Kurz & bündig
- Die Kälberhaltung ist die Produktionskategorie mit dem höchsten Antibiotikaeinsatz. - Die Kälberhaltung der Zukunft braucht daher Haltungssysteme, in denen die Gesunderhaltung der Kälber verbessert werden kann. - Ein Beispiel dafür ist das Projekt «Freiluftkalb», mit dem es gelungen ist, die Gesundheitsparameter von Mastkälbern deutlich zu verbessern. - Auch automatisierte Überwachungssysteme können helfen, die Gesundheit von Kälbern zu fördern. Diese Systeme vor allem auf kleineren Betrieben zu implementieren, ist allerdings oft schwer.
Die Kälberhaltung hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Mehr und mehr Automatisierungen sorgen dafür, dass LandwirtInnen mehr Zeit für die intensive Tierbeobachtung bleibt.
Dies ist wichtig, denn das stetige Monitoring und die Erhaltung eines guten Gesundheitsstatus sind das Rückgrat einer erfolgreichen Kälberhaltung. Vor diesem Hintergrund steht die Haltung von Milchvieh- wie auch von Mastkälbern vor unterschiedlich gewichteten gesundheitlichen Herausforderungen, die nicht selten den Einsatz von Antibiotika notwendig machen.
Neue Wege, um den Antibiotikaverbrauch zu senken
Im Vergleich zu anderen Nutztierarten und Produktionskategorien werden beim Mastkalb in der Schweiz immer noch viele Antibiotika eingesetzt. Insbesondere werden viele sogenannte Reserveantibiotika eingesetzt, die nur in Ausnahmefällen verwendet werden dürften. Übermässiger Einsatz gefährdet deren Wirksamkeit in Zukunft», erklärt Jens Becker, Tierarzt an der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern.
Der 2024 vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen veröffentlichte Bericht zum Antibiotikaverbrauch in der Veterinärmedizin belegt dies in Zahlen. «Innerhalb der Rindergattung und auch im Vergleich mit Nutztierkategorien anderer Tierarten wurde bei Mastkälbern und -rindern mit Abstand die grösste Wirkstoffmenge von Reserveantibiotika verzeichnet», legt das BLV weiterhin dar.
Dieser grosse Einsatz kann dazu führen, dass resistente Bakterien im Vorteil sind und die nichtresistenten Keime verdrängen. Lösen antibiotikaresistente Bakterien nun Krankheiten bei Menschen und Tieren aus, können diese unter Umständen nur schwierig oder gar nicht mehr behandelt werden. Um den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren, gilt es, neue Wege zu finden. «Die Eckpunkte, die für eine bessere Gesundheit der Mastkälber essenziell sind, sind bekannt», sagt Jens Becker. Allerdings sei dies ein sehr komplexes Thema.

«Bei Mastkälbern werden noch immer viel Antibiotika eingesetzt.»
Jens Becker, Tierarzt
Haltungsformen, die die Tiergesundheit nachweislich stärken, mit tieferer Sterblichkeit und tieferem Antibiotikaeinsatz einhergehen und bei denen weniger resistente und multiresistente Bakterien gefunden werden, seien für Tier und Mensch vorteilhaft. Diese weiter zu erforschen, sie weiterzuentwickeln und voranzutreiben, ist eine Aufgabe, der sich die Forschung stellt. Zuletzt im Rahmen des Projektes «Freiluftkalb».
«Solche Projekte zeigen, dass wir unsere Pflicht wahrnehmen, für die Tiere in unserer Obhut zu sorgen und sie erfolgreich vor bakteriellen Resistenzen zu schützen, die sehr gefährlich werden können», erklärt Becker, der mit seinen Kolleginnen und Kollegen der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse Fakultät Bern vor diesem Hintergrund ein innovatives Konzept zur Haltung von Mastkälbern unter Schweizer Bedingungen erarbeitete.
Die Umstallung vom Geburts- auf den Mastbetrieb und die Mast erfolgen dabei schrittweise. Während der Mastdauer befinden sich die Kälber ausschliesslich in Iglus und in gedeckten, eingestreuten Ausläufen im Freien, daher der Name «Freiluftkalb». Die Kälber durchlaufen im «Freiluftkalb»-System eine Mast, die aus drei klar voneinander getrennten Schritten besteht:
Die Kälber werden bereits auf dem Mastbetrieb geboren oder von einem Milchviehbetrieb zugekauft. Im letzteren Fall findet der Transport ohne Kontakt zu Kälbern aus anderen Betrieben statt (sogenannter «direkter Transport»).
Die Kälber werden gegen Erreger von Lungenentzündungen geimpft und im Sinne einer Quarantäne für 21 Tage in Einzeliglus im Freien gehalten.
Nach der Quarantäne wechseln die Kälber zur Gruppenhaltung mit bis zu zehn Tieren, wo sie bis zur Schlachtung verbleiben. Die Gruppen werden einmal gebildet, danach werden keine weiteren Kälber hinzugefügt. Der Auslauf vor den Gruppeniglus ist auf einer Höhe von rund drei Metern überdacht, hat keine festen Seitenwände und ist mit Stroh eingestreut, sodass sich die Tiere auch bei kalter Witterung draussen an der frischen Luft «einnisten» können.
