pv_die-grune-onlinePlus

Jung & Wild - Edel, aber wenig rentabel: Kaschmir-Ziegen

Zwei sehr unterschiedliche Betriebe im Wallis und (fast) in der Stadt Luzern haben viel gemeinsam: Es sind Quereinsteiger, die «frischen Wind» in die Landwirtschaft bringen, Mut für Neues, Offenheit und Kreativität in der Vermarktung.

Wenn wir unsere Kaschmir-Ziegen während der Sömmerungszeit auf der Alp nicht einzäunen, würden sie dem Futter über alle Berge nachklettern», erklären Michael Leigener und seine Partnerin Katharina Röske.

Leigener und Röske sind ein eingespieltes Team. Gemeinsam führen sie im Wallis ein Nomadenleben zwischen Berg und Tal. Den Sommer verbringen sie mit hundert Muttertieren und deren Jungtieren auf einer Alp im Nantztal. Ihr Winterquartier ist eine ehemalige Sägerei in Glis bei Brig, die sie zum Ziegenstall umgebaut haben.

«Kaschmir-Ziegen sind sehr ursprüngliche Tiere. Sie sind nicht überzüchtet und in der Haltung relativ anspruchslos», erklärt Michael Leigener. Doch auch das Potenzial der Kaschmir-Ziege als Milch-, Fleisch- und Woll-Lieferant begeistert ihn. Ein Zweinutzungs-Tier sei in den Bergen besser geeignet, als ein auf ein einziges Zuchtmerkmal ausgerichtetes Tier.

Die Zucht von Kaschmir-Ziegen begann Leigener vor vier Jahren, als er die Alp im Nantztal für zehn Jahre pachten konnte. Er hielt vorher schon Ziegen, doch im grösseren Stil habe das Ganze mit der Pachtung der Alp angefangen.

Die Kaschmir-Ziegen fühlen sich auf der «herausgeputzten» Alp im Wallis fast wie im Himalaya

Den ersten Bock hat Michael Leigener zusammen mit einer kleinen Muttertierherde im Toggenburg SG gekauft. Andrea Etter und Stephan Wagner vom Cashmere Garden sind Pioniere in Sachen Kaschmir-Ziegen. «Danach habe ich mit der eigenen Zucht begonnen, wobei ich auch Zuchtlinien aus Frankreich oder Italien und Deutschland einführte, um das Blut in der Herde aufzufrischen.»

Auf der herunter gewirtschaften Alp machten sich Leigener und Röske «learning by doing» an die umfangreiche Renovation und das Herdemanagement. Weil auf der Alp früher nur Kühe gehalten wurden, konnten und mussten sie sich das Herdemanagement gut überlegen. Katharina Röske und Michael Leigener haben keinen landwirtschaftlichem Hintergrund. Sie betrachten es aber als «durchaus positiv, unvoreingenommen an die Sache herangehen zu können».

«Auf der Alp halten wir die Ziegen auf Umtriebsweiden und die Muttertiere während der Melk-Zeit separat von den Jungtieren», erklärt Michael Leigener. Doch die Zicklein und Muttertiere finden nach der Melkzeit Ende August problemlos wieder zueinander. Deshalb ist das Herdemanagement kein Problem.

Die Tiere sind nicht so handzahm wie die Milch-Ziegen, da sie sich das Melken nicht gewohnt sind. Doch die naturnahe Haltungsform ist den beiden Ziegenhaltern wichtig. Die Milchausbeute liegt im Bereich von 0,6 Liter bis 1,8 Liter pro Tag. Die Zicklein können im Herbst die verbleibende Milch saugen und haben damit eine gute Eiweissquelle für ihr Wachstum. So werden auch Euter-Entzündungen vor dem Galt-Stellen der Ziegen im Herbst verhindert.

Herausfordernd seien die Kaschmir-Ziegen nicht in ihrer Haltung, aber in ihrer Wirtschaftlichkeit. «Die naturnahe Haltungsform wird vom Markt nicht honoriert», bedauert Katharina Röske. Neben der verkästen Milch vermarkten sie auch das Fleisch der Kaschmir-Ziegen. «Aber es ist schwierig, das ganze Jahr über Abnehmer für das Gizzi-Fleisch zu finden», erklärt Michael Leigener. Der Markt sei an Ostern interessant, danach praktisch nicht mehr.

