pv_die-grune-onlinePlus

Pflanzenkohle kommt als Futterzusatz und Einstreu für Kühe und Kälber zum Einsatz

Pflanzenkohle ist in der Landwirtschaft mittlerweile verbreitet. In der Rinderhaltung kommt die Kohle meist als Zusatz im Futter oder als Einstreu zum Einsatz. Worauf ist bei der Gabe von Pflanzenkohle zu achten und welche Potenziale bietet sie in der Kälberhaltung?

Kurz & bündig

- Pflanzenkohle bindet Krankheitserreger im Darm. Dadurch vergrössert sich das entstehende Molekül. Es ist für eine Passage durch die Darmwand zu gross und wird ausgeschieden. - Kälber, denen in heiklen Phasen Pflanzenkohle ad libitum zur Verfügung steht, benötigen weniger und kürzere Behandlungen.

«Pflanzenkohle zeigt in der Praxis eine gute Wirkung bei durchfallkranken Tieren oder präventiv eingesetzt zur Stabilisierung der Verdauung und Unterstützung des Stoffwechsels», erklärt Selina Hug, Beraterin für Tierhaltung und Milchwirtschaft am Strickhof. Pflanzenkohle habe eine grosse Oberfläche mit guten Bindungseigenschaften.

Deshalb sei sie dazu in der Lage, Krankheitserreger oder Toxine im Verdauungstrakt an sich zu binden, so Hug. Sind die Schaderreger an die Pflanzenkohle gebunden, ist das aus der Verbindung entstandene Molekül zu gross, um die Darmwand zu passieren, und wird über den normalen Verdauungsweg ausgeschieden. «Die Bindungseigenschaft von Pflanzenkohle gegenüber Mineralstoffen und Vitaminen ist jedoch umstritten, daher empfehle ich grundsätzlich, die Pflanzenkohle nur im Rahmen einer Kur für maximal zwei Monate einzusetzen», rät Selina Hug.

Dass Pflanzenkohle in der Schweizer Landwirtschaft oft eingesetzt wird, zeigte eine Onlineumfrage des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) aus dem Jahr 2022, in der die WissenschaftlerInnen knapp 200 Landwirtinnen und Landwirte dazu befragten. Drei Viertel der Teilnehmer gaben an, zum Zeitpunkt der Umfrage Pflanzenkohle zu nutzen. Gemäss den Umfrageergebnissen fand die Pflanzenkohle mehrheitlich als Futterzusatz oder in der Einstreu auf tierhaltenden Betrieben Verwendung.

In heiklen Phasen ad libitum Pflanzenkohle anbieten

Doch worauf ist bei der Gabe und Dosierung genauer zu achten? Beziehungsweise: Wie unterscheidet sich die Fütterung von Pflanzenkohle bei der Kuh und beim Kalb? Beraterin Selina Hug ordnet ein: «Kälbern kann man Pflanzenkohle in der heikelsten Phase der Durchfallerkrankungen auch ad libitum anbieten. Es gilt aber, die Aufnahme der Kälber gut zu beobachten. Frisst ein Kalb sehr viel Pflanzenkohle, ist eine Limitierung des Angebotes sinnvoll, um Verstopfungen zu vermeiden. Kühen kann zwischen 50 und 150 g Pflanzenkohle pro Tag verabreicht werden.»

Ferner sollte die Kohle pulverförmig sein; bei Kühen sollten die Partikel eine Grösse von maximal 0,5 cm, bei Kälbern eine Grösse von maximal 0,2 cm nicht überschreiten. In der Fütterung eingesetzte Produkte müssen zudem eine Futtermittelzulassung haben, erklärt Hug. Damit sei gesichert, dass rein pflanzliches Material für die Kohleherstellung verwendet und der Grenzwert für Schwermetalle eingehalten wurde.

Nach Angaben des Pflanzenkohle-Herstellers Verora AG sei naturbelassenes Holz die Basis für Futterkohle, welche durch Hitze bei weniger als 700 Grad und unter Ausschluss von Sauerstoff in ihre Bestandteile zerlegt wird. Der Kohlenstoffgehalt sollte über 80 Prozent liegen. Futterkohle brauche für eine gute Wirkung ein hohes Porenvolumen mit unterschiedlichen Porengrössen.

Frische Pflanzenkohle aus der Verbrennung bestehe nur noch aus der porösen Holzzellenstruktur mit Kohlenstoff und möglichst wenig Asche, schreibt die Verora AG. Sie wirke wie ein Schwamm, der sich in Kontakt mit feuchtem, organischem Material vollsaugt. Die unterschiedlichen Porengrössen spielen offenbar eine wichtige Rolle für die Abbindung von Schadstoffen, so der Hersteller.

