sein. Der grösste Verursacher ist aber nicht die Landwirtschaft, sondern der Verkehr mit 33,5 %. An zweiter Stelle folgt die Industrie mit 22,3 % und erst an dritter Stelle folgt die Landwirtschaft mit 16,5 %. «Immer nur die Landwirtschaft als Sündenbock darzustellen, ist komplett falsch», sagt Schneider.

Will man die steigende Weltbevölkerung weiterhin ernähren können, brauche es in Zukunft die Verfügbarkeit von pflanzlicher Biomasse. Doch diese ist begrenzt, die nötige Ackerfläche schrumpft weltweit, sie nimmt Jahr für Jahr ab. Aktuell leben auf der Erde 8,2 Milliarden Menschen, welche im Durchschnitt 1,8 m² Ackerfläche zur Verfügung haben.
Im Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden angewachsen sein, mit einer verfügbaren Ackerfläche von weniger als 1,4 m². «Bis ins Jahr 2050 braucht es daher fast eine Verdopplung der erzeugten Lebensmittel», ist Stephan Schneider überzeugt. Aber nicht nur pflanzliches Eiweiss werde in Zukunft stärker nachgefragt, auch der Verzehr von Fleisch und Milchprodukten werde weiter ansteigen. In der Folge werde die Tierdichte zunehmen, die wiederum mehr Futtermittel benötigen würde. «Die nicht essbare Biomasse wie Gras, Kartoffelschalen oder andere pflanzliche Nebenprodukte, kann niemand anderes so gut verwerten wie die Kuh», hält Stephan Schneider fest. Aus Gras gebe es Fleisch und Milch, die wiederum für die menschliche Ernährung so wichtig seien.
Zurück in den Kreislauf
In der Schweiz sind knapp 60 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche Grünland. Darum spielt die Tierhaltung hierzulande weiterhin eine grosse Rolle. «Grasprodukte können nur von Nutztieren (hauptsächlich Wiederkäuern) sinnvoll genutzt werden», sagt Stephan Schneider. Auch die pflanzliche Produktion vom Acker hinterlässt ein Vielfaches an nicht-essbarer Biomasse, die später den Wiederkäuern verfüttert werden kann.
Die Zukunftsaufgabe besteht also darin, die nicht-essbare Biomasse möglichst intelligent zu nutzen und verwerten. «Die Pflanzennährstoffe der nicht-essbaren Biomasse müssen zurück in den Kreislauf», sagt Stephan Schneider. Das heisst, entweder wieder direkt aufs Feld oder die Biomasse wird zuerst als Tierfutter verfüttert.
Milch und Fleisch als wichtige Ernährungsquelle
Nach der Verdauung könne man diese in Form von Mist und Gülle wieder als Dünger verwenden – der Kreislauf wäre hier geschlossen. «Zwischendurch können wir Milch und Fleisch als wichtige Ernährungsquelle nutzen», so der Dozent. Die Kreislaufwirtschaft mit Nutztieren würde somit einen maximalen Gewinn an Nahrung aus denselben Ressourcen ergeben. So liefert die nicht-essbare Biomasse zirka 65 % von Milch und Rindfleisch, 50 % von Schweinefleisch und 5 bis 10 % von Geflügelprodukten an die jetzige Produktion. «Nutztiere fördern somit die Produktion pflanzlicher Produkte und erzeugen zusätzliche Lebensmittel», sagt Schneider. Somit gibt es für ihn auch nicht die «Klima-Killer-Kuh».
Schweine und Geflügel haben es schwer
In Deutschland gibt es zurzeit viel weniger Kühe und Rinder als vor 200 Jahren. Und das Klima verändert sich trotzdem. «Nach neuesten Erkenntnissen wird heute der CO₂-Fussabdruck von Milch und Rindfleisch aus Mitteleuropa überschätzt», sagt Stephan Schneider. So habe das durch die Tierhaltung verursachte Treibhausgas CH₄ in der Atmosphäre eine viel kürzere Lebensdauer als bisher angenommen.
«Dank einer Kreislaufwirtschaft wird der Klimabeitrag von Fleisch und Milch massiv verringert», ist Schneider überzeugt. So bleiben Nutztiere als unverzichtbare Verwerter von nicht-essbarer Biomasse auch in Zukunft wichtige Akteure im Ernährungssystem.
Doch alles schönreden will Stephan Schneider dennoch nicht: «Die häufig begrenzte Futterqualität der nicht essbaren Biomasse limitiert zukünftig die Schweine- und Geflügelproduktion», ist er überzeugt. Das heisst, dass Schweine und das Geflügel zu viel Getreide und Protein fressen würden. «Diese Flächen entziehen wir der menschlichen Ernährung», sagt Schneider. Denn die steigende Weltbevölkerung braucht diese Flächen für die pflanzliche Ernährung. Dass die Schweine und das Geflügel, das viele Gras nicht, oder nur teilweise, verwerten können, könnte dazu führen, dass sie auch nichts zum Kreislauf beitragen. So, wie es bei den Wiederkäuern der Fall sei.
Das Management gezielt anpassen
«Zurzeit ist nicht nur Schweinefleisch, sondern auch Poulet hoch im Kurs beim Konsumenten. Doch dieses Verhalten muss sich in Zukunft ändern, wir haben nicht mehr die nötigen Flächen und Ressourcen dazu», sagt der Dozent. Und noch eines kommt dazu: «Die Schweinehaltung befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit zur Effizienzsteigerung und den Auswirkungen auf die Umwelt», sagt Stephan Schneider.
Durch den Einsatz fossiler Energieträger zur Stallbeheizung und durch den Umgang mit Gülle trage die Schweinehaltung signifikant zur Klimaveränderung bei. «Ein angepasstes Management, wie etwa der optimierte Einsatz von Futtermitteln, die Reduktion der Methan- und Lachgasemissionen aus Gülle oder der Einsatz emissionsarmer Stallsysteme, kann dazu beitragen, den CO₂-Ausstoss zu senken und das Klima langfristig zu entlasten», ist Schneider überzeugt.

