Die KK-Prämien steigen, doch der Schnitt sagt wenig über die eigene Rechnung

Neben der Prämienhöhe entscheiden Wohnort, Franchise und Modell über die Kosten; ab 2027 drohen zudem Kürzungen der Direktzahlungen bei fehlendem Partnerschutz.

Es ist ein Ritual, das jedes Jahr gleich abläuft und doch jedes Jahr schmerzt. Ende September ist es jeweils so weit: Das Bundesamt für Gesundheit veröffentlicht die Krankenkassenprämien für das nächste Jahr. Und wieder steigen sie. Die mittlere Prämie liegt 2027 bei 412 Franken pro Monat. Das sind 5 Prozent oder knapp 20 Franken mehr als heute.

Erwachsene zahlen im Schnitt 22.80 Franken mehr pro Monat, Kinder 5.70 Franken. Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern macht das rund 700 Franken im Jahr.

Der Durchschnitt sagt wenig

Was eine Familie wirklich bezahlt, hängt allerdings vom Wohnort, vom Alter, von der Franchise und vom Versicherungsmodell ab. Die Franchise ist der Betrag, den man jedes Jahr selbst an die Arztkosten zahlt. Auch die Agrisano, die Krankenkasse der Bauernfamilien, nennt deshalb bewusst keine Durchschnittszahl. Die Prämien schwankten von Kanton zu Kanton stark, heisst es auf Anfrage. Wer wissen will, was auf die eigene Familie zukommt, muss selbst rechnen.

Warum die Kosten steigen

Der Bund nennt drei Gründe: Es gibt mehr Behandlungen, die Medizin wird teurer und die Bevölkerung älter. Die Menschen werden also nicht kränker, sie gehen aber häufiger zum Arzt. Wo ein Angebot besteht, wird es auch genutzt.

Auch die Agrisano spürt den Kostendruck, da in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) die Kosten für in Anspruch genommene Leistungen weiter steigen. Dabei ist zu beachten, dass die Grundversicherung in der Schweiz allen Versicherten offensteht, nicht nur der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Die Agrisano hat jedoch ein stark landwirtschaftlich geprägtes Versichertenkollektiv.

Lange hiess es, Bauernfamilien seien günstige Versicherte, weil sie nur zum Arzt gingen, wenn es wirklich nötig sei. So schrieb es etwa der Bauernverband Aargau. Ob Bauernfamilien tatsächlich seltener medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, lässt sich anhand von Zahlen der Agrisano jedoch nicht belegen. «Zahlen dazu werden nicht erhoben», sagt Carmen Hocker, Fachspezialistin Kommunikation, auf Anfrage.

So lässt sich sparen

Wer selten zum Arzt geht, fährt mit einer hohen Franchise meist günstiger. Einen Rabatt erhält auch, wer sich zuerst beim Hausarzt, per Telefon oder per App meldet. Bei der Agrisano heissen diese Modelle Agri-eco, Agri-contact und Agri-smart. Wer die Prämie einmal im Jahr bezahlt, erhält ein Prozent Skonto.

Wichtig für Familien mit Nebenerwerb: Wer über den Arbeitgeber gegen Unfall versichert ist, kann die Unfalldeckung bei der Krankenkasse aussetzen und spart so doppelte Prämien.

Endlich abgesichert: die Partnerin auf dem Betrieb

Ab 2027 gilt zudem eine neue Regel, auf die viele Bäuerinnen lange gewartet haben. Arbeitet die Partnerin oder der Partner regelmässig auf dem Betrieb mit, muss sie oder er versichert sein. Nur dann gibt es die Direktzahlungen in voller Höhe.

Verlangt werden zwei Dinge: ein Taggeld von mindestens 100 Franken bei Krankheit oder Unfall und eine Absicherung bei Tod und Invalidität. Die Agrisano rät, das nur als Minimum zu sehen. Der vorgeschriebene Schutz richte sich nicht nach dem Bedarf der einzelnen Familie, sagt Fachspezialistin Silvia Odermatt im Podcast «ausSicht der Bäuerinnen».