Unbedingt die Qualität der Pflanzenkohle beachten

Möchten LandwirtInnen Pflanzenkohle zur Fütterung ihrer Kühe und Kälber einsetzen, sei auf die Zertifizierungskennzeichnungen EBC-FeedPlus oder EBC Agrobio zu achten, welche garantieren, dass die Qualität der Pflanzenkohle für deren Einsatz in der Tierfütterung geeignet ist, so Susanne Simonett-Sinz, landwirtschaftliche Beraterin am Plantahof in Graubünden. Simonett-Sinz begleitete im Jahr 2023 eine Untersuchung zum Einsatz von Pflanzenkohle in der Kälberfütterung.

Den Kälbern im Versuch auf dem Plantahof stand Pflanzenkohle im grünen Eimer zur freien Verfügung.
Den Kälbern im Versuch auf dem Plantahof stand Pflanzenkohle im grünen Eimer zur freien Verfügung.

Einer Kälbergruppe wurde im Rahmen der Untersuchung Pflanzenkohle ad libitum angeboten. Der Kontrollgruppe stand keine Pflanzenkohle zur Verfügung. «Eine tägliche Ein- und Rückwaage der zur Verfügung gestellten Pflanzenkohle hat einen durchschnittlichen Tagesverzehr von 27 Gramm Pflanzenkohle pro Tier und Tag ergeben. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Kälber die Pflanzenkohle gerne fressen. Die Aufnahmemenge scheint jedoch je nach Gesundheitszustand zu variieren», erklärt Simonett-Sinz die Ergebnisse der Untersuchung.

Die durchschnittlichen Tageszunahmen sowie die Tageszunahmen pro Kilogramm vertränkter Milch unterschieden sich nicht zwischen den Gruppen. «Jedoch konnten dank des Einsatzes von Pflanzenkohle positive Effekte in Bezug auf Antibiotika-, Grippe- und Durchfallbehandlungen festgestellt werden», sagt die Beraterin. Kälber aus der Pflanzenkohle-Gruppe mussten in ihrem Versuch weniger mit Antibiotika oder anderen Medikamenten gegen Grippe- und Durchfall behandelt werden.

Pflanzenkohle kommt als Futterzusatz und Einstreu für Kühe und Kälber zum Einsatz

«Pflanzenkohle wirkt gut bei Durchfallerkrankungen.»

Selina Hug, Strickhof

Während 35 Prozent der Tiere in der Pflanzenkohle-Gruppe mit Antibiotika behandelt werden mussten, betraf dies in der Kontrollgruppe ohne Pflanzenkohle 54 Prozent der Tiere. Waren die Tiere an Grippe erkrankt, zeigten sich noch deutlichere Unterschiede: Der Anteil der Tiere mit Grippebehandlung lag in der Pflanzenkohle-Gruppe bei 16 Prozent, in der Kontrollgruppe bei 51 Prozent. Der Anteil der Tiere, die gegen Durchfall behandelt werden mussten, unterschied sich ebenfalls: In der Pflanzenkohle-Gruppe betraf dies 46 Prozent, in der Kontrollgruppe 71 Prozent der Kälber.

Zudem verkürzte sich die Behandlungsdauer gegen Grippe und Durchfall deutlich: Während die durchschnittliche Behandlungsdauer bei den Kälbern der Pflanzenkohle-Gruppe 2,8 Tage betrug, lag die durchschnittliche Behandlungsdauer bei der Kontrollgruppe bei 5,7 Tagen. «Durch diese Unterschiede verringerten die Behandlungskosten pro Tier um mehr als die Hälfte von 55 Fr. auf 21 Fr. Dies auch, wenn die Kosten für die Pflanzenkohle von 5 Fr. während der Gruppenhaltung mitberücksichtigt wurden», resümiert Susanne Simonett-Sinz. Pflanzenkohle kann also ein Baustein zur Verbesserung der Kälbergesundheit sein, wie diese Untersuchung zeigt.

Pflanzenkohle auch als Einstreuzusatz im Stall nutzen

In ihrem Merkblatt zum Einsatz von Pflanzenkohle in der Landwirtschaft aus dem Jahr 2021 berichtet Agroscope neben dem Einsatz von Pflanzenkohle in der Tierfütterung ebenfalls von deren Einsatz als Einstreuzusatz im Stall. Damit einher gehe ein verbessertes Stallklima, sowie die Vorbeugung von Entzündungen an Ballen und Klauen, da die Einstreu durch die Beimischung von Pflanzenkohle trockener bleibe.