Die konkreten Ziele des 2020 abgeschlossenen «Freiluftkalb»-Projektes waren die Verbesserung der Tiergesundheit und damit eine tiefere Sterblichkeitsrate und ein tieferer Antibiotikaeinsatz. Durch eine Reduktion der antibiotischen Behandlungen sollten die Antibiotikaresistenzen in der Kälbermast weiterhin reduziert werden, was auch Tieren anderer Produktionskategorien und dem Menschen zugutekommt.
Um dies zu untersuchen, wurde das Freiluftkalb-Konzept auf 19 Betrieben in sieben verschiedenen Kantonen sowohl in der Deutsch- als auch in der Westschweiz implementiert. Zahlreiche Kälber wurden in regelmässigen Abständen auf drei verschiedene Bakterienstämme hin beprobt.
Verglichen wurden die dabei generierten Daten mit denen von 19 konventionell wirtschaftenden Kontrollbetrieben. Bei den Betrieben, die das Freiluftkalb-Konzept umsetzten, war der Antibiotikaeinsatz um 80 Prozent tiefer als in den Kontrollbetrieben. Ein Pluspunkt fürs Tierwohl bei gleichbleibender Wirtschaftlichkeit. Die Sterblichkeitsrate der Tiere war auf den Freiluftkalb-Betrieben um 50 Prozent geringer als beim etablierten Standard.
«Es ist ein vielversprechendes Konzept, das mit einem hohen Tiergesundheitsstatus verbunden ist», schlussfolgert Jens Becker. Allerdings gebe es momentan keine Förderungen für dieses System. Da es sich um einen überdachten Auslauf handelt, ist das Freiluftkalb-System vom Fördergefäss des Bundes für das Haltungskonzept «RAUS» nicht akkreditiert. Ob das Konzept «Freiluftkalb» als Modell für die Zukunft der Rinderhaltung in der Schweiz dient, bleibt bislang offen.

Automatisierung als Chance für bessere Kälbergesundheit
Innovative Haltungssysteme spielen bei der Verbesserung der Kälbergesundheit trotz allem eine Rolle. Nicht zuletzt kann auch die Automatisierung der Ställe durch Tränkeautomaten, Fütterungs- und Einstreusysteme einen Teil dazu beitragen. «Die Erfassung von Sensordaten ist in den letzten Jahren einfacher geworden», sagt Jens Becker und fügt hinzu: «Für eine effiziente Auswertung dieser automatisch erfassten Daten, welche direkt mit einer Verbesserung der Tiergesundheit verbunden wären, gibt es jedoch noch viel zu tun». Gute Tierüberwachung kann einen grossen Vorteil in Sachen Gesundheitsmanagement bedeuten.
Allerdings spielen dabei auch immer die Kompatibilität unterschiedlicher Überwachungssysteme und deren Konnektivität an das auf dem Betrieb genutzte Herdenmanagementsystem eine Rolle.
Hilfreich ist dies vor allem, wenn verschiedene Gesundheitsdaten gebündelt werden können und dann eine Managementmassnahme vorgeschlagen werden kann, die auf mehreren Parametern beruht. Dafür braucht es allerdings die passenden Schnittstellen im digitalen System und eine cloud-basierte Speicherung der Daten.
Kälber mit künstlicher Intelligenz (KI) überwachen
Die technische Entwicklung schreitet in der Tierhaltung stark voran. Zu erkennen war dies zum Beispiel am Goldmedaillengewinner des Innovation-Awards auf der Tierhaltungsmesse Euro Tier 2024 in Hannover, auf der Hightech im Kälberbereich stark im Fokus stand.
Den Preis erhielt das Unternehmen Förster-Technik für ihr KI-basiertes Kälber-Überwachungssystem «Calf-GPT». Das futuristische System kombiniert die digitale Überwachung mit sogenannten Large-Language-Models (LLM). Per Sprachsteuerung können LandwirtInnen beispielsweise am Tränkeautomat Informationen zu einzelnen Kälbern abfragen – und das in 160 verschiedenen Sprachen.
Der Mitarbeiter trägt dabei Bluetooth-Ohrstöpsel, hat also beide Hände frei, und stellt der KI zum Beispiel die Anfrage: «Gib mir Informationen zu Kalb Nr. 12.» Die KI liefert Antworten zur getrunkenen Milchmenge am heutigen sowie am gestrigen Tag, zu der Trinkgeschwindigkeit, zu den abgebrochenen Tränkgängen oder zur Anzahl der Besuche am Tränkautomat – mit oder ohne Anrecht. Hightech-Agrarunternehmen sehen in der Kälberaufzucht enormes Potenzial. Damit liegen sie vielleicht richtig, jedoch müssen sich die Betriebe eine solche technische Aufrüstung auch leisten können.