Und das Auskämmen der Wolle fordert viel Handarbeit. Pro Kaschmir-Ziege haben die beiden etwa 40 Minuten. Sie schicken die Wolle nach Deutschland in ein kleines Spinnereiunternehmen und erhalten das fixfertige Garn zurück.

Kaschmir-Wolle sei im ländlichen Wallis nicht so bekannt, weiss Katharina Röske, denn das fertige Produkt werde eher im Luxussegment vermarktet. Die Vermarktung von hochwertigen Endprodukten aus Kaschmir-Wolle wie etwa Mützen oder Schals wäre in Städten mit urbaner Kundschaft einfacher. «Auf dem Markt in Brig schätzen die Käufer hingegen die Regionalität und das praktische Produkt.»

Katharina Röske und Michael Leigener wollen weiter Kaschmir-Ziegen züchten, diese aber mit einer kleinen Milchziegen-Herde ergänzen. Zudem möchten sie landwirtschaftliche Nutzflächen zupachten, um den Tieren vor und nach der Alpzeit, wenn noch kein Schnee liegt, einen besseren Auslauf zu ermöglichen.

Vor den Toren der Stadt Luzern weiden 26 Kaschmir-Ziegen, Merino-Schafe und Damm-Hirsche

Ortswechsel. In Meggen bei Luzern bewirtschaftet Ursula Küchler zusammen mit ihrem Mann Renzo Schmid einen 12 ha grossen, vielseitigen Betrieb. Der Panoramahof befindet sich seit Generationen im Besitz der Familie Küchler.

Schon in den 1980er-Jahren wurde auf Mutterkühe umgestellt, was damals revolutionär war. Ursula Küchler pachtete den Hof als «Quereinsteigerin» 2006 und übernahm ihn schliesslich 2011. Heute prägen Hirsche und 26 Kaschmir-Ziegen das Bild.

Die Kaschmir-Ziegen sind auf dem Panoramahof «in Pension». Die Besitzerin lebt in Zürich und im Ausland. Ursula Küchler kümmert sich um die Tiere, um das Auskämmen der Wolle im März und April sowie das Einschicken der Woll-Proben. Das Zuchtziel ist auf die Woll-Qualität ausgerichtet. Die Wolle wird nach England verschickt und kommt als Garn zurück, das die Besitzerin mit den Fellen der Ziegen vermarktet.

Die Haltung von Kaschmir-Ziegen allein aufgrund ihrer Wolle sei finanziell aber nicht interessant, erklärt Ursula Küchler. Deshalb vermarkten die Betriebsleiter das Fleisch direkt in der Gastronomie. Eine einzige Ziege melken sie, um aus der Milch Seife herzustellen, die mit Olivenöl und anderen natürlichen Fetten angereichert wird.

Zur Betriebs-Philosophie von Ursula Küchler gehören die naturnahe und tierfreundliche Haltung der Ziegen sowie ein glaubwürdiges Marketing. Auf den Produkte-Etiketten liest man keine flotten Marketing-Stories, sondern exakt die Inhaltsstoffe. Die Konsumenten aus dem nahen Luzern wissen dies zu schätzen. «Es ist ein Privileg, den Hof so nahe an einer der meist besuchten Schweizer Städte zu haben», meint auch Renzo Schmid.

Die grösste Herausforderung bei der Haltung der Kaschmir-Ziegen sei noch vor dem Fresstrieb ihr Geschlechtstrieb. «Da helfen keine simplen Maschendrahtzäune mehr», lacht Ursula Küchler. Zudem fressen die Kaschmir-Ziegen das Laub und die Rinde von jedem erreichbaren Baum. Im Teamwork bringen sie einen Baum sogar zum Umfallen.

Da sind die Merino-Schafe einfacher zu halten, die Ursula Küchler zur Ergänzung zu den Ziegen zukaufen möchte. Und auch deren Wollertrag ist um einiges ergiebiger. «Zudem kann ich mit den Merino-Schafen das Weidemanagement optimieren. Die Kaschmir-Ziegen sind zwar fressgierig, aber gleichzeitig schnäderfrässig – also sehr selektive Fresser», schmunzelt Ursula Küchler.