Marisa Furger, Beraterin für klimaneutrale Landwirtschaft am Plantahof, bestätigt, dass diese Art der Nutzung der Tiergesundheit zusätzlich dienlich sei. «Der Einsatz von Pflanzenkohle in Laufgängen und Laufhöfen zur Verbesserung der Rutschfestigkeit und des Stallklimas hat sich bewährt und trägt weiter dazu bei, dass Güllekanäle besser laufen», so Furger. Auf diese Weise leistet die Pflanzenkohle einen Beitrag zu verminderten Nährstoffverlusten und geringeren Ammoniak-Emissionen. Zum Einfluss verschiedener Pflanzenkohle-Anwendungen als Additiv zu Einstreu oder Gülle auf Ammoniak-Emissionen gebe es, laut Agroscope, jedoch noch zu wenige Daten, und es seien dringend weitere Studien erforderlich.

Pflanzenkohle kommt als Futterzusatz und Einstreu für Kühe und Kälber zum Einsatz

«Pflanzenkohle hat eine positive Klimawirkung.»

Marisa Furger, Plantahof

Durch die Nutzung von Pflanzenkohle in der Tierhaltung gelangt diese entweder über den Mist oder über die Gülle ins Feld. Dazu erklärt Agroscope in ihrem Merkblatt folgendes: «Wird die Gülle mittels Schleppschlauch und Einschlitzverfahren in den Boden eingetragen, gelangt auch die Pflanzenkohle in die Zone, wo sie agronomisch am wertvollsten ist. Wird die mit Pflanzenkohle versetzte Gülle etwa mittels traditionellem Prallteller ausgebracht, verbleibt die nährstoffbeladene Pflanzenkohle an der Oberfläche und wird nur langsam über die Aktivität von Bodenlebewesen in den Boden eingetragen. Je biologisch aktiver und bewachsener der Boden ist, desto schneller erfolgt der Transport in tiefere Bodenschichten.»

Wird die Pflanzenkohle in der Fütterung von Freilandtieren eingesetzt, werde diese mit dem Dung ebenfalls auf der Bodenoberfläche abgelegt. Je nach biologischer Aktivität der Erde auf der Weide, werde die Pflanzenkohle jedoch recht schnell in den Boden eingetragen.

Marisa Furger erklärt in diesem Zusammenhang: «Durch die Bindung von Nährstoffen im Hofdünger beziehungsweise durch den geringeren Nährstoffverlust können auch aus Klimasicht positive Effekte durch den Einsatz von Pflanzenkohle erzielt werden. Der in den Boden eingebrachte Kohlenstoff aus Pflanzenkohle ist dadurch allerdings wohl zu gering, um als grosse Kohlenstoffsenke zu dienen.»

Auch Agroscope bestätigt, dass es bislang keine wissenschaftlich belastbare Grundlage gebe, die es ermöglicht, die Emissionsreduktionen durch Pflanzenkohle in der Tierhaltung verlässlich messbar zu machen. Robuster wissenschaftlicher Konsens bestehe allerdings darin, dass Pflanzenkohle Methan-Emissionen während der Kompostierung reduziert.

Die Pflanzenkohleanbieter in der Schweiz

Der Markt für Pflanzenkohle wächst. Grund dafür sind ihre vielfältigen Einsatzbereiche in der Landwirtschaft, im Gartenbau bis hin zur industriellen Kohlenstoffbindung. In der Schweiz gibt es mehrere Hersteller, die verschiedene Pflanzenkohleprodukte anbieten. Ein Überblick: Die in Neuheim ZG ansässige Verora AG bietet unter anderem pure Pflanzenkohle, Einstreukohle sowie feine Futterkohle an. Die Futterkohle ist als 50-l-Sack für 62,20 Fr. oder als Bigbag (1 m³) für 615 Fr. erhältlich. www.verora.ch Der Hersteller Char’o aus Frauen-feld TG bietet zum Beispiel mit Pflanzenkohle versetzte Komposterde, Substratkohl sowie Futterkohle an. Letztere ist im Bigbag (2,2 m³) für 499 Fr. oder im Smallbag (1 m³) für 299 Fr. erhältlich. www.pflanzenkohle-charo.chInkoh produziert in Maienfeld GR verschiedene Pflanzenkohleprodukte zur Bodenverbesserung. Ebenfalls wird auch Futterkohle für den Einsatz in der Tierhaltung verkauft. Diese ist in Bigbags (1,2 m³) für 530 Fr. oder als Sackware (50 l) für 48 Fr. erhältlich. www.inkoh.swiss