Ausgenommen ist unter anderem, wer Jahrgang 1972 oder älter ist oder auswärts genug verdient, um in einer Pensionskasse versichert zu sein. Wer sich nicht an die Regel hält, dem werden die Direktzahlungen gekürzt, beim ersten Mal um mindestens 500 Franken.

Die neue Pflicht schliesst eine alte Lücke. Viele Bäuerinnen arbeiten ein Leben lang auf dem Hof mit und stehen bei Unfall, Scheidung oder Tod des Partners trotzdem ohne Absicherung da. Dass es dafür eine Verordnung braucht, sagt einiges über die Branche.

Das ist jetzt zu tun

Die Fristen sind knapp. Die Krankenversicherer müssen ihre Kundinnen und Kunden bis Ende Oktober über die Prämien 2027 informieren. Danach kann man bis Ende November die Grundversicherung wechseln oder das Versicherungsmodell anpassen. In der Grundversicherung muss jede Kasse alle Personen aufnehmen. Anders bei den Zusatzversicherungen: Sie haben in der Regel eine Kündigungsfrist von drei Monaten, und für einen Neuabschluss braucht es eine Gesundheitsdeklaration. Wer hier wechseln will, muss den Vertrag genau prüfen.

Ob der bestehende Schutz der Partnerin oder des Partners genügt, lässt sich mit einem kostenlosen Nachweis-Tool prüfen, das die Agrisano mit den kantonalen Landwirtschaftsämtern entwickelt hat. Die ausgefüllte Liste kann man bei einer Kontrolle vorlegen. Zu finden ist sie auf agrisano.ch unter «Versicherungsschutz und Direktzahlungen». Prämien aller Kassen lassen sich auf priminfo.admin.ch vergleichen, Antworten auf häufige Fragen bietet das Bundesamt für Gesundheit auf seiner Website.

Millionen an der Spitze

Drei der zehn grössten Krankenkassen zahlen ihren Chefs inzwischen ein Millionengehalt, wie eine Auswertung des «Beobachter» zeigt. Die CSS zahlt 998 611 Franken, die Helsana 996 029 und die Sanitas 982 506 Franken. Beim Helsana-Chef entspricht das einem Plus von rund 200 000 Franken. Er verdient damit in einem Jahr so viel, wie rund 170 Erwachsene für ihre mittlere Grundversicherung 2027 bezahlen.

Der Nationalrat hat einen Lohndeckel mit 157 zu 27 Stimmen angenommen. Nun ist der Ständerat am Zug. Die Obergrenze soll sich an der höchsten Lohnklasse der Bundesverwaltung orientieren. Zudem müssten die Kassen die Löhne ihrer Leitungsmitglieder mit Namen offenlegen.

Der Deckel hat aber eine Lücke: Er gilt nur für den Lohnanteil aus der Grundversicherung. Wer einen Grossteil des Salärs dem Zusatzgeschäft zuschreibt, bleibt unter der Grenze. Auch der Bundesrat geht nicht davon aus, dass die Massnahme die Prämien senkt. Er will damit vor allem den Unmut in der Bevölkerung besänftigen.

Weiterlesen

  • Die von EP betroffenen Zuchtbetriebe sind geräumt, die Mastbetriebe weiterhin gesperrt.

    EP-Ausbruch: Suisseporcs kritisiert Schweineringe, Gesundheitsdienst schweigt

    Rund 1500 Zuchtschweine und ihre Ferkel werden wegen der Lungenkrankheit EP getötet. Suisseporcs wirft einigen Ringbetreibern vor, strengere Regeln beim Tierverkehr abgeblockt zu haben.
    Show more
  • Agrarfolien sammeln: Eine Erfolgsgeschichte aus Zug

    ✹
  • Die Kuh im Sonderangebot, das Hackfleisch zum Vollpreis