Obwohl sie tags darauf am Frauen-Schwingfest in Zetzwil AG im Sägemehl stehen wird, pflückt Eveline Linggi an diesem heissen Junitag auf ihrem elterlichen Betrieb Chriesi. «Ich arbeite am Vortag von Wettkämpfen lieber, als dass ich nur herumsitze. So bin ich gedanklich abgelenkt. Zudem ist dadurch auch mein Körper am Fest agiler», erklärt die Schwyzer Spitzenschwingerin. Obwohl sie noch nicht einmal 20-jährig ist, hat sie es im vergangenen Jahr in der Jahreswertung hinter den beiden Schwingerköniginnen Jasmin Gäumann und Isabel Egli auf den dritten Rang geschafft.
Isabel Egli und Michael Moser sind Vorbilder

Eveline Linggi hat zwar mit 175 Zentimetern eine stattliche Grösse, ist aber für eine Schwingerin ein Leichtgewicht. «Ich versuche, meine Gänge mit Technik und Tempo zu gewinnen», so die Kurz-, Lätz- und Innerer-Haken-Spezialistin. Zu ihren grossen Vorbildern gehört neben Isabel Egli auch der Berner Michael Moser. «Seine offensive und vielseitige Schwingweise gefällt mir. Zudem verfügt er über einen ausgeprägten Schwinger-Instinkt, mit dem er auch körperlich stärkere Gegner bezwingen kann.»
Normale Ernährung und kein Krafttraining
Eveline Linggi macht kein Krafttraining. Sie trainiert zweimal wöchentlich im Schwingkeller. Am Montag mit ihren Klubkolleginnen vom Frauenschwingclub Urschweiz, am Donnerstag mit den Männern des Schwingerverbandes am Rigi. «Beim Training mit den Männern werde ich sehr stark gefordert, vor allem kräftemässig kann ich mit meinen gleichaltrigen Kollegen nicht mithalten.»
Bei der Ernährung ist die Sportlerin unkompliziert: «Ich esse zu Hause das, was auf den Tisch kommt. Am Vorabend eines Wettkampfs gibt es dann meist Pasta mit Fleisch.» Am Schwingfest selbst halte sich ihr Appetit meist in Grenzen. Mit Sandwiches, Riegeln und zuckerhaltigen Getränken versuche sie, zu genügend Energie zu kommen.
Chef und wichtigster Unterstützer gleichzeitig

Ihr wichtigster Förderer ist ihr Vater Dominik Linggi, der am Eidgenössischen Schwingfest 1998 in Bern den Kranz gewann. «Mein Vater hat sehr viel Erfahrung und gibt mir wertvolle Tipps», sagt Eveline Linggi. Dominik Linggi ist nicht nur beim Schwingen ihr wichtigster Unterstützer, sondern auch ihr Chef, denn die ausgebildete Landwirtin EFZ ist auf dem elterlichen Hof angestellt.
«Klar, gibt es gelegentlich intensive Diskussionen, aber grundsätzlich harmonieren wir gut», betont die junge Schwyzerin. Eveline Linggi arbeitet auf dem elterlichen Milchwirtschaftsbetrieb in Oberarth SZ Vollzeit. «Die Arbeit auf dem Hof, vielfach sieben Tage pro Woche, beansprucht mich körperlich schon stark. Dank meiner Arbeit habe ich eine Grundkondition und brauche nicht noch viel Alternativtraining. Zudem bin ich dadurch an Schwingfesten mit hohen Temperaturen sicher besser an die Hitze gewöhnt, als wenn ich in einem klimatisierten Büro arbeiten würde.»
Ausbildung zur Landwirtin stand schon früh im Fokus
Frauen in der Landwirtschaft seien mittlerweile nichts Besonderes mehr, sagt Eveline Linggi. In ihrem EFZ-Abschlussjahrgang am Berufsbildungszentrum Pfäffikon SZ seien unter den 41 Absolventen 14 Frauen gewesen. «Ich hatte schon früh den Wunsch, die Ausbildung zur Landwirtin zu machen. Nachdem ich noch in einer Schreinerei und bei einem Landmaschinen-Unternehmen eine Schnupperlehre gemacht hatte, war es für mich definitiv klar.»
Eveline Linggi, die drei Schwestern und einen Bruder hat, kann sich zwar aktuell vorstellen, einmal den elterlichen Betrieb zu übernehmen. «Ob es dann je einmal so weit kommt, steht noch in den Sternen. Unsere Familie hat bei diesem Entscheid auch noch viel Zeit, denn meine Eltern sind noch nicht einmal 50-jährig», meint die Linggi. Im kommenden Winter wird sie die Betriebsleiterschule in Angriff nehmen.

Siegermuni hätte im Stall schon Platz
Es gibt kaum eine Schwingerin, die sie nicht schon auf den Rücken legen konnte, auch die beiden Schwingerköniginnen Jasmin Gäumann und Isabel Egli hatten gegen Eveline Linggi schon das Nachsehen. Entsprechend ambitioniert sind ihre Ziele im Schwingen.
Nachdem sie im Jahr 2024 in der Jahreswertung Fünfte und letztes Jahr Dritte wurde, möchte sie dieses Jahr einen weiteren Schritt vorwärts machen. «Damit das aber auch gelingt, muss ich gesund bleiben», betont Eveline Linggi. Bis auf eine Schulterverletzung ist sie von grösseren Verletzungen verschont geblieben. Bisher hat sie schon 16 Kränze geholt und drei Schwingfeste gewonnen. Einen Siegermuni konnte Eveline Linggi allerdings noch nie nach Hause nehmen. «Dafür würde sich in unserem Stall wohl schon ein Platz finden», meint die junge Frau mit einem Schmunzeln.
Der Frauenschwingsport habe sich in den letzten Jahren stark entwickelt, gerade in der Westschweiz hätten viele junge Frauen Zugang zum Schweizer Nationalsport gefunden. An den jährlich rund zehn bis zwölf Schwingfesten würden jeweils um die 40 Aktiv-Schwingerinnen und eine schöne Zahl an Meitli teilnehmen. Als technische Leiterin und junge Athletin setzt sich Eveline Linggi nicht nur für die Nachwuchsförderung ein. Mit ihren Erfolgen ist die sportliche Frau auch schon für manche Nachwuchs-Schwingerin ein Vorbild